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Wildes Chaos in der Millionenstadt: Hexenkessel Bombay

zuletzt aktualisiert: 07.11.2008 - 18:30

Bombay (RPO). Wer nach Bombay kommt, braucht starke Nerven. Wie viele Menschen hier leben, weiß niemand so genau. Ob 12, 16 oder noch mehr Millionen. In den Straßen der indischen Metropole herrscht rund um die Uhr dichtes Gedrängel. Bettler in Lumpen, umherhetzende Geschäftsmänner, entspannte Mönche und immer wieder Kühe - diese Eindrücke prasseln im Sekundentakt auf den Besucher nieder.

"Millionaire" heißt die Modemarke, für die auf zahlreichen Plakatwänden geworben wird. Viele der Menschen, die mit Blick auf die Plakate leben, haben allerdings nur Lumpen am Leib. Wer Bombay besucht, kommt nicht umhin, sich mit solchen Gegensätzen zu beschäftigen. Dafür betritt er allerdings auch eine Metropole, die mit Kultur und kulinarischen Genüssen fasziniert, mit ihrem Farbenreichtum und einer schier unbändigen Geschäftigkeit.

All das auf einmal erleben lässt sich im Crawford Market und im Marktviertel nördlich des Bahnhofs Chhatrapati Shivaji Terminus. Wer durch die Halle und die Gassen schlendert, hat schnell das Gefühl, alle 12, 16 oder noch mehr Millionen Einwohner seien hier und jetzt unterwegs - vor oder hinter den Buden, schwer bepackte Handkarren ziehend oder auf Mopeds sitzend, die Hupe nie außer Reichweite.

Brodelnder Bienenstock

Den Eindruck, in einem riesigen Bienenstock gelandet zu sein, wird der Durchschnitts-Mitteleuropäer an vielen Orten in Bombay bekommen. Im Marktviertel gibt es fliegende Händler, die Ananas- und Melonenstücke verkaufen, scheinbar unzählige Juweliere, einen überdachten Gang ausschließlich für Stoffverkäufer und dazu jeden erdenklichen, in allen Farben glitzernden Nippes. Tief im Gewirr der Gassen stehen die Besucher aber auch vor den Stufen des Tempels zu Ehren von Mumba Devi. Die Hindugöttin ist die Namenspatronin der Metropole. Immer öfter wird diese deshalb nicht mehr Bombay genannt, sondern Mumbai, wie der offizielle Name der Stadt inzwischen lautet.

Eine Kuh steht nahezu reglos im Innenhof, ein Mönch mit langem Bart geht gemächlich auf und ab, ein magerer Hund schnüffelt herum. Für ein paar Rupien verkaufen Händler Kokosscheiben. Gläubige tragen diese barfuß in den mit Fliesen ausgelegten Tempel und opfern sie. Vor einem bunten Schrein knien sie nieder - und stören sich nicht an den fotografierenden Touristen, die sich unter sie gemischt haben.

Auch in einem anderen Tempel sind Gäste herzlich eingeladen, ihre Fotoapparate zu zücken. Doch damit hören die Gemeinsamkeiten mit der Opferstätte auf dem rummeligen Markt auch schon auf. Der Jaina-Tempel auf dem Malabar Hill ist in allen Belangen prächtig: Einige Wände des Baus sind mit hellem Marmor verkleidet, die meisten allerdings mit farbenfrohen Bildern, kleinen Statuen und Schnitzereien verziert.

Erschreckende Armut

Leuchtend bunt gekleidete Hindu-Frauen mit goldenen Nasenringen und in Schwarz gehüllte Muslima, adrett und abgerissen gekleidete Männer - sie alle kommen abends am Chowpatty Beach zusammen. Vor gut 60 Jahren veranstaltete Mahatma Gandhi, der Anführer der indischen Unabhängigkeitsbewegung, hier Demonstrationen. Heute sieht man sich den Sonnenuntergang an. Für Besucher aus Europa bedeutet vor allem der Weg zum Strand aber auch, mit massiver Armut konfrontiert zu sein: Besonders viele Kinder betteln hier hartnäckig um Almosen.

Selbst wer nur kurz in der Stadt bleibt, sollte zumindest einen ausgedehnten Ausflug einplanen: den zur Elephanta-Insel mit ihren Höhlen. Das Holzboot dorthin legt neben dem Gateway of India ab. Der Torbogen von 1911 ist wie viele historische Bauten der Stadt durchaus respektabel. Doch es gibt faszinierendere Stätten in und um Bombay. Und dazu zählen auch die Höhlen, die zum Weltkulturerbe gehören.

Etwa eine Stunde dauert die Fahrt. Am Ufer waten Kühe durch die feuchte Erde und suchen nach etwas Schatten unter Bäumen. Die Höhlen liegen auf einer Anhöhe. Die größte der sieben Höhlen ist ein in den Fels gehauener Tempelsaal, dessen Eingang von massiven Säulen gestützt wird. Die Besuchermagneten im halbdunklen Inneren sind die ebenfalls aus dem Gestein herausgearbeiteten und weit mehr als mannshohen Reliefs hinduistischer Götter. Mit insgesamt neun Reliefs ist die Höhle ausgeschmückt, meist ist Shiva zu sehen. Die Geschichte der Höhlen liegt weitgehend im Dunkeln. Bereits irgendwann im frühen siebten Jahrhundert sollen sie angelegt worden sein - mehr ist nicht bekannt.

Bei weitem nicht den Rang von Göttern, aber dennoch allgemeines Ansehen genießen die Stars von "Bollywood", Indiens in Bombay heimischer Filmindustrie. Wer als Tourist erwartet, dass er Blicke hinter die Kulissen der Traumfabrik werfen kann, wird enttäuscht: Führungen durch Studios gibt es nicht - zumindest nicht offiziell.

Solche sind aber auch gar nicht nötig. Wer die Faszination des indischen Films hautnah erleben will, braucht nur in eines der vielen Kinos zu gehen. Am Anfang heißt es dort aufstehen für Indiens Nationalhymne, die aus den Lautsprechern schallt, während die Staatsflagge auf der Leinwand flattert. Viele der überwiegend jungen Zuschauer trudeln aber erst nach diesem patriotischen Intermezzo ein und quasseln ungeniert mit ihren Sitznachbarn oder ins Handy. Als die Letzten endlich Platz nehmen, läuft der Film seit fast 30 Minuten. Auch hier ist wieder zu spüren, welch ein Bienenstock Bombay ist.

Informationen: Indisches Fremdenverkehrsamt, Baseler Straße 48, 60329 Frankfurt/Main (Tel.: 069/242 94 90); Internet: www.india-tourism.de, www.indischebotschaft.de.

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Quelle: tmn

 
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