Geheimtipp für Gestresste: Richtig viel Zeit haben auf Helgoland
zuletzt aktualisiert: 08.03.2007 - 12:05Helgoland (RPO). Wer im Winter reif für die Insel ist, trifft mit Helgoland eine gute Wahl. Zwar kann es bei der Anreise mit dem Schiff oder im Propellerflieger ein bisschen schaukeln, doch bei der Ankunft auf Deutschlands einziger Hochseeinsel sind alle Sorgen vergessen.
Ausgerechnet hier, wo in der Sommersaison jede Minute kostbar ist, wo Zeit Geld bedeutet für bis zu 8000 Tagesgäste, die schwarmartig einfallen und beim nur dreistündigen Aufenthalt möglichst viel und billig zoll- und steuerfrei einkaufen wollen - ausgerechnet hier scheint die Zeit zwischen November und März stillzustehen: In den Wintermonaten ist Helgoland ein Geheimtipp für Gestresste.
Man hört Wellen rauschen, Möwen schreien - und keine Kaffeekränzchen schnattern. Die Luft ist klar, schmeckt nach Salz, die Aerosole des Meeres entfalten ihre Wirkung - Wellness Marke Natur. Richtig kalt wird es hier nie, dank des warmen Golfstroms, der die Insel touchiert. "Schnee habe ich hier noch nie gesehen, und Frost ist eine Seltenheit", sagt Insel- und Bunkerführer Jörg Andres vom Museumsverein. Er lebt seit 40 Jahren auf Helgoland.
Ihrem Ruf als Ausflugsziel mit 60er-Jahre-Charme wird die Insel schon lange nicht mehr gerecht - spätestens seit 1999 vor der Landungsbrücke das futuristische Design-Hotel "Atoll" errichtet wurde, das keine 20 Meter von der Brandung entfernt First-Class-Unterkunft mit Body- und Beauty-Anwendungen bietet. "Es hat neue Maßstäbe gesetzt und Impulse gegeben", freut sich Helgolands Kurdirektor Christian Lackner (39). "Auch die anderen Hotels in der ersten Reihe sind jetzt nachgezogen, haben umgebaut, modernisiert, sich in der Ausstattung verfeinert. So erschließen wir ein ganz neues Gästesegment."
Keine Autos und Straßenlärm
Die Zahl der Besucher-Ankünfte ist im Jahr 2006 zum wiederholten Mal gestiegen, um gut 5000 auf mehr als 430.000. Das größte Pfund, mit dem die Insel im Winter wuchern kann, ist nach Lackners Worten aber "die Entdeckung der Langsamkeit." Keine Autos und Ampeln, kein Straßenlärm, keine Abgase, nur der Fahrstuhl zum Oberland und die kleine Fähre zur vorgelagerten Düne.
"Für viele mag die Ruhe anfangs ungewöhnlich sein", sagt der Kurdirektor, "aber schon nach kurzer Zeit spürt man die Veränderung und genießt die stillen Tage. Gleichwohl sollten auch Helgoland-Winterurlauber ein paar Dinge nicht versäumen. Dazu gehört ein Rundgang auf dem bestens abgesicherten Klippenrundweg mit Hochseepanorama - durch Kleingärten und über Schafweiden zur "Langen Anna", dem Turmfelsen und Wahrzeichen der Insel an der Nordwestspitze. Der Rundweg dient auch als Geschichtsmeile, wo an 16 Stationen die bewegte Historie der Insel punktuell erzählt wird.
Zweitens: eine Bunker-Führung. Auf Helgoland wurden im Zweiten Weltkrieg Bunker- und unterirdische Militäranlagen mit fast 14 Kilometern Länge geschaffen. Sie retteten der Bevölkerung bei der Bombardierung durch England am 18. und 19. April 1945 das Leben. 370 Meter der Bunkeranlage sind begehbar und zu besichtigen. Zweimal in der Woche bietet der Museumsverein Helgoland Führungen an: dienstags und sonnabends am Nachmittag.
Weniger beklemmend, stattdessen kurzweilig und erbaulich ist ein Besuch der Sanddüne, die mit der Fähre in weniger als zehn Minuten erreicht ist. Seit den 80er-Jahren haben sich hier wieder Kegelrobben und Seehunde angesiedelt. An manchen Tagen liegen bis zu 350 Tiere dicht an dicht am Strand und aalen sich in der Sonne. "Die haben gemerkt, dass wir sie nicht mehr jagen, und sind zurückgekommen", sagt Helgolands Robbenheger Hans Stühmer.
Stühmer entdeckt roten Feuerstein
Stühmer war es auch, der vor Jahren ein mineralisches Unikat auf der Düne wiederentdeckte: den roten Feuerstein. "Den findet man wirklich nur hier", ist er sicher. Schon in grauer Vorzeit war der Stein wegen seiner Härte als Werkzeug beliebt und ein echter Helgoländer "Exportschlager". Das beweisen archäologische Funde in ganz Norddeutschland. Heute verarbeiten Helgoländer Kunsthandwerker die Funde zu Schmuckstücken, die sie zur Sommersaison in kleinen Galerien in den früheren Hummerbuden am Hafen anbieten.
Apropos Hummer: Dem Feinschmecker hat Helgoland - wie sollte es anders sein - Maritimes zu bieten: Selten gewordene Delikatesse ist der fangfrische Hummer von den Hummerbänken der Hochseeinsel. Ihr Fang ist aus Artenschutzgründen streng reguliert, nur wenige hundert Kilo im Jahr gehen autorisierten Hummerfischern ins Netz.
Richtig viel Zeit haben - das gilt im Winter auch für Helgolands bestsortierten Spirituosen- und Tabakwarenhändler Niels Pförtner am Flanier-Boulevard Lung Wai. Jahrzehntelange zoll- und mehrwertsteuerfreie Einkaufsmöglichkeiten - bedingt durch ein Freihandelsabkommen aus der Zeit, als Helgoland noch britisch war - haben ihn und andere Insulaner zu Spezialisten gemacht. Mehr als 3000 Whiskey-Sorten aller Preisklassen führt er in seinen Regalen, außerdem rund 1000 Zigarrensorten im begehbaren Klimaraum. Für eine Flasche 40 Jahre im Fass gereiften Glenfiddich stehen schon mal 1500 Euro auf dem Etikett. Niels Pförtner investiert in den Wintermonaten gern eine Viertelstunde oder mehr in die Beratung seiner wenigen Kunden: "Hier läuft mir jetzt ja keiner weg."
Weitere Informationen finden Sie unter: www.helgoland.de und www.helgolandreisen.de


