Mallorca alternativ: Faulenzen auf der Finca
VON JAN SCHNETTLER - zuletzt aktualisiert: 31.05.2010 - 10:25(RP). Mallorca möchte das Ballermann-Klischee abschütteln. Mit der Besinnung auf alte Stärken soll der Bogen vom Massen- zum Klassentourismus geschlagen werden. Im Mittelpunkt: Natur, Kultur und Gastronomie.
Die Anfahrt erfolgt über atemberaubende Serpentinen. Es geht vorbei an blühendem Ginster, an prall gefüllten Mandarinenbäumchen, dann und wann steht auch mal ein Pfau aus dem angrenzenden Naturschutzgebiet in der Kurve. Schon ein erster Blick lässt erahnen, dass den Gästen der Finca "Es Ratxo" zwei Dinge besonders wichtig sein müssen: Abgeschiedenheit und Exklusivität. Ersteres, weil das luxuriöse Landhotel am Fuße des Puig de Galatzó verborgen liegt - und letzteres, weil neben dem Faktor Höhenangst auch der Geldbeutel mitbestimmt, wer den Weg hinunter in das enge Tal findet.
Mallorca ist die Pilgerstätte des Massentourismus schlechthin. Das hat der Baleareninsel den Ruf des "17. deutschen Bundeslandes" eingebracht - in jüngster Zeit jedoch auch die Erkenntnis, dass die Reduzierung auf Sangria-Partys am Ballermann nicht das begehrte Urlaubsangebot sein kann. Fast jeder war einmal da, aber kaum jemand hat die Insel wirklich gesehen: Pauschalreisen bedingen Pauschalurteile. Daher wuchs der Wunsch nach einer Variante von Tourismus, die zum einen zeigt, was Mallorca tatsächlich alles zu bieten hat, und sich zum anderen umweltbewusster und individueller gestaltet. Damit war Anfang der Neunziger das Urlaubskonzept des Landtourismus geboren.
Fincas in jeder Preisklasse
"Mittlerweile gibt es 115 anerkannte Fincas auf der Insel", sagt Brigitte Förster von der Associació Agroturisme Balear, "und das in jeder Preisklasse." Der Verband wurde 1989 mit dem Ziel gegründet, alte Bauernhöfe, Landgüter oder Herrenhäuser behutsam für den Tourismus zu öffnen. Dabei ist Finca nicht gleich Finca: Gesetze regeln, was sich Agroturismo (Landurlaub), Hotel Rural (Landhotel) oder Turismo de Interior (Dorfhotel) nennen darf. Mindestfläche, Mindestalter der Gebäude, maximale Bettenzahl sowie Verzicht auf bauliche Veränderungen sind vorgeschrieben, zum Teil auch ein Mindestabstand zu touristischen Zonen. "Fincaurlaub bedeutet nicht, irgendwo ein Appartement zu mieten", weiß Förster. Die Fincas machen nur ein Prozent der 300.000 mallorquinischen Urlaubsbetten aus, als Wirtschaftsfaktor jedoch gewinnen sie an Bedeutung. "Fincaurlauber sind umweltbewusster. Sie kommen wegen der Ruhe, der Landschaft, der Gastronomie und der Architektur", berichtet Brigitte Förster.
Die Finca "Es Ratxo" nahe Puigpunyent beispielsweise eröffnete Ende Februar. Zuvor wurde die maurische Siedlung aus dem 11. Jahrhundert sieben Jahre lang auf Vordermann gebracht. Die Ölpresse aus dem 16. Jahrhundert bildet den Mittelpunkt des Restaurants, beschreibt Direktor Federico Gonzalez de Aguilar Erasmo das gastronomische Interieur. In ehemaligen Stallungen befindet sich ein topmodernes Spa. Mit Zimmerpreisen zwischen 195 Euro (Einbettzimmer, Nebensaison) und 1200 Euro pro Nacht (Suite Real, Hochsaison) liegt das Landhotel im Luxussegment ganz vorne.
