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Minus 45 Grad sind normal: Jakutsk – kälteste Stadt der Welt

VON DORIS HEIMANN - zuletzt aktualisiert: 27.12.2010 - 14:41

Düsseldorf (RP). Der Winter dauert von Oktober bis Mai. Zum Jahresbeginn fällt die Temperatur auf minus 45 Grad. In der Stadt im Nordosten Sibiriens leben rund 240.000 Menschen unter extremen Bedingungen. Im Permafrost taut der Boden nie richtig auf.

Steif gefrorene Fische stehen wie riesige Baguettestangen senkrecht in den Körben der Markthändler. Auf den Tischen davor liegen dicke weiße Scheiben. Es ist gefrorene Milch, die hier portionsweise verkauft wird. Der beißende Frost ist so stark, dass er bei jedem Neuankömmling einen Hustenanfall auslöst.

Nura Starostina macht das nichts aus. „Minus 35 Grad – das ist doch nicht kalt. Früher hatten wir im Winter hier minus 55 Grad.“ Die Händlerin stützt sich entspannt auf ihre gefrorenen Fische. Sie trägt eine große Pelzmütze aus Graufuchs, die Füße stecken in Filzgaloschen mit zwei Fellüberzügen.

Auf dem Bauernmarkt in Jakutsk wird den ganzen Tag unter freiem Himmel gehandelt. Kein Job für Weicheier: Jakutsk, im Nordosten Sibiriens gelegen, ist die kälteste Großstadt der Welt. Etwa 240.000 Menschen leben hier unter extremen Bedingungen. Der Winter dauert von Oktober bis Mai, und in den kältesten Monaten Januar und Februar sind 45 Grad minus die Regel.

Info
Die Region Jakutien im Nordosten Sibiriens hat eine Fläche von gut drei Millionen Quadratkilometern. Die Entfernung vom äußersten Westen bis zum äußersten Osten beträgt 2500 Kilometer. Das reicht für drei Zeitzonen: Innerhalb Jakutiens gibt es sechs, sieben und acht Stunden Unterschied zur Moskauer Zeit. Entsprechend dünn besiedelt ist es: Jakutien hat eine Million Einwohner. Rund 640 Kilometer nordöstlich von Jakutsk liegt der Ort Ojmakon. Er gilt als der „Kältepol“ aller besiedelten Gebiete auf der Erde: Die niedrigste Temperatur, die hier gemessen wurde, betrug minus 71,2 Grad.

Sechs Stunden dauert der Flug von Moskau, und nachdem die klapperige Tupolew der Fluggesellschaft „Jakutia“ auf einer Eisbuckelpiste gelandet ist, betritt man eine Welt mit besonderen Regeln. Die Automotoren müssen die ganze Zeit laufen – bei der Kälte springen sie sonst nicht wieder an. Langsam wie im Traum gleitet der Verkehr über die vereisten Straßen, Räder drehen durch, Busse rutschen auf ihre Haltestellen zu.

Die meisten Autos sind Gebraucht-Limousinen mit dem Lenkrad auf der rechten Seite. Ihre Besitzer haben sie über den Pazifikhafen Wladiwostok direkt aus Japan importiert. Sie kommen mit den harten klimatischen Bedingungen besser zurecht als die Ladas und Wolgas.

"Knochenstraße" verbindet mit der Außenwelt

Die einzige Straße, die Jakutsk mit dem Rest der Welt verbindet, führt 2032 Kilometer in die Hafenstadt Magadan. Fünf Tage brauchen Lastwagenfahrer für die Strecke – wer unterwegs liegen bleibt, dem droht Lebensgefahr. Es sind Bedingungen, die man nur seinem ärgsten Feind zumuten mag. Die russischen Zaren verbannten ihre Gegner in diese unwirtliche Ecke. „Bei Ausbruch der Oktoberrevolution lebten in Jakutsk 500 politische Verbannte“, erzählt Wladimir Fjodorow, Chefredakteur der Lokalzeitung „Jakutia“.

Führende Bolschewiken und Sozialrevolutionäre verbrachten hier Jahre ihres Lebens. Meist arbeiteten sie als Lehrer oder Dozenten. Das Hauptziel war, sie fern vom politischen Leben zu halten. „Im Vergleich zu der Stalin-Zeit war das human“, findet Fjodorow. Stalin ließ in der Gegend um Jakutsk mehrere hundert Straflager errichten. Die Gulag-Häftlinge bauten die Trasse nach Magadan, die wegen der vielen Opfer auch „Straße auf Knochen“ genannt wird. Außerdem schufteten sie in Bergwerken.

