Klein Schottland: Lake District - Urlaubsort für Romantiker
zuletzt aktualisiert: 17.05.2006 - 13:43St. Oswald's/Hawkshead (rpo). Glatte Seeoberfläche, verwunschene Morgennebel, glitzernde Sonnenstrahlen - Urlaub am Lake District ist Urlaub für Romantiker. Die run 80 mal 80 Kilometer große Region im Nordwesten Großbritanniens - auch Klein-Schottland genannt - bietet ein Paradies für Naturliebhaber und Erholungssuchende.
Der Morgen am Lake Windermere beginnt wie im Kitsch-Roman von Rosamunde Pilcher: Langsam hebt sich der Morgennebel von der glatten Seeoberfläche, die ersten Sonnenstrahlen lassen den Tau auf dem Rasen glitzern, und ein Kaninchen am Ufer setzt sich auf die Hinterbeine und schnuppert. Fehlt nur noch ein Liebespaar. Stattdessen erscheint eine forsch ausschreitende Gruppe Wanderer. Immerhin halten zwei davon Händchen. Der Lake District im britischen Cumbria, auch Klein-Schottland genannt, ist ein Ort für Naturliebhaber, Erholungssuchende - und Romantiker.
Die rund 80 mal 80 Kilometer große Region im Nordwesten Großbritanniens ist ein reines Naturschutzgebiet. Den Spitznamen hat sie wegen der Ähnlichkeit mit dem großen Nachbarn im Norden. Wobei Schottlands Landschaft von rauerer Schönheit ist, mit gewaltigeren Ausmaßen. Am Lake District sind die Berge eher Hügel, die Seen überschaubar und die Wiesen gerade groß genug für die oft Hunderte von Tieren großen Schafherden. Das typische Cumbria-Schaf ist grau mit weißem Gesicht und sieht aus wie ein wandelnder Shetlandpulli. Herdwick heißt die Rasse.
Wenig Urlauber aus Deutschland
Der Lake District ist außerhalb Großbritanniens vielen noch kein Begriff. Die Urlauber kommen zu 75 Prozent aus dem eigenen Land. "Allerdings mit abnehmenden Trend - die Billigflieger machen uns ziemlich Sorgen", sagt Colin Fox, Manager der English Lake Hotels in Windermere. Aus Deutschland reisten 2004 rund 184.000 Besucher in die englische Region und blieben durchschnittlich sechs Nächte.
Teuer ist der Lake District eher nicht, obwohl das Pfund derzeit 1,45 Euro (Stand Mai 2006) kostet. Ein schönes Hotelzimmer ist ab 100 Pfund zu haben. Aber man kann auch Bed- an Breakfast-Unterkünfte bekommen ab 40 Pfund aufwärts, und zudem bieten 22 Jugendherbergen Unterkünfte ab rund 15 Pfund die Nacht.
Natürlich haben in solch hübscher Gegend auch Berühmtheiten ihren Wohnsitz genommen. Am Lake Grasmere beispielsweise lebte der Dichter William Wordsworth (1770 bis 1850). International ist dieser See mit seinem hübschen viktorianischen Örtchen daher der bekannteste des Lake Districts. Wer auf den zahllosen Pfaden des Dichters von seinem Wohnhaus Dove Cottage bis hin zu seinem Grab auf dem Friedhof von St. Oswald's gewandert ist, braucht dringend Stärkung. Da bietet sich ein Besuch des "Grasmere Gingerbread"-Ladens nahe der Kirche an, wo es das süße Ingwer-Gebäck seit 150 Jahren zu kaufen gibt. Zu empfehlen ist auch ein Gasthausbesuch. Hier sollte heimischer Käse oder die saftige Cumberland Sausage bestellt werden.
Lange Urlaubstradition
Der größte See des Lake District ist der Lake Windermere mit einer Länge von rund 17 Kilometern. Die Endung "mere" steht für "See". Bereits 1847 kamen 120.000 Besucher hierher. Heute werden im Lake District 15 Millionen Übernachtungen gezählt, hinzu kommen noch einmal so viele Tagesgäste. Im Lake District liegt auch der tiefste See Englands: Wastwater ist rund 80 Meter tief. So tief die Seen, so hoch die Berge: Nur fünf Berge über 900 Meter gibt es in England, und alle stehen in Cumbria. Der höchste ist der Scafell Peak mit 977 Metern Höhe.
Ähnlich wie das südlich gelegenere Cornwall ist der Lake District klimatisch vom Golfstrom begünstigt. Fünf bis sechs Zentimeter Schnee fallen höchstens an einem Wintertag. "Dann bricht hier schon das Chaos aus", erzählt Reiseleiter Graham Wilkinson von Park Tours & Travel. Schneeräumer kennen die Cumbrianer nicht. Schlittschuhlaufen auch nicht. Das letzte Mal haben sich 1996 einzelne Eisschollen gebildet. "Die Enten waren echt durcheinander", erinnert sich Graham. Im gleichen Jahr schneiten die Gäste des ältesten Pubs der Gegend - er ist aus dem Jahr 1496 - auf dem Kirkstone Pass ein, was sie zunächst durchaus spaßig fanden. "Aber dann ging das Brot aus, danach die Wurst, und als nach drei Tagen das Bier zu Ende ging, haben wir angefangen zu graben."
Häuser kosten bis zu zwei Millionen Euro
Die Häuser im Lake District sind zumeist aus dem grauem Schiefer der Region gebaut und oft viele hundert Jahre alt. Gebäude mit rundem statt eckigem Schornstein zeugen vom Wohlstand des einstigen Erbauers. Und so ländlich die Gegend ist: Ein schönes Haus mit Blick über ein Tal oder auf einen See kann schnell zwei Millionen Euro kosten. Lärmgeplagte Großstädter und ruhesuchende Berühmtheiten haben den Preis für Immobilien in die Höhe getrieben.
