Berge, Wüste, Meer: Panamericana - Südamerikas Bindeglied
zuletzt aktualisiert: 29.11.2005 - 11:14Quito (RPO). Die längste Straße der Welt ist die Panamericana. Sie ist ein Mythos - ähnlich wie die Route 66. Dabei existiert sie eigentlich nicht als eine zusammenhängende Strecke. Dennoch verbindet die Panamericana Alaska mit Feuerland. Zwischen diesen beiden Eckpunkten liegen rund 20.000 Kilometer. In Nordamerika gibt es unterschiedliche Meinungen über den genauen Verlauf - daher kann die genaue Länge nicht beziffert werden. Auch sucht man im Norden vergeblich nach einem Straßenschild mit der Bezeichnug "Panamericana".
Erst in Südamerika ist die Panamericana als solche eindeutig klassifiziert, entsprechend beschildert und damit quasi amtlich. Auf der sicheren Seite bewegt sich auch aus anderem Grund, wer die Panamericana in Quito beginnt. Wobei Sicherheit ein relativer Wert bleibt: Die Lage im benachbarten Kolumbien gilt als derart explosiv, dass man touristische Besuche besser ganz unterlässt.
Ganz beschaulich geht es aufgrund politischer Wirren auch in Ecuador nicht zu. Doch wer sich an den Rat örtlicher Reisebüros oder der Hotelrezeption hält, bestimmte Viertel oder Regionen meidet und Ausgangssperren beachtet, hat als Reisender wenig zu befürchten. In Peru gilt es vornehmlich, die Elendsviertel am Stadtrand von Lima zu meiden. Generell empfiehlt es sich sowohl in Ecuador als auch in Peru, auf nächtliche Überlandfahrten mit dem Leihwagen zu verzichten. Tagsüber besteht dagegen in beiden Ländern kaum ein Risiko, in Gefahr zu geraten.
Von den Metropolen in die Anden
In den Metropolen längs des Weges lässt sich der Durst nach Kunst und Kultur stillen. Ob Quito, Lima oder Santiago de Chile: Man wandelt in den alten Stadtkernen stets auf dem Erbe der kolonialen Vergangenheit. Opulente Architektur, Denkmäler, geräumige Piazzas oder Viertel, die von engen Gassen geprägt sind, zeugen lebendig von ihrem spanischen Ursprung. Noch viel lebendiger geht es auf den Märkten zu: Dort gibt es von Fleisch, Käse, Obst und Gemüse über Kunst, ausgestopfte und lebende Äffchen oder Schlangen bis hin zu schrillem Plastikramsch wirklich alles.
Das bloße Springen von Stadt zu Stadt vermittelt nur wenig vom Charakter der Panamericana. Es sind die Strecken dazwischen, die ihre Faszination ausmachen. Von Quito aus führt der Weg häufig in engen Kurven zunächst noch an den baum- und strauchbestandenen Hängen der Anden entlang und schraubt sich auf Höhen von bis zu 3.000 Metern. Die Straße folgt dann engen Tälern und wandert abwärts in Richtung Küste, die sie in Chiclayo, kurz hinter der peruanischen Grenze, erreicht.
Durch die Wüste
Es ist eine seltsame Welt, die sich hier auftut: Mit schaumgekröntem Haupt rollt rechter Hand die donnernde Brandung des pazifischen Ozeans heran, überschwemmt und räumt in stetem Kommen und Gehen endlos lange, weiße Strände. Linkerhand aber dehnt sich schier endlos die Wüste aus. Karstiges Gestein, Geröll und Sand. Immer wieder Sand, in allen Farben: Gelb, Ocker, Rot, Grau und Schwarz. Nur wenige Täler durchschneiden diese Ödnis mit ihrem satten Grün, den Bananenplantagen und Gemüsegärten, die aus den Wassern von meist halb versiegten Flussläufen gespeist werden.
Doch es ist die Wüste, die hier regiert. Wer sich auf ihre Monotonie einlässt, wird von dieser kargen, lebensfeindlichen Welt auf sonderbare Art vereinnahmt. Er spürt, dass auch die Wüste neben einem Ur-Instinkt der Bedrohung doch auch eine Ahnung von Weite und Freiheit weckt - ganz so wie das benachbarte Meer. Auf einer Strecke von über 3.000 Kilometern reichen sich an den Küsten Perus und Chiles die beiden nur scheinbar so unterschiedlichen Elemente die Hand, und die Atacama stellt dabei den Höhepunkt an bizarrer Einsamkeit dar.
Durch Chile bis zum Ende der Welt
Erst nördlich von Santiago entlässt die Wüste den Besucher aus ihrer heißen Hand. Die Panamericana führt nun durch hügelige Landschaften, die mit ihren Wiesen und Wäldern beinahe ans Allgäu erinnern, und streift die Weinbaugebiete des mittleren Chile. Kurz hinter Osorno aber knickt sie jäh nach Osten ab. Die Nationalparks Puyehue auf chilenischer und Nahuel auf argentinischer Seite malen ein Bilderbuchpanorama in den klaren Horizont: grandiose Berglandschaften mit dichten Wäldern, klaren Seen, stillen Bächen und donnernden Wasserfällen vor dem Hintergrund der scharf geschnittenen, schneebedeckten Gipfelketten der Hochanden.
Umso krasser fällt der Unterschied zu Patagonien aus, wo die Weiten der Pampas warten: Ein scheinbar endloser Teppich aus büscheligem Gras, das sich in ewig wehenden Winden duckt und wiegt. So geht das bis zur Magellanstraße, die man entweder bei Punta Arenas oder südlich von Rio Gallegos quert.
Auf Feuerland angekommen, werden auf dem Weg nach Ushuaia ein letztes Mal die Anden gestreift. Etwa zwölf Kilometer folgt man noch einer lehmigen Fahrspur hinein in den wildromantischen Nationalpark Tierra del Fuego mit seinen Laubwäldern, Seen und Mooren. Dann endet die Spur, man kommt zu Fuß über einen idyllischen Steig noch ein paar hundert Meter weit. Dort aber, wo das Land sich in felsigen Klippen und zahllosen Inselchen im Meer verliert, endet das große Abenteuer Panamericana. Dort liegt das Ende der Welt.


