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Nach Revolution und Embargo: Libyen: Mit Koran und Grünem Buch

VON GUNDHILD TILLMANNS - zuletzt aktualisiert: 24.05.2007 - 16:21

Düsseldorf (RP). Libyen öffnet sich nach der Beendigung des Embargos zaghaft dem Westen. Die revolutionären Ideen von Muammar Al-Gaddafi müssen die Schüler zwar noch mit dem Grünen Buch verinnerlichen. Aber das Leben der Libyer wird weitaus mehr vom Koran bestimmt. Das Land steht jetzt an der Wegscheide zur Moderne.

„Der Führer ist unsere Sonne, die nie untergeht“, steht in unübersehbar großen, grünen Lettern auf Transparenten. „Willkommen in der Dschamahirija“, künden wieder andere Plakate an Häusern, Stadteinfahrten, sogar an Felsmassiven entlang der Bergpässe: Die Dschamahirija Libyen, die „Massenherrschaft“, grüßt überall in der Farbe Grün, auch wenn die schon sichtlich verblasst. Mit seiner Form von Volksdemokratie hatte sich Revolutionsführer Oberst Muammar Al-Gaddafi 1969 nicht nur unblutig an die Macht geputscht, den schwachen, von den Briten gesteuerten und korrupten König Idriss abgesetzt.

Gaddafi hat mit Koran und Grünem Buch, seinem staatstheoretischen Werk zur „Dritten Universaltheorie“, auch ein ganz eigenes Gebilde im arabischen Raum geschaffen, das sich erst jetzt nach dem Embargo-Ende 2006 wieder ganz zaghaft dem Westen öffnet.

Al-Gaddafi hat seine „böse Buben-Zeit“ offensichtlich hinter sich. Libyen gilt nicht mehr als Terroristenschmiede, zahlt Entschädigungen an die Lockerbie-Opfer, wird von der Weltgemeinschaft auch wirtschaftlich seither nicht mehr geächtet. Behutsam tastet sich das postrevolutionäre Land, in dem nicht nur die grünen Gaddafi-Transparente- und Fahnen, die mannshohen „Führerbilder“ in den Straßen mehr und mehr verblassen, an den Westen heran.

Gaddafis Grünes Buch ist zwar noch Pflichtlektüre in den Schulen. Und es gibt sogar in Bengasi ein „Hochschulzentrum für das Studium des Grünen Buches für die revolutionäre Jugend“. Auch schrieb Gaddafi zwar: „Männeraufgaben verhüllen die Schönheit der Frauen; wenn Frauen Aufgaben von Männern verrichten müssen, gehen sie ihrer Schönheit verlustig.“ Und damit wollte er die Frauen auf die rein traditionelle Rolle der Familienmutter festlegen.

Aber auch vor Libyen macht der Fortschritt nicht halt: „Ich bin noch mit neun Brüdern und vier Schwestern aufgewachsen. Aber meine Frau erwartet jetzt unser viertes Kind, und dann ist Schluss“, bekräftigt der 42-jährige Familienvater Idriss. Er hat bisher zwei Töchter und einen Sohn, wünscht sich einen zweiten Sohn. Er möchte nicht elf und mehr Kinder, wie es in manchen Familien in Libyen aber durchaus noch üblich sei: „Ich möchte, dass auch meine Töchter etwas lernen.

Frauen können heute bei uns schon Berufe ergreifen. Sie werden Krankenschwestern, arbeiten im Büro oder als Lehrerinnen“, berichtet Idriss von den Fortschritten, die es allerdings streng genommen laut Grünem Buch gar nicht geben dürfte. Doch danach wäre dann eigentlich auch die weibliche Leibgarde für „den Führer“ nicht erlaubt. Die wird aber in Tripolis in einer eigenen Kaserne immer noch ausgebildet und genießt hohes Ansehen.

Zwischen den Welten, dem, was auf dem „grünen“ Papier noch gilt, aber andererseits der immer mehr hereinbrechenden Neuzeit, leben auch die drei jungen Lehrerinnen Maryam, Fatimah und Leyla. „Ich bin Englischlehrerin, aber ich habe noch nie Gelegenheit gehabt, im Ausland meine Sprache zu üben“, bedauert Leyla. Sie übersetzt für Maryam, die Mathematiklehrerin, und Fatimah, die Gymnastiklehrerin, aus dem Arabischen, doch ihr Englisch ist zwangsläufig ungeübt. Die jungen Frauen wünschen sich ins Ausland reisen oder wenigstens E-Mails mit der deutschen Frau austauschen zu können, die ihnen da so völlig unverschleiert gegenüber sitzt.

Maryam, Fatimah und Leyla sind nicht nur islamisch sittenstreng gekleidet, wie alle Frauen in Libyen, sie wundern sich auch, dass westliche Frauen „alleine“ reisen dürfen: „Wo ist denn dein Mann? Wie viele Kinder hast du? Bist du schon 30?“ - Fragen, die immer wieder gestellt werden. „Denn wenn du mit 30 noch keinen Mann hast, dann wirst du hier geächtet“, gibt Fatimah zu. Mitte 20 sind die drei jungen Lehrerinnen - noch haben sie „ein wenig“ Zeit ihr Berufsleben zu genießen. Nicht mehr lange. Vielleicht gehören sie aber auch zu den ersten, wenigen Frauen, die auch in Libyen Beruf und Familie vereinbaren können.

Wenn da nicht wieder das Grüne Buch wäre: „Kinder von ihren (berufstätigen) Müttern zu trennen und sie in Fürsorgeeinrichtungen zu pferchen, ist ein Vorgang, durch welchen sie (die Kinder) in etwas den Hühnern Vergleichbares verwandelt werden. Derartige Einrichtungen können mit Geflügelfarmen verglichen werden, in welche die Hühner gepfercht werden, nachdem sie ausgebrütet worden sind“, meint Muammar Al-Gaddafi, der aber im Lande kaum noch in der Öffentlichkeit auftaucht. Inoffiziell wird längst sein ältester Sohn Seif al Islam Al-Gaddafi als Nachfolger betrachtet, der den Vater sogar öffentlich kritisiert und Modernisierungen einfordert.


 
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