Ein Besuch in Israel: Jerusalem: hektische, heilige Stadt
VON JUDITH CONRADY - zuletzt aktualisiert: 25.12.2010 - 09:56Jerusalem (RPO). Wer nach Jerusalem kommt, ob an Weihnachten oder zu einer anderen Zeit, sollte nicht zu viel Besinnlichkeit erwarten. Die Stadt ist laut, überfüllt, hektisch - doch auch das macht ihren Reiz aus.
Der Kreuzweg in Jerusalem ist vor allem eines nicht: besinnlich. Die Strecke, die noch zu Zeiten Jesu teilweise außerhalb der Stadt lag, führt heute mitten durch die arabische Altstadt. Die engen Gassen sind mit Verkaufstischen zugestellt, Touristen und Einheimische schieben sich gegenseitig durch Berge von Tüchern und Teppichen, Gewürz-Säcken und kitschigen Schmuckstücken, die an den Ständen ausliegen.
Dazu der schrille Lärm der Händler, die sich gegenseitig zu übertönen versuchen und Touristen drei Brocken Englisch, zwei Brocken Deutsch und ein bisschen Französisch entgegenschleudern, und die Gerüche von Gewürzen und Essen, die sich zu einem orientalischen Grundgeruch vermischen, der Reisenden überall in Israel sofort mitteilt, wenn er sich in einem arabischen Stadtviertel befindet. Darunter mischt sich der Geruch von Weihrauch, der Besuchern bei einer Reise durch das Land immer wieder unvermittelt in die Nase steigt, wenn hinter einer Straßenecke wieder einmal völlig überraschend eine Kirche auftaucht.
EU-Bürger brauchen einen Reisepass. Deutsche erhalten bei der Einreise kostenlos ein Visum. Das gilt jedoch nicht für Reisende, die vor dem 1.Januar 1928 geboren sind. Sie müssen das Visum schon vor ihrer Abreise aus Deutschland beantragen, erhalten es jedoch ebenfalls gebührenfrei. Die Sicherheitskontrollen am Flughafen sind streng, Reisende werden vor dem Abflug oft ausführlich befragt, Gepäck wird häufig genauestens durchsucht.
Orthodoxe Juden eilen durch die Gassen, blicken ernst zu Boden, zumindest äußerlich unangefochten von dem weltlichen Trubel um sie herum. Arabische Kinder ducken und winden sich geschickt durch das Gedränge, verschmelzen mit der Menschenmasse und überholen dabei spielend jeden Touristen, weil es für sie eben das ist: ein Spiel, denn die Jerusalemer Altstadt ist, seit sie laufen können, ihr einziger Spielplatz.
Dazwischen Touristen, die sich an ihre Taschen klammern, und Pilger, die wie versteinert stehen bleiben, ungerührt vom Drängeln und vom Chaos um sie herum, wenn sie einen dieser Orte erreichen, die unscheinbar sind und für sie doch voller Bedeutung: die 14 Stationen des Kreuzwegs, der Via Dolorosa.
Auf dem Dach der Kirche leben Mönche
Acht dieser Stationen liegen im Herzen der Altstadt, eine auf dem Dach der Grabeskirche und fünf in der Kirche selbst. Auf dem Dach ist die neunte Station: Hier soll Jesus zum dritten Mal mit dem Kreuz gestürzt sein. Heute leben auf dem Kirchendach Mönche der äthiopisch-orthodoxen Tewahedo-Kirche. Sie hausen in Steinhütten, in ärmlichen Verhältnissen, sitzen die meiste Zeit des Tages mit stoischen Mienen vor ihren Behausungen und scheinen die erstaunten Blicke der vorbeikommenden Touristen kaum noch zu bemerken.
Auch im Inneren der Kirche geht es nicht immer besinnlich zu: Weil sich sechs christliche Konfessionen (die römisch-katholische, die griechisch-orthodoxe, die armenisch-apostolische und die syrisch-orthodoxe Kirche von Antiochien, die koptische und die äthiopische-orthodoxe Kirche) die Stätte teilen, kommt es immer wieder zu Streit. Wer wann wo beten darf, ist genau geregelt. Manchmal soll es zwischen den Mönchen der verschiedenen Konfessionen sogar zu Handgreiflichkeiten kommen.
Wer die Grabeskirche besichtigen möchte, sollte Zeit mitbringen und festes Schuhwerk. Meistens ist die Kirche so überfüllt, dass sich die Touristen und Pilger bei jedem Schritt auf die Füße treten.
Doch hin und wieder gibt es sie, die stillen, andächtigen Momente. Zum Beispiel freitags abends an der Klagemauer. Zwischen hunderten von orthodoxen Juden, die mit ihren schwarzen Hüten und Mänteln in Richtung Mauer strömen, gehen die wenigen Touristen, die um diese Zeit dort unterwegs sind, beinahe unter. Und sie passen sich an: Die ernste, andächtige Stimmung ist so fesselnd, dass auch Touristen den religiösen Ernst anzunehmen scheinen, ihre Worte dämpfen, sich gemessen bewegen. Und doch ist die Stimmung heiter, vielleicht schon durch die Schönheit der Kulisse. Die Klagemauer ragt, von Scheinwerfern angestrahlt, in den Himmel, der im Winter in Jerusalem schon am späten Nachmittag pechschwarz ist, weil die Sonne früh untergeht.
Ein Ort der Stille ist auch der Garten Gethsemane am Fuß des Ölbergs. Wer im Schatten der uralten, knorrigen Olivenbäume steht, kann erahnen, wie dieser Ort zur Zeit Jesu ausgesehen haben mag. Und das ist selten in Jerusalem und überhaupt in Israel: Über nahezu jedem Flecken Erde, der im Laufe der Geschichte irgendwie mit Jesus in Verbindung gebracht wurde, wurde eine Kirche errichtet. Und Grab und Kreuzweg befinden sich heute ohnehin mitten in der Jerusalemer Altstadt.
Die Folge: Um sich vorzustellen, dass dies die Orte sind, an denen sich die Ereignisse aus der Bibel zugetragen haben, braucht man reichlich Fantasie. Jerusalem verharrt eben nicht bloß in der Erinnerung an Ereignisse vor 2000 Jahren.
Lebendige Neustadt
Wie lebendig die 700.000-Einwohner-Stadt ist, erfährt man bei einem Besuch in der Neustadt, die auf den ersten Blick wie das In-Viertel einer europäischen Großstadt wirkt. Auf den zweiten Blick findet sich zwischen Fastfood-, Nobel-Restaurants und Kaffee-Bars das eine oder andere Geschäft, das dem Besucher schlagartig klar macht, wo er sich befindet: Zum Beispiel der kleine Laden „Kippa-Man”, dessen Inhaber an einer belebten Einkaufsstraße, gleich gegenüber von Burger King, die traditionelle jüdische Kopfbedeckung verkauft, in hundertfacher Ausführung, in allen Farben, mit allen denkbaren Motiven. Jerusalem ist eben vor allem eins: Immer wieder überraschend.


