Urlaub in der ewigen Kälte: Grönland: Gigantische Schönheit aus Eis
VON SARAH DICKMANN - zuletzt aktualisiert: 07.02.2010 - 15:28Düsseldorf (RP). Klirrende Kälte, bizarre Eis-Formationen und winzige Siedlungen: Das ist Grönland. Auf der größten Insel der Welt finden Besucher Ruhe und eine faszinierende Landschaft.
Dreimal pro Woche steigt Ingo Wolff in sein Kanu und schippert los. Schwer liegt das kleine Boot im Wasser, wenn der 55-Jährige von seiner Tour zurückkehrt: In großen, bunten Kanistern hat er aus dem nahe gelegenen Gletschersee Wasser geholt, zum Trinken, Kochen und fürs Bad.
Denn fließendes Wasser gibt es in der Siedlung Oqaatsut in West-Grönland nicht. 50 Menschen leben dort, und mit ihnen etwa dreimal so viele Schlittenhunde. Im Winter wird es minus 25 Grad kalt und im Sommer höchstens 17 Grad warm.
Es wächst kein Obst und kein Gemüse, wer ein Auto hat, kann maximal eine Strecke von vier Kilometern zurücklegen - weiter führt keine Straße. Dort, am Ende der Welt, wie die Grönländer ihre Heimat beschreiben, haben Ingo Wolff und seine Frau Uta aus dem thüringischen Gera vor acht Jahren ihr Restaurant eröffnet.
„H 8“ heißt es, benannt nach einem Schriftzug auf dem Dach, der den Amerikanern während des Kalten Krieges als Orientierungspunkt diente. Die Region lebt vom Fischfang, die Gäste genießen, was das Meer bietet: Wal, Robbe, Garnelen und Lachs.
Dazu gibt es, was Uta und Ingo Wolff aus ihrer Heimat kennen: Streuselkuchen und Thüringer Klöße. Die Zutaten bestellt das Ehepaar in Dänemark, manchmal dauert es ein halbes Jahr, bis sie per Schiff eintreffen. Das Leben, erzählt Uta Wolff, sei komplett anders als in Deutschland. „Es ist einfacher, ursprünglicher - und schöner.“ Ob sie etwas vermissen? „Kirschen“, sagt Ingo Wolff, „aber sonst haben wir hier alles, was wir suchten.“
Nachdem sie in Grönland Ferien gemacht hatten, entschieden die Wolffs, zu bleiben. Deutsche Urlauber bilden nach den Dänen die zweitgrößte Zahl an Besuchern. In Zeiten, in denen Reisen nach Dubai und Mauritius alltäglich geworden sind, suchen rund 66.000 Gäste pro Jahr das, was die Wolffs gefunden haben: Ruhe, Natur, Landschaft und Klima, die einzigartig sind und tiefe Eindrücke hinterlassen.
Beim Ausflug zum Inlandeis, wenn auf dem bis zu drei Kilometer dicken Eis unter den Füßen und umgeben von Gletschern der Schnee knirscht, gibt es keinen Verkehrslärm, keine anderen Menschen und nicht einmal Vogelzwitschern. Wer stehen bleibt, hört nur den eigenen Herzschlag und das Rauschen des Blutes in den Ohren.
„Fügen Sie Deutschland, Italien, Frankreich und England zusammen, senken Sie die Temperatur und entfernen Sie alle Straßen und alle Orte, die mehr als 4000 Einwohner haben.“ Auf diese Weise erklärt Adam Lyberty, der durch das Eis führt, Besuchern seine Heimat. Der 48-Jährige erzählt von Orten, die nur drei Einwohner zählen, davon, dass manche ihr Dorf noch nie verlassen haben, und davon, wie der Spagat zwischen Tradition und Moderne das Leben verändert. In kleinen Siedlungen gibt es nur ein einziges Geschäft, das wenig mehr bietet als verschiedene Sorten Fleisch.
