Abenteuerurlaub in Ohio: Freizeitspaß in freier Wildbahn
VON ULRICH SCHWENK - zuletzt aktualisiert: 11.03.2011 - 01:19Columbus (RP). Ein Urlaub in den US-Bundesstaaten Pennsylvania und Ohio bedeutet: Spaß an der freien Luft, rustikales Wohnen und Begegnungen mit vielen deutschstämmigen Amerikanern.
Ein junger Amerikaner, Leifken, steht unter einer Baumkrone auf einer Plattform, die den Stamm umschließt. Sechs Meter hoch. Tief in Ohio, US-Bundesstaat im Nordosten, erzählt der Aufpasser mit dem nordischen Vornamen von seinen deutschen Vorfahren, seiner Passion für germanische Mythen und kohlrabenschwarzen Wald. In seine rechte Wade ist Odin eintätowiert samt Krähen und Tann. Dann knackt es im Funkgerät, die Strecke ist frei, Leifken nickt und gibt das Startkommando: „Go!“ Jetzt beginnt die wilde Jagd.
Zip-Lining kommt gut. Die Touristen haben Spaß, fliegen von Baum zu Baum. Sie sitzen in einem Tragegeschirr, die Beine baumeln, vorne ist ein Seil befestigt mit einem kleinen Metallschlitten am Ende, kaum handtellergroß. Den Schlitten hängt Leifken in Kopfhöhe aufs Stahlseil. Hände übereinandergelegt auf den Schlitten, gut hängenlassen ins Geschirr und: „Go!“
Weiter See und dunkler Wald
Ohio und das östlichere Pennsylvania mit der Millionenmetropole Philadelphia liegen südlich der Großen Seen im Norden der USA. Ihr nächstgelegener ist der Eriesee. Der Zusammenhang ist geographisch und touristisch: Wasser oben, unten Wald und Felsen, zusammen ein riesiges Abenteuerland, wenn man ganz viel Draußen mag, Abgeschiedenheit und dunkelste Dunkelheit aushält und zur Freizeitverrichtung in freier Wildbahn neigt.
Klettern, Wandern, Kanu fahren, diese vierrädrigen Geländeflitzer (ATV), Segway oder Mountainbike fahren, Reiten, im Sportflieger über die Wipfel hüpfen, Nachtwandern durch den Wald unter stockfinsterem Nachthimmel, die ganze Milchstraße dehnt sich strahlend sichtbar aus, weil sonst kein Licht brennt weit und breit.
Fliegen am Stahlseil
Zurück zum Zip-Lining. Es läuft immer besser. Die Anlage in Ohio liegt in den Hocking Hills, große weite urwüchsige State-Park-Gegend. Canopy Tours hat den Parcours ganz neu gebaut. Alles top in Schuss, keine Sorge bei vierzig, fünfzig Sachen. Huiii! Ist aber noch gar nicht die Grenze der Möglichkeiten, am Ende wird es noch um Längen besser, schneller, irrer. Wo sind wir denn hier?
Du fliegst also am Stahlseil entlang durch den Wald und denkst dasselbe wie auf allen Fahrten durch die waldreichen Regionen von Pennsylvania und Ohio: dass der Wald, dieser Mischwald, mehr oder weniger so ausschaut wie der deutsche Mischwald, dass die ganze Landschaft über weite Strecken – und die gibt es genug – wie Mitteleuropa ausschaut von seiner unberührtesten Seite. Ist man Österreicher, fällt einem auf, dass manche Gegend an die Steiermark erinnert. Vui arg!
Fremd und doch vertraut
Man reist ja auch, um aus seiner Haut doch mal herauszukönnen. Ein Anderer sein, ein Fremder sein. Kann man in Pennsylvania und Ohio gut. Und irgendwie auch nicht. Du bleibst dort ein Deutscher unter Deutschen, na ja, das heißt, unter deutschfreundlichen, deutschstämmigen, deutschsehnsüchtigen Amerikanern.
Das muss ja nichts Schlechtes sein. Im Gegenteil. Ist ein astreiner Eisbrecher. Superschnell im Gespräch über Dinge, mit denen man sich auskennt, gegebenenfalls. Deutsche Geselligkeit, deutsche Bierseligkeit, deutsche Städte, pittoreske Städte, Uni-Städte, Urlaub in Deutschland, Reisen durch Deutschland, deutsche Sprache, deutsche Landschaft, deutscher Wald, deutsche Wurzeln.
Deutsche Siedler kamen erstmals im 17. Jahrhundert nach Pennsylvania, wurden mehr und mehr, breiteten sich aus, hier und bis nach Ohio. In beiden Staaten bilden die Deutschstämmigen heute die mit Abstand größte Bevölkerungsgruppe, fast 30 Prozent machen sie aus, es folgen die Iren (etwa 15 Prozent).
Besuch bei den Amish
Mit den Deutschen kamen die Amish, diese streng religiöse Gruppe, verfolgt in Europa, fliehend nach Amerika. Sie ließen sich in Lancaster County in Pennsylvania nieder. Ihre größte Ansiedlung heute liegt in Holmes County in Ohio, gut die Hälfte der 40.000 Einwohner sind Amish. Sie sprechen ein altes Deutsch. Sie leben wie vor Jahrhunderten, kein Strom, kein Fernseher, Autofahren nur im Krankenwagen oder als Beifahrer. Stattdessen Kutschen. Mann trägt schwarzen Anzug und Hut, Frau Kleid und Haube.
Mit den Waltons vor Augen hat man schon ein ganz gutes Bild. Besser natürlich: „Lockende Versuchung“, dieser hinreißende Hollywoodfilm mit dem Kutschenrennen fahrenden, unheilig eitlen Gary Cooper. Klar, sind Quäker, aber ziemlich nah dran an den Amish. Die leben abgeschottet in ihren Gemeinden, wollen nicht fotografiert werden, unheilige Eitelkeit.
Sie treiben Handel. Sie haben sich dem Tourismus geöffnet. Essen in einem Amish-Haushalt ist buchbar, Huhn, Sauerkraut, Kartoffelpüree, zum Beispiel, ein Dutzend Leute am Tisch, Schüsseln weiterreichen. Großfamilie. Erinnerungen. Ernstes, ein bisschen neidisches Nachdenken über die diese Lebensweise, ihre Verlockungen. Und darüber, was einem entginge.
Du fliegst also am Stahlseil entlang durch den Wald von Ohio. Aber du willst alles, die volle Packung, die Cruise Missile des Zip-Linings. Den Superzip, die Raketenzugabe. Riesenhoher Holzturm für ausreichend Gefälle, du eingehängt in der Waagerechten, Kopf nach vorne, Reißleine gezogen und „Go“.
Ein Urlaub in den US-Bundesstaaten Pennsylvania und Ohio bedeutet: wilder Outdoor-Spaß, rustikales Wohnen und Fachsimpeln mit den vielen Deutschstämmigen.