Denn Jakutien ist sagenhaft reich an Bodenschätzen. Der Konzern „Alrosa“ fördert in der Region Diamanten. Die Edelsteine aus dem Eis machen 20 Prozent der weltweiten Lieferungen an Rohdiamanten aus. Zudem gibt es Silber-, Gold- und Kohle-Vorkommen. In einer jakutischen Sage heißt es: Als die Götter über Jakutien flogen, bekamen sie so kalte Hände, dass sie alle ihre Schätze fallen ließen. Die Sowjetunion pumpte Milliarden in die Entwicklung der Region. In den 90er Jahren kam die Krise, Subventionen fielen weg. „Damals sind viele abgewandert, denen die Bedingungen zu hart waren“, sagt Fjodorow. Wer blieb, hat heute Arbeit. „Arm leben wir nicht.“

Die Bewohner von Jakutsk schaffen es auch bei mörderischem Frost, sich erstaunlich elegant zu kleiden. „Etwa 3000 bis 4000 Euro braucht man für die Ausrüstung“, erzählt Bolot Botschkarow, ein Blogger, der im Internet über seine Heimat schreibt. Zur Grundausrüstung gehören Pelzmantel, Mütze und Spezialhandschuhe. „Und natürlich die traditionellen Unty – die wärmsten Stiefel der Welt“, sagt Bolot. Innen dicker Wollfilz, außen Rentierfell, verziert mit bunten Stoffbordüren. Der Preis für das mollig-warme und schmucke Schuhwerk: 300 bis 400 Euro.

Bolot Botschkarow ist Jakute – ein hier ansässiges Turkvolk, dessen Vertreter knapp die Hälfte der Bevölkerung stellen. Mark Schats führt 60 Stufen hinab in den Forschungskeller des Permafrost-Instituts. Eiskristalle formen an der Decke symmetrische Muster. Bereits vier Meter unter der Oberfläche ist der Boden rund ums Jahr gefroren, hart wie Beton. Taut er auf, verwandelt sich das ganze in krümeligen Sand. „Permafrost bedeckt 65 Prozent Russlands und 98 Prozent Jakutiens“, sagt der Forscher. In anderen Ländern versuche man, auf diesem schwierigen Untergrund gar nicht zu bauen. In Jakutsk gibt es keine Wahl: Alle Gebäude stehen auf Pfählen, für jeden einzelnen muss ein Loch in den steinharten Boden gebohrt werden.

Winter sind "milder" geworden

Wissenschaftler Schats bestätigt die Beobachtung von Marktfrau Nura: „Die Winter in Jakutsk sind milder geworden.“ Durch die globale Erwärmung werde der Permafrost jährlich ein bis zwei Zentimeter dünner. In Alaska und Kanada ist man darüber alarmiert, in Russland nicht. In Jakutien ist die Schicht 300 Meter bis 1500 Meter dick. Gemessen daran sei der Verlust nicht dramatisch, sagt Schats.

Der Wind treibt Schnee über den Asphalt. Die Landstraße führt durch endlose, verschneite Weite - nur selten kommt ein Auto entgegen. Zwölf Kilometer von Jakutsk entfernt liegt das Dorf Tulagino. Bauer Juri Fjodorow (68) und seine Frau Ekaterina haben elf Kühe. Um den Stall warm zu halten, schmieren die jakutischen Bauern Dung auf Dach und Wände – der gefriert dann zu einer Isolationsschicht. Früher gehörte der Hof zu einer Kolchose, jetzt sind die Bauern in Tulagino selbständig. „Heute geht es uns besser“, sagt Bäuerin Ekaterina selbstbewusst. „In der Sowjetzeit gab es nichts zu kaufen. Wenn man heute erfolgreich wirtschaftet, kann man sich dafür etwas leisten.“

Auf der schneebedeckten Weide hinter dem Haus stehen 20 kleine zottelige Pferde. „Die halten wir aber nicht zum Reiten“, sagt Bauer Fjodorow und bittet in sein Haus. Drinnen bullert eine Gasheizung, Blockhaus-Balken verströmen Gemütlichkeit – es gibt Pferdespeck.

Quelle: RP

 
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