Märchenhaftes Kirgisien: Schwangere Jungfrauen im Himmels-See
VON GUNDHILD TILLMANNS - zuletzt aktualisiert: 07.12.2008 - 12:21Düsseldorf (RPO). Kirgisiens Schätze sind seine Landschaft und die Menschen. Die Natur verwundert und fasziniert ebenso wie die Nomaden und Bauern und die Legenden, die sie erzählen. Vieles ist in dem Land der Skythen noch ursprünglich.
Noch steht er auf seinem Sockel, „Gevatