Der Luxusliner: Queen Mary 2: Klassenfahrt im Atlantik
VON MICHAEL HAMERLA - zuletzt aktualisiert: 19.08.2008 - 10:11New York (RP). Schon der erste Anblick ist überwältigend. Ein Schiff, so lang wie die halbe Düsseldorfer Kö. So aufragend wie ein Hochhaus. So luxuriös wie ein Palast. Mit der „Queen Mary 2“ über den Nordatlantik von New York über Southampton nach Hamburg.
Ein Schiff: 72 Meter hoch, 40 Meter breit, 345 Meter lang. Ein Schiff? Ein bewegter Palast. Dessen Bewegung nicht spürbar werden soll. Stabilisatoren gleichen Wellen aus. Nur manchmal zeigt ein leichtes Zittern der Aufbauten, dass hier Dieselmotoren und Gasturbinen fast 160.000 PS produzieren können, damit der 150.000-Tonnen-Trumm jedem Sturm trotzt.
Ein Ort des Augenkitzels. Von außen beleuchtet, innen mit schweren roten Teppichböden in holzgetäfelten Durchgängen und Treppenhäusern. Prächtige Aufzüge und Restaurants, deren Treppen Gästen den ganz großen Auftritt gestatten. Mit Ballsaal, Bibliothek, Theatern (samt Planetarium), Spielsalon, Clubs, Bars. Mit vielen Bildern, auch aus der langen Geschichte der britischen Cunard Reederei. Wo aber ist ein Bild des Cunard-Schiffs „Titanic“?
Die „Queen Mary 2“ widerlegt die Schulweisheit, das britische Wesen sei gekennzeichnet durch Understatement. Hier wird geklotzt. Mit Material. Mit Menschen: 1250 Crew-Angehörige für maximal 2600 Gäste. Mit Worten: Bietet der Kellner im Edelrestaurant „Todd English“ einen kleinen, mit warmer Schokolade gefüllten Kuchen an, ist das „der beste der Welt“. Wenn Kapitän Christopher Wells bei seiner täglichen 12-Uhr-Ansprache einen Tag ohne Nebel ankündigt, dann ist das ein „wundervoller Tag“.
"Der perfekte Ort, um das Leben zu genießen"
„Der perfekte Ort, um den Alltag zu vergessen und das Leben zu genießen“, so wirbt Cunard für die „Queen Mary 2“. Kein leeres Versprechen, wie eine acht Tage-Tour von New York nach Hamburg zeigt. Essen, Trinken, Faulenzen, ruhig werden. 953 der knapp 1300 Kabinen haben einen Balkon. Da blickt man auf die See - und vertrödelt schon mal einige Stunden.
Die Kabinen sind keine engen Kabuffs, sondern Zimmer oder - wenn es teurer sein darf - auch Suiten. Mit Butler, wenn’s sein kann und soll. Ansonsten: Ein Steward für 16 Kabinen oder neun Suiten.
Zum Wohlbefinden trägt eine Ordnung bei, die sich „Kleidervorschlag“ nennt. Ab 18 Uhr sind Jackets in den Restaurants vorgeschrieben, öfter Smoking (geduldet auch dunkler Anzug) und festliches Kleid. Deren Träger und Trägerinnen dokumentieren die zivilisierteren Seiten ihrer Erziehung. Man ist höflich zueinander. Das färbt auf andere Tageszeiten ab, wenn es am Buffet vom „Kings Court“ Gedränge gibt und leere Plätze rar sind. Wenn Jogger und Walker auf Deck 7 etliche der 620 Meter langen Runden um das Schiff drehen. Wenn zum reichen Wellness-, Fitness- und Unterhaltungsangebot legeres Outfit angesagt ist.
Es gibt Pools, es gibt Führungen durchs Schiff, wobei die Technik tabu ist. Beliebt ist der Besuch der blitzsauberen Riesenküche. Dort befehligt Klaus Kremer aus Köln 150 Köche und demonstriert sein Talent zur Unterhaltung.
Fünfeinhalb Tage zwischen den Zeitzonen
Vor allem aber gibt es die See. Den grauen, riesigen, nebligen Nordatlantik. Von New York aus geht es nach Norden, an Neufundland vorbei, bis 1000 Kilometer südlich von Grönland der Kurs nach Südosten wechselt.
Von der Bibliothek aus schweift der Blick über das Vorschiff, natürlich sind die schönen Plätze immer besetzt. Unter der Brücke lockt ein „Observation Deck“ mit Blick nach vorn, über der Brücke ein „Lookout“. Und immer wieder der Blick aufs Wasser. Einige Tage lang - für zwei Tage ist das Schiff außerhalb der Reichweite von an Land stationierten Hubschraubern - ist jeder Delphin, manchmal sogar ein Wal, jeder Vogel, jedes Containerschiff ein Ereignis.
Langsam, sechs Tage lang, wird der Zeitunterschied zwischen Amerika und Deutschland eliminiert. Sechs Tage zwischen New York und Hamburg sind 23-Stunden-Tage, in der Nacht wird die Uhr jeweils um eine Stunde vorgestellt. Früher, so erzählt Kapitän Wells, durcheilten die Linienschiffe - zu denen die „Queen Mary 2“ gehört - den Atlantik zwischen New York und Southampton in viereinhalb Tagen. Heute, im Flug-Zeitalter, nimmt sich die „Queen Mary 2“ für diese Strecke fünfeinhalb Tage Zeit. Das spart Treibstoff.
Wenn der Kapitän zum Dinner lädt
Am zweiten Tag der Reise gibt Kapitän Wells einen Empfang für alle, die nicht die ganz teuren Kabinen gebucht haben. Die Zuwendung zum Fahrgast gehört zu seinen Pflichten - und er absolviert sie mit Witz: „Gestern saß ein Lord an meinem Tisch, da musste ich mein bestes Benehmen zeigen.“ Das aus dem Fernsehen bekannte Captains-Dinner gibt es auf der „Queen Mary 2“ nicht, 2500 Passagiere sind für diese Übung einige zu viel. Stattdessen bittet der 52-Jährige, der seit 32 Jahren zur See fährt (davon 16 auf Tankern), täglich einige Passagiere an seinen Tisch. Passagiere, so versichert er, aller Art. Die Auswahl trifft seine Sekretärin.
So sehr jeder einzelne Passagier geschätzt wird, es gibt Unterschiede. Wer pro Person bei einer Atlantik-Überquerung in einer Zweibett-Außenkabine mit Balkon 4300 Euro zahlt, fährt in einer anderen Klasse als derjenige, der pro Person 8560 Euro für die Queens-Suite hinblättert. Oder gar 31.000 Euro. Also wird höflich darauf hingewiesen, dass einige Restaurants und einige Decks der besseren Hälfte der insgesamt guten Gesellschaft vorbehalten sind. Für alle Passagiere aber gilt: Das Betreten der - meist von Asiaten bewohnten - Mannschaftsräume ist auch nach etwaiger Einladung strikt untersagt. Die klasse Fahrt auf der Queen ist auch eine Klassenfahrt.


