Kreuzfahrt ins Eis: Kurs aufs Polarlicht
VON BERND SCHILLER - zuletzt aktualisiert: 08.12.2009 - 08:16Düsseldorf (RP). Eine winterliche Seereise, wie sie Nordlandfahrer lieben: mit einem Traditionsschiff der Hurtigruten, einem sturmerprobten Kapitän und einem Reiseleiter, der das grüne Polarlicht vom Himmel herunter erklärt.
Kurz vor Mitternacht im Hafen von Ålesund, auf halbem Seeweg zwischen Trondheim und Bergen. Es ist bitterkalt und ziemlich finster. Nur ein paar Gabelstapler holen Paletten aus einem Schuppen. Mit uns starrt eine Handvoll Menschen, eingepackt in Daunenjacken und Pudelmützen, in die Dunkelheit. Ein Schiff wird kommen, so viel ist sicher.
Und dann geht auf einmal alles ganz schnell: Um 24 Uhr schälen sich seine Konturen aus der Dunkelheit, fünf Minuten später macht das Motorschiff „Lofoten“ fest. Tampen fliegen an Land, eine Gangway wird angelegt. Das Häuflein, das in der Kälte gewartet hat, schnappt sich sein Gepäck und klettert an Bord. In den Gängen und in der holzgetäfelten Bar, die noch ein schnelles Bier rausrückt, bevor Schluss ist für heute Nacht, beschlagen die Brillen.
Eisfrei dank Golfstrom
Es ist bullig warm und sehr gemütlich auf diesem Schiff: MS „Lofoten“, 87 Meter lang, 1964 in Dienst gestellt, ist der zweitälteste Schnelldampfer der Hurtigruten, jener legendären Linie, die jeden Tag die norwegische Küste abfährt, dabei 34 Häfen zwischen Bergen im Süden nach Kirkenes im hohen Norden anläuft, und umgekehrt jeden Tag vom Wendepunkt Kirkenes nach Bergen startet, hin und zurück 2800 Seemeilen, knapp 5200 Kilometer.
Mit dem Golfstrom schwimmt die Flotte der insgesamt zwölf Schiffe auch im Winter eisfrei gegen den Wind, weit über den Polarkreis hinaus, durchs Inselmeer der Lofoten und Vesterålen, um das Nordkap herum, und nur an der russischen Grenze kann die raue Barentssee schon mal ein paar Eisschollen in die Fjorde drücken.
Wasserpost seit 1893
Im Sommer 1893 fing die Geschichte der längst legendären Postschiffe an. Sie waren über Jahrzehnte nichts als brave Packesel zur See, sehnsüchtig erwartet in den kleinen Häfen auf den Inseln und an den abgelegenen Küsten. Die Post hat sich längst andere Wege gesucht, schnellere. Doch noch immer bringen die Hurtigdampfer Ladung in Häfen wie Brønnøysund, Finnsnes oder Kjøllefjord. Und schon lange schauen ihnen dabei tagtäglich Passagiere zu, mal von der Reling aus, mal vom Kai.
Viel Zeit an Land bleibt allerdings nicht, selten mehr als drei Stunden. Ladung löschen, Ladung aufnehmen, Passagiere ein- und aussteigen lassen, das geht alles ziemlich flott, hurtig halt. Und wer so reizvolle Städte wie Ålesund, wo wir auf unserer letzten Etappe um Mitternacht zugestiegen sind, nicht verpassen will, muss hin und zurück fahren. Dann erlebt er jene Häfen, die auf dem einen Weg nachts angesteuert werden, auf der Rückreise am Tag - aber der ist im Winter kaum heller als die Nacht.
Manche reisen zu so einem Wintertörn mit drei, vier dicken Büchern an. Aber wenn dann die Wale im Zwielicht ihre Fontänen aufschießen lassen und wenn endlich die ersten flackernden Lichtstreifen am dunklen Himmel aurora borealis ankündigen, das Phänomen des Polarlichts, kommt kaum noch jemand zum Lesen. Dann stehen die meisten Passagiere dick eingemummelt an Deck und werden von den Reiseleitern der Hurtigschiffe, zum Beispiel vom Hamburger Harald Weinreich, anschaulich darüber informiert, welche magnetischen Kräfte auf die Atmosphäre und welche magischen auf ihr Gemüt wirken.
Grün, gelb, rot, blauviolett fluoreszieren die elektrisch geladenen Teilchen und lösen aus, was bis heute vielfach so empfunden wird, als ob zauberische Mächte den Nordhimmel ausleuchten. Von Göttern und Geistern erzählen dann Weinreich und seine Kollegen, von Walküren, die einst über den Himmel ritten, um würdige Helden für Wotans Tafel zu suchen. Harald Weinreich, seit elf Jahren für Hurtig im Einsatz, teilt sich sein Büro mit der blonden Zahlmeisterin Judith Eide aus Ålesund. Sie ist mit uns in der vergangenen Nacht zugestiegen. Drei Wochen wird sie an Bord bleiben und arbeiten, dann hat sie wieder drei Wochen frei. Dieser Dienstplan gilt für alle fahrenden Mitarbeiter an Bord, auch für den Kapitän Truls Bruland.
Letztes Mittagessen an Bord. Das Lunchbüfett ist angerichtet, viel Fisch, Roastbeef und Frikadellen. Chefkoch Bård Almaas, der den wohl schönsten Bart aller Hurtig-Küchenmeister trägt, hat die Gäste jeden Tag aufs Neue überrascht - und manchmal auch verwirrt: lutefisk zum Beispiel, der gewässerte Stockfisch, ist wirklich gewöhnungsbedürftig, muss aber in diesen Gewässern einfach mal probiert werden.
Anreise Am schnellsten mit SAS oder Norwegian Air via Oslo nach Bergen oder Kirkenes. Abwechslungsreicher, aber sehr viel teurer: mit Color-Line von Kiel nach Oslo und weiter mit der legendären Bergenbahn nach Bergen.
Routen und Preise Die klassische Route, sieben Tage von Bergen nach Kirkenes oder umgekehrt, wird im Winter ab ca. 1200 Euro pro Person angeboten (Außenkabine für 2 Personen, Vollpension, ohne Anreise). Teilstrecken und kurze Schnuppertörns sind möglich, ebenso Gruppenarrangements mit Anreise und vielfältigen Norwegen-Kombinationen; www.hurtigruten.de
Buchtipp Reiseführer „Norwegen“ von Dumont Richtig Reisen (24,95 Euro)