Auch die meisten der "normalen" Gäste suchen Entspannung in Cumbria, sie kommen vor allem im Mai und Juni. "Obwohl ich es im Winter hier am schönsten finde", sagt Tourguide George. "Dann ist es hier völlig ruhig, und man kann meilenweit sehen." Im Sommer spazieren vor allem viele junge Familien und ältere Paare die schmalen, mit niedrigen Trockensteinwällen begrenzten Straßen entlang. Die malerisch mit Brombeeren, Ginsterbüschen oder Schlehen überwucherten Weg- und Wiesenbegrenzungen sind aus Feldsteinen und oft 500 Jahre alt.
Beliebt sind auch Schiffstouren auf dem Lake Windermere mit den weißen Traditions-Dampfern der Windermere Lake Cruises in Waterhead oder eine Bahnfahrt mit Tim Owen. Tim ist eigentlich Buchhalter, fährt aber als Hobby seit Jahren als Lokführer eine 52 Jahre alten Armeedampflok auf der Strecke von Lakeside nach Haverthwaite. Ein Spaß für Eltern mit Kindern ist auch ein Besuch des Lakeland Maize Maze - der neun Hektar große Irrgarten ist aus Maispflanzen und steht auf der Raines Hall Farm in der Nähe von Kendal.
Wenig attraktive Küste
So schön die Seenlandschaft ist, so wenig ansprechend ist Cumbrias Küste. Die See liegt meist in weiter Ferne, der Blick schweift über Watt. "Meile für Meile Matsch", urteilt Graham knapp. Baden geht also schlecht - und eine schnelle Tide und Fließsand machen selbst eine Wattwanderung wenig attraktiv. Vor dem Küstenstädtchen Grange over Sands ertranken vor einiger Zeit 20 chinesische Muschelsammler, die von der Flut überrascht worden waren. Die Bewohner des zauberhaften, aber etwas altmodisch wirkenden viktorianischen Städtchens konzentrieren sich daher lieber auf ihre kleinen Vorgärten und Kaffeehaus-Besuche. Da die meisten Pensionäre sind, haben sie für beides auch viel Zeit.
Cumbria ist vulkanischen Ursprungs, lange wurde Kupfer, Silber, Graphit und Gold geschürft. Das wertvolle Metall wurde bereits von den Wikingern aus der Erde gegraben. Der überwiegende Teil - 78 Prozent - der Bevölkerung im Lake District stammt von dem nordischen Volk ab. Oder aber sie sind Nachfahren der Römer, die hier ebenfalls einfielen. Friedlich war es in der Gegend früher also eher nicht. Ein besonders berüchtigter Ort war Hawkshead, eine Gaunerhochburg. Als die Mönche in die Region kamen, bauten sie auf dem Hügel eine Kirche und im Tal einen Gerichtshof. Dort wurden innerhalb der ersten beiden Jahre 490 Banditen geköpft - dann war die Region halbwegs befriedet.
Auf Strickleitern von Baum zu Baum
Deutlich romantischer ist die Geschichte von Beatrix Potter, nicht verwandt mit Harry Potter. Ihre niedlichen Tierzeichnungen und -geschichten etwa vom Hasen Peter Rabbit und seiner Familie kennt in England jedes Kind. Aber auch aus Japan pilgern ganze Ströme von Besuchern zu dem kleinen Anwesen Hill Top, in dem die kreative Dame lange lebte. Aufgewachsen in London, hatte sie sich in der Sommerfrische in die Gegend verliebt. Als ihre Schriftstellerei erste Früchte trug, kaufte sie sich dort eine kleine Farm. Erst mit 47 heiratete sie. Als Beatrix Potter 1943 mit 77 Jahren starb, gehörten ihr in der Region 15 Farmen und zahlreiche Cottages auf insgesamt 4000 Hektar, die sie alle restaurieren und bewirtschaften ließ und so vor dem Abriss bewahrte.
Aber im Lake District gibt es nicht nur Seen, sondern auch schöne Wälder. In einem davon, dem Grizdale Forest, kann man sich auf Klettergerüsten und Strickleitern von Baum zu Baum hangeln - "Go Ape" heißt der Spaß, grob übersetzt "Mach den Affen". In der Nähe des Waldes befand sich im Zweiten Weltkrieg ein Gefängnis für deutsche Offiziere. Einem der Insassen gelang damals die Flucht, so erzählen Einheimische. Erst drei Wochen später wurde er in seinem Waldversteck entdeckt. Aus einem Camp in Canada konnte er erneut fliehen. Er blieb für immer verschwunden, sein Schicksal aber wurde mit Hardy Krüger in der Hauptrolle 1958 verfilmt: "The one that got away" - Der eine, der entkam. Und das ist auch ein ganz klein wenig romantisch.
Info
Ziel: Der Lake District liegt im Nordwesten von England und grenzt an den Atlantik.
Anreise und Formalitäten: Den Lake District erreicht man am besten von Manchester aus. Dorthin gehen Flüge aus 21 deutschen Städten, darunter Berlin, Leipzig, Frankfurt/Main, Hamburg und München. Von Manchester geht es dann weiter mit dem Leihwagen oder der Bahn. Für die Einreise genügt ein gültiger Reisepass oder Personalausweis.
Unterkunft: Cumbria besitzt die beste Auswahl an Gasthöfen, Hotels und preisgekrönten Restaurants außerhalb von London. Insgesamt 66 Einrichtungen sind mit AA-Rosetten ausgezeichnet.