Tradition und Internet
Bezahlen können die Kunden jedoch mit allen gängigen Kreditkarten. Ein Lehrer unterrichtet in einem einzigen Klassenraum Schüler jeden Alters, zu Hause surfen die Kinder mit einer der schnellsten Verbindungen der Welt im Internet. Und wenn Lyberty, der Tierspuren lesen und einen Moschusochsen über Kilometer hinweg von einem ähnlich geformten Felsen unterscheiden kann, Besuchern bei einer Ochsen-Safari im Jeep zeigen möchte, wonach er Ausschau hält, dann präsentiert er kein zerknittertes Foto von seinem Lieblings-Ochsen „Old Pete“, sondern das Hintergrund-Bild seines i-Phones.
Die erste Frage, die er und seine Landsleute den Neuankömmlingen stellen, lautet: „Wie lange bleibt ihr?“ Denn Einwanderer, vor allem Dänen, die als Lehrer oder Fremdenführer nach Grönland kommen, aber nach zwei Jahren wieder gehen, gibt es viele. „Dänemark zahlt beide Umzüge, um Bildung und Tourismus auf der Insel anzukurbeln“, erklärt Ulf Klüppel (38), der für die Tourismus-Organisation „World of Greenland“ arbeitet.
Im Frühjahr, Sommer und Herbst ist das Leben in und um die Siedlung ausgefüllt mit Fisch- und Robbenfang, immer mehr auch mit touristischen Aktivitäten. Und im Winter, bei minus 25 Grad? „Dann verlassen die Menschen ihre Häuser so gut wie gar nicht, weder Eskimos noch Zugezogene“, sagt Ulf Klüppel. Er habe seinen Lebensrhythmus umgestellt: „Im Sommer schlafe ich fünf Stunden, im Winter 14.“ Die Winter in Grönland seien hart. „Aber das ist eben der Preis, um am Ende der Welt leben zu können.“
Die Thüringer Uta und Ingo Wolff sind mittlerweile zu Ehrenbürgern ernannt worden - weil sie es ernst meinen mit dem Leben in Grönland, und weil sie sich um ihr Dorf und seine Sauberkeit verdient gemacht haben.
Land & Leute: Grönland ist mit einer Fläche von 2.175.600 Quadratkilometern die größte Insel der Welt (sechs Mal so groß wie Deutschland). Nur 18 Prozent der Fläche sind eisfrei. „Immaqa“ („vielleicht“) ist eines der wichtigsten Wörter für die 57.000 Grönländer. Denn Wetter und Natur regeln den Ablauf, nicht Kalender oder Uhr. Die ersten Einwohner kamen ca. 3000 v. Chr. vermutlich über Kanada. 982 erreichte der isländische Wikinger „Erik der Rote“ Südgrönland. Er gab der Insel ihren Namen. Grönland gehört zum Königreich Dänemark, verwaltet sich seit 2009 jedoch selbst.
Anreise: Der größte Flughafen befindet sich in Kangerlussuaq im Südwesten der Insel. Bei der Anreise aus Deutschland ist ein Zwischenstopp in Kopenhagen möglich. Der Flug ab Kopenhagen dauert etwa viereinhalb Stunden und kostet mit Air Greenland hin und zurück etwa 700 Euro (Flug Düsseldorf - Kopenhagen mit Air Berlin ca. 100 Euro). Von Kangerlussuaq geht es im Inlands-Flieger beispielsweise weiter nach Ilulissat oder in die Hauptstadt Nuuk. Reisen dort sind per Boot oder Helikopter möglich. Die beste Reisezeit ist von Mai bis November.
Unterkunft: Auf der Insel entstehen immer mehr Hotels mit moderner Ausstattung. Das beste Haus ist das „Arctic“ in Ilulissat, DZ ab 171 Euro. (www.hotel-arctic.gl, T. 00299 94 4153). Hütten, die in einiger Entfernung der Ortschaften liegen, können von allen Reisenden benutzt werden. Sie sind sehr einfach und etwas für Abenteurer. Größere Städte verfügen über Jugendherbergen mit Schlafsälen. Preis: rund 40 Euro. T. 00299 94 33 77, www.ilulissathostel.com.
Info: Greenland Tourism & Business Council, www.greenland.com
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