Unvergessliche Ausblicke: Mit dem Ballon über die Namib
VON BERND SCHILLER - zuletzt aktualisiert: 27.01.2011 - 09:39Düsseldorf (RP). Abenteuer in Namibia. Wer in einem Ballon über die älteste Wüste der Welt schwebt, der gönnt sich ein teures, aber unvergessliches Erlebnis. Tief unten rennen Antilopen und Springböcke, die weite Landschaft strahlt in allen Schattierungen von Gelb und Orange.
Es kann sehr kalt sein in der Wüste. Noch ist die Sonne nicht über die Dünen von Sossusvlei geklettert. Vor zwei Stunden, fast mitten in der Nacht, sind wir aus unserer Lodge zu diesem Erlebnis aufgebrochen. Jetzt kuscheln wir uns in Pullover und Anoraks, wärmen die Hände an der Kaffeetasse und schauen zu, wie vier Helfer die große Ballonhülle auseinander falten. Eine halbe Stunde dauert es, bis Leinen und Seile sicher festgezurrt sind.
Die Windrichtung wird mit High-Tech-Geräten aus der Fliegerei gemessen. Zur Sicherheit erfolgt ein Test wie vor Jahrzehnten: Moses, der schon am frühen Morgen fröhlich lachende Schwarze aus der Namib-Sky-Truppe, wirft eine Handvoll Sand dicht am Boden hoch. Das Ergebnis stellt seinen Chef Eric, den erfahrenen Piloten, zufrieden.
Noch einmal zehn Minuten, bis der Gasbrenner genügend heiße Luft in die bunte Seidenhülle gepustet hat. Dann muss es schnell gehen: Eric „lupft“ mit einigen Fauchern den Weidenkorb kurz an. Wir klettern in die Gondel, vier Passagiere. In Fahrt gebracht von einem kräftigen, angenehmen Wind, gewinnt der Ballon rasch an Höhe, wie mit der Morgensonne um die Wette. 100 Meter, 200 Meter, der Horizont verschiebt sich immer schneller. Die anfängliche Aufregung der Abenteurer an Bord legt sich.
Eric Hesemans strahlt Ruhe und Vertrauen aus. Er ist Afrikaner, weißer Afrikaner mit belgischer Abstammung, im Kongo aufgewachsen, seit 20 Jahren in Namibia zu Hause. Mit seiner Frau Nancy hat er, der schon vorher leidenschaftlicher Ballonfahrer war, 1991 in Windhoek die Firma Namib Sky gegründet. Seither lässt er seine Fahrgäste aus maximal 600 Metern Höhe in eine einzigartige Urlandschaft schauen, die sich zwischen der Namibwüste und den Naukluftbergen ausbreitet.
Im Rausch der Farben
Atemlos staunend schauen wir nach unten, in eine schrumpelige Sand-, Kies- und Felsebene, soeben noch dunkelgrau, jetzt leuchtend rot in der frühen Sonne des Südens. Die Wüste wirkt aus dieser Perspektive wie mit Elefantenhaut ausgelegt. Ein Rudel Oryx-Antilopen hetzt in großen Sprüngen davon, vermutlich aufgeschreckt vom Schatten, den unser Ballon wirft. Auch Springböcke sind zwischen den Felsen mit dem Glas gut auszumachen in dieser Wildnis, deren Licht von Rosa in tiefes Braun wechselt. Mit maximal fünf km/h gleitet der Ballon über die Wüste, sie lebt jetzt im Rausch der Farben.
In der Ferne scheinen sich die Berge zu bewegen und zu flimmern. Luftspiegelungen narren. Die geheimnisvolle Stille wird nur unterbrochen, wenn Eric den Brenner zum Fauchen bringt. Dann allerdings scheint es, dass der plötzliche Lärm die Welt da unten aus einem vieltausendjährigen Schlaf weckt. Keiner mag sprechen, nicht einmal seine Begeisterung ausdrücken. Wer es dennoch tut und womöglich auch noch sagt, dass er „fliegt“, bekommt von Eric Hesemans die gelbe Karte. Mit dem Ballon schwebt, gleitet und vor allem fährt man, aber niemals fliegt man mit so einem Heißluftgerät.
