Wandern auf der Insel: Hochgefühle auf Madeira
VON HANS HENDRIK FALK - zuletzt aktualisiert: 10.03.2011 - 12:57Funchal (RP). Madeira - die portugiesische Insel ist bei Wanderern beliebt und beeindruckt durch ihre Pflanzenwelt. Wer die Berge nicht hinunterlaufen mag, kann sich in einen Korbschlitten setzen. Eine Schuhsohle ist die Bremse.
Wolkendunst fegt über die wippenden Tragflächen. Langsam wird die Sicht klarer. Der dunkle Ozean liegt nur einige hundert Meter unter dem Flugzeug. Ein Blick hinaus zur Rechten, auf zwei Uhr, da erscheint wie aus dem Nichts die steile und dunkle Nordostküste; über die grau-braunen Felsen spannt sich ein Regenbogen.
Von Blumen ist weit und breit nichts zu sehen. Dabei gilt Madeira doch als die Blumeninsel, wobei sich der Name genau genommen von Holz ableitet; wegen der großen Lorbeerwälder, die einst die Insel bedeckten.
Wie üppig und vielfältig die Vegetation der portugiesischen Insel heute noch ist, zeigt sich auf der zehn Kilometer langen Wanderung durchs Herzstück Madeiras, Rabacal. Entlang der Levadas, schmale Kanäle, die den trockenen Süden der Insel mit Wasser aus dem durchtränkten Norden Madeiras versorgen, geht es vorbei an etlichen Wasserfällen, duftenden Lorbeerbäumen, an einer sehr eindrucksvollen Pflanzenwelt.
Blütenpracht ab April
Die Blumen blühen noch nicht. Dafür ist es noch zu früh. Ab April ändert sich das. Dann sprießt es in allen Farben. Wanderführer André Schneider, ein Österreicher, erzählt, wie er vor 20 Jahren aus Brasilien auf die Insel gekommen sei. Er entschloss sich, Wanderführer auf der Blumeninsel zu werden und verkaufte seine Fitnessstudios, die er in Rio und in Österreich besessen hatte. Wenn er von der Insel und seinen Einwohnern erzählt, dann kommt er ins Schwärmen und weist auf den Überfluss an Sauerstoff in der Luft hin.
Weniger Sauerstoff, aber immer noch mehr als genug, kann man beim Schlendern durch die Straßen der Hauptstadt der Insel einatmen: Funchal hat etwa 100.000 Einwohner (Madeira 265.000). Vom Atlantik her schaut die Stadt aus wie ein gigantisches Amphitheater, die Häuser scheinen in den steilen Hängen organisch gewachsen zu sein, ähnlich abenteuerlich wie die Landebahn des Flughafens.
Wenn es Nacht wird, erstrahlt dieses Amphitheater als ein Meer aus tausenden gelben Lichtern. Auf den Straßen der Altstadt, der Bühne dieses Theatersaals, mischen sich junge Einheimische in feinem Zwirn und Smartphone am Ohr oder tippbereit in der Hand; die Alten ohne Sinn für Mode, aber dafür mit einem Hang zum Kartenspielen bei jeder Gelegenheit; und die Touristen in Fleecejacken und Khakihosen samt Rucksack und Kamera.
Promenade der Verliebten
An der Promenade, direkt am kleinen Hafenbecken, wo häufiger die großen Kreuzfahrtschiffe liegen, versammeln sich die Verliebten. Alle fünf Meter sitzen sie eng umschlungen auf der Kaimauer. Ob hier wohl auch einer der bekanntesten Söhne der Insel, der Fußballer Cristiano Ronaldo, seine erste Liebe kennenlernte?
Es ist bestimmt leicht, sich auf dieser Insel zu verlieben. Dieses verlegene, schüchterne Lächeln, das so viele hier auf den Lippen tragen, hat etwas Ehrliches. So lächelt auch Claudia Moreira, die Meeresbiologin, die auf einer Delfin- und Walbeobachtungstour erklärt, welche Art Tiere es sind, die das motorisierte Schlauchboot über den Ozean begleiten.
Morairas Englisch ist hervorragend, nichts Ungewöhnliches auf Madeira. Ob das mit dem historischen britischen Einfluss – die ersten Touristen auf Madeira waren reiche Engländer, die Mitte des 19. Jahrhunderts die Insel als ihr Reiseziel entdeckten – zu begründen ist? Vielleicht. Vermutlich aber hat dieser Umstand eher damit zu tun hat, dass die Tourismusbranche der stärkste Wirtschaftsfaktor ist.
Fahrten mit dem Korbschlitten
Angenehm ist, dass das im Alltag nicht deutlich wird. Es scheint alles noch unverbraucht. Natürlich gibt es die Touristenfallen, die längst ausgestorbenen, zum Amüsement der Gäste aber wiederbelebten Traditionen, wie das Korbschlittenfahren zum Beispiel. Dabei braust man in einem Schlitten die Asphalt- Straßen hinunter.
Zwei „Kutscher“ in weißen Hosen und dunkelblauen Jacken bremsen und lenken mit den Gummisohlen unter ihren Schuhen. Es qualmt, und das brennt in der Nase. So sind vormals, als es noch keine Autos oder Seilbahn gab, die wohlhabenden Einheimischen und die reichen Touristen vom höher gelegenen Villenviertel Monte nach Funchal gelangt.
Churchills Lieblingshotel
Dann sind da natürlich noch die vielen Hotels, die sich in der Hotelzone aneinander reihen. Das Älteste ist das „Reids“. Ein von außen unauffälliger Bau in Rosa, wie ein extra nicht auf Hochglanz polierter Oldtimer. Drinnen ist es dafür dann vom Feinsten und „very british“. Churchill verbrachte dort gerne seinen Urlaub.
In einem der zahlreichen Restaurants sollte unbedingt der schwarze Degenfisch gekostet werden. Den gibt es sonst nur noch in Japan. Um den süßlichen Madeirawein als Aperitif – oder zwischendurch – kommt man ohnehin nicht herum. Und es empfiehlt sich ein Fläschchen mitzunehmen. Wann immer man sich an die Blumeninsel erinnern will, kann man sich von einem Schlückchen beflügeln lassen. Lange wird die Flasche so nicht halten.


