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Unglaubliche Farbspiele: Madagaskar: Rote Insel ­- weißer Fleck

VON GABRIELA THOENISSEN - zuletzt aktualisiert: 14.04.2007 - 05:34

Düsseldorf (RP). Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erzählen.Wer nach Madagaskar reist, wird schon vorher Rede und Antwort stehen müssen, weil Freunde und Kollegen erstaunt fragen: „Madagaskar! Warum gerade Madagaskar?” Madagaskar ­ ein Name, der allenfalls schwache Erinnerungen an frühe Lagerfeuerromantik und an ein altes Jugendlagerlied wachruft, das von weiter Ferne und pestkranken Matrosen erzählt. Dabei ist Madagaskar nach Grönland, Neu-Guinea und Borneo die weltweit viertgrößte Insel und beeindruckt den Reisenden schon vom Flugzeug aus durch seine Farbe. Rot. Madagaskar ist rot!

Wegen mächtiger Lateritböden, die für die Rotfärbung weiter Landstriche verantwortlich sind, wird die ehemalige französische Kolonie auch „L‘ ille rouge”, die rote Insel, genannt. Nur wenige hunderte Kilometer vor der Küste Mozambiques liegt sie wie ein roter Edelstein auf dem blauen Samt des Indischen Ozeans.

Touristisch gesehen ist Madagaskar eher ein weißer Fleck. Nur zirka 270.000 Besucher (davon rund 8000 Deutsche) reisten im vergangenen Jahr auf die Insel, die fast anderthalb Mal so groß wie Deutschland ist. Aufgrund der (noch) dünnen, touristischen Infrastruktur sollte der Reisende eine Portion Pioniergeist und Kompromissbereitschaft mitbringen. Dafür wird er mit liebenswerten Menschen, äußerst beeindruckenden Landschaften und mit einer einmaligen Tier- und Pflanzenwelt belohnt.

Vor zirka 160 Millionen Jahren brach Madagaskar vom afrikanischen Kontinent ab und driftete in den Indischen Ozean. Durch die isolierte Lage konnte sich eine einzigartige Fauna und Flora entwickeln. Biologen schätzen, dass gut 80 Prozent der dort heimischen Arten auch nur auf dieser Insel zu finden sind.

Auf den Spuren der Indri

Zu den bekanntesten gehören die 18 Halbaffen-Arten (Lemuren), allen voran der schwarz-weiße Indri. Sein Markenzeichen sind die außergewöhnlichen Schreigesänge.

Wer dem Halbaffen begegnen möchte, muss früh aufstehen. Um kurz nach sechs schrillt das Handy seinen Weckalarm ins fahle Dämmerlicht der Holzhütte am Rande des Anamazaotra-Naturreservates. Startsignal zu einer vierstündigen Wanderung durch den Regenwald, der sich vor den Hütten zu einer undurchdringlichen, grünen Wand auftürmt. Während Socken und Trekkingschuhe ausgeschüttelt werden, um eventuelle „Gäste” zu entfernen (dort leben daumenlange Kakerlaken!), zerschneidet plötzlich ein lang gezogener Schrei die Stille.

Wenig später antworten weitere Stimmen und innerhalb kurzer Zeit wird der Urwald zum Konzertsaal, erfüllt von unheimlichen sirenenartigen Rufen. Kein Wunder, dass die Einheimischen in früheren Zeiten den Wald mieden, glaubten sie doch, die klagenden Seelen verstorbener Ahnen zu hören. Ob Touristen die „Waldgeister” zu Gesicht bekommen ist zumindest fraglich, denn zum Schutz der Tiere ist nur ein kleiner Teil des Reservates für Besucher freigegeben.

Pünktlich mit Beginn der Tour macht der Regenwald seinem Namen alle Ehren. Die Kapuze gegen den feinen Nieselregen über den Kopf gezogen, die Hosenbeine zum Schutz vor hungrigen Blutegeln tief in die Socken gesteckt, geht es vorbei an meterhohen Baumfarnen, knorrigen mit Orchideen bewachsenden Urwaldriesen und agavenähnlichen Pflanzen, in deren wassergefüllten Blattachseln man winzige Baumfrösche finden kann.

Plötzlich gibt der Guide aufgeregt Zeichen zu folgen ­ die Begleiter hasten ihm durch das dornige Dickicht hinterher. Und wirklich, versteckt in der Astgabel eines hohen Baumes hat sein geübtes Auge eine Indri-Familie ausgemacht. Das Glück, die scheuen „Geisterrufer” nun tatsächlich live erleben zu dürfen, lässt Regen, Dornen und Blutegel vergessen. Sinnliches Erlebnis

Ein sinnliches Erlebnis

Nicht nur für die Ohren, auch für Augen und Nase ist Madagaskar ein „sinnliches” Erlebnis. Das Rot der Erde leuchtet im Kontrast mit dem hellen Grün der Reisterrassen und auf den quirligen Märkten stehen in farbenprächtige Wickeltücher gehüllte Frauen und begutachten das Angebot, welches von Kochtöpfen, Stoffen über exotische Früchte bis hin zum Zebubullen reicht.

So vielfältig wie die Farben sind auch die Gerüche. Angenehme, wie die wohlriechenden Düfte tropischer Blüten oder die würzigen Aromen heimischer Gewürze wie Nelken, Pfeffer, Zimt oder die berühmten Vanilleschoten. Aber auch unangenehme Gerüche, wie der Gestank von erhitzten Zebuhörnern, von offen ausgelegtem Fleisch oder von Trockenfisch. Hinzu kommt der allgegenwärtige Brandgeruch unzähliger Feuerstellen, die von den Einheimischen zum Kochen und Heizen genutzt werden.

Trotz verbreiteter Armut und schwieriger Lebensverhältnisse sind die Madegassen ein freundliches und lebensfrohes Volk. Vor allem die Kinder, die Fremden in den Dörfern rotznäsig und in zerlumpter Kleidung, aber mit einem entwaffnendem Lachen entgegenlaufen und die Gäste mit lauten „Vazaha”-Rufen ankündigen (Vazaha = weiße Fremde). Sie umringen ihre hellhäutigen Besucher, sind diese doch eine selten gesehene Attraktion im alltäglichen Dorfleben.

Die geographische Lage zwischen Afrika, Asien und Arabien führte (ab zirka 500 nach Christus, zuerst aus dem indonesisch-malaiischen, später aus dem afrikanischen Raum) zur Einwanderung verschiedener Volksgruppen, so dass heute 18 Ethnien die Insel bevölkern. Die Auswirkungen dieses Schmelztiegels finden sich heute noch in den vielfältigen kulturellen und traditionellen Bräuchen als auch in den asiatisch oder eher afrikanisch geprägten Gesichtzügen der Menschen wieder.

Rauchiger Geruch

21 Tage und rund 20.000 Reisekilometer später. Während die staubige Reisetasche in der heimischen Badewanne ausgekippt wird (beste Methode um das Verschwinden unerwünschter Lebend-Souvenirs in Ritzen und Fugen zu verhindern) blitzen bunte Bilder durch den Kopf. Der leicht rauchige Geruch, der scheinbar allen Gegenständen anhaftet, verbindet sich mit dem süßlichen Duft der mitgebrachten Vanilleschoten und weckt sehnsüchtige Erinnerungen an den roten Edelstein im blauen Ozean.


 
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