Von Zeit zu Zeit zieht Eric an den Leinen und presst lautstark Butangas in den Ballon. Dann wiederum verständigt er sich über Sprechfunk mit dem Fahrer des Unimog, der etwa zehn Meilen voraus die „Landebahn“ erkundet. Knapp 500 Meter unter dem Ballon preschen wieder Antilopen, diesmal durch ein ausgetrocknetes Flussbett. Rillen und Streifen haben sich seit Urzeiten in den Boden der Wüste Namib gefräst, die dem Land ihren Namen gab.
Riesendünen in Orange
Der Nationalpark Namib-Naukluft, mit etwa 50.000 Quadratkilometern etwa so groß wie Nordrhein-Westfalen und Sachsen zusammen, ist das größte Naturschutzgebiet Afrikas. Vor mehr als 100 Jahren, in der Zeit der deutschen Kolonialherrschaft, wurde in dieser Region mit dem „Tierreservat Nr. 3“ die Grundlage für die großen Nationalparks gelegt, die heute viele Touristen anzieht. Die berühmten Dünen von Sossusvlei gehören auch zu diesem Park. Rund 200 Meter ragen sie aus der Tonpfanne, dem Vlei, das frühmorgens in grell-orangefarbenes Licht getaucht ist. Tagsüber wechselt seine Farbe durch alle Rot- und Gelb-Schattierungen bis hin zu einem tiefdunklen Braun.
Eric gibt über Sprechfunk seine Koordinaten an das noch nicht zu sehende Begleitfahrzeug. Erst nach einer Stunde fast atemloser Spannung fordert der Pilot, in die Hocke zu gehen. Rasch senkt er den Ballon ab, von 500 auf 300, dann auf 150 Meter. Jetzt wirbelt der Unimog ganz in der Nähe Staub auf. Minuten später setzt der Korb punktgenau auf der Ladefläche des kleinen Lastwagens auf, so sanft, als ob jemand „von ganz oben“ die Hand geführt hätte. Der Ballon schlafft ab, 200 Liter Gas sind verbraucht. Es ist ein Gefühl, als hätte sich soeben für einen Moment der Vorhang zu einem der letzten Geheimnisse der Erde gehoben.
Dann nippen wir, um 350 Euro ärmer, aber um ein unvergessliches Erlebnis reicher, am Champagner, der zum Landungsritual gehört. Moses bittet an den Klapptisch. Dieser ist mit Früchten und Brötchen, Marmelade, Käse und Wurst gedeckt. Wie zur Bestätigung, dass die Erde uns wieder hat, jubiliert eine Namiblerche über der Wüste.
Infos Namibia
Klima Die Wintermonate sind weitgehend trocken, die Tagestemperaturen angenehm, ca. 20 bis 25 Grad. Erst ab März regnet es häufiger.
Flüge Tägliche Linienverbindungen ab Frankfurt, u.a. mit Lufthansa und Air Nambia. Air Berlin fliegt im Winter drei Mal wöchentlich von Düsseldorf via München nach Windhoek. Spar-Preis (Beispiel für Februar): ca. 900 Euro.
Ballonfahren Neben Eric Hesemans (Namib Sky in Windhoek, www.namibsky.com) bieten u.a. Overland Ballooning (www.overlandafrica.com), African Adventure Balloons (www.namibweb.com) und African Desk (www.africandesk.com) "Fahrten" über der südlichen Namib und ab Swakopmund an. Sie dauern jeweils etwa eine Stunde und kosten umgerechnet zwischen 300 und 350 Euro.
Reiseführer „Namibia“ von Michael Iwanowski aus dem gleichnamigen Verlag (25,95 Euro).
Auskunft Namibia Tourism Board in Frankfurt, Schillerstraße 42, Tel. 069/13 37 36-0, www.namibia-tourism.com.