Dass es auch einfacher und dabei nicht minder schön geht, zeigt Aurora Oliver. Seit wenigen Monaten leitet die erst 19-Jährige die Finca "Balitx d’Avall", ein altes Berghaus inmitten der Sierra de Tramuntana, das ohne Allradantrieb mit dem Auto gar nicht zu erreichen ist. Der Familienbetrieb, der besonders Radler und Wanderer anzieht, betreibt Landwirtschaft, denn vom Tourismus allein kann er noch nicht leben. Zwischen Steineichen, Oliven- und Zitronenbäumen grasen Ziegen und Lämmer - Grundlage für die rustikale Küche des Restaurants. Doch wie bei allen anderen Fincas wird auch in "Balitx d’Avall" Wert gelegt auf die Kombination von Ursprünglichkeit und modernem Standard: Ein Swimming-Pool inmitten der sanften Hügel etwa ist Pflicht. Die Preise, zwischen 95 (Einzel-) und 136 Euro (Doppelzimmer) halten sich im Rahmen.
Jede Finca ist anders
Und jedes Anwesen spricht unterschiedliche Gästewünsche an. „Es Castell“ nahe Binibona beispielsweise wirkt wie eine rosenumrankte Burg aus "Don Quixote". In „Es Castell“ führt der Engländer James Hiscock Regie. "Meine Frau und ich wollten etwas Neues ausprobieren", sagt der frühere Unternehmensberater, der seinen Gästen höchstpersönlich Wander- und Radtouren anbietet. Das Spanferkel für den Abendteller können sich diese selbst auswählen.
"Es Rafal Podent" bei Manacor wiederum ist besonders für Familien interessant. Das rührige Ehepaar Juan Barredo (75) und Francisca Quetgas (67) bietet kleine, individuelle Appartements an, darunter den Wachtturm der ehemaligen Burg, aus dem heraus Korsaren abgewehrt wurden. Gäste können reiten, Fahrrad fahren - auch das Meer ist nicht weit. Sechs Quellen hat Barredo im Laufe der Jahrzehnte mit der Wünschelrute gefunden - in den damit bewässerten Obst- und Gemüseplantagen können sich die Gäste nach Herzenslust bedienen. Ergebnis einer modernen Investition: Solarstrom heizt den Pool bis in den November.
"Monnaber Vell" bei Campanet ist in deutscher Hand. Besitzer Karsten Imm hat die alte Ölpresse wiederbelebt, Wanderwege in den Bergen neu beschildert und einen Salzwasser-Pool anlegen lassen, der durch sein außergewöhnliches Design besticht. Regelmäßig bietet er für seine Gäste Weinproben und Führungen durch das Landgut an. "Wir sind ein aktiver Land- und Forstwirtschaftsbetrieb", sagt Imm nicht ohne Stolz.
Golf auf Bergkuppe
Wer auf traumhaften Meerblick und ausgefallene Küchenkreationen unter Sonnensegeln Wert legt, ist in der drittgrößten Finca Mallorcas bestens aufgehoben: "Can Simoneta" bei Canyamel. Viele Frischvermählte nutzen das abwechslungsreiche Angebot. Im Landhotel "Posada D’es Moli", zwölf Kilometer von Palma entfernt, kocht Besitzer Juan Rubi einmal wöchentlich für seine Gäste Paella. Wer von einer eher kühlen Architektur mit klarem, modernem Design angesprochen wird, ist im mondänen „Son Penya“ bei dem Dorf San Lorenzo bestens aufgehoben. Besonders Golfer mögen die auf einer Bergkuppe inmitten von Schafweiden gelegene Finca.
Infos: Um die Vielfalt der Finca-Landschaft kennen zu lernen, empfiehlt sich eine Rundreise mit mehreren Stationen. Für Einsteiger hält das Spanische Fremdenverkehrsamt in Düsseldorf (Telefon 0211 698 54 06, Frau Cañamero Lopez) Tipps und Broschüren bereit. Details über die verschiedenen Angebote und Buchungsmöglichkeiten nennt Brigitte Förster vom Finca-Verband (Telefon 0034 971 721 508). Auskünfte im Internet unter www.topfincas.com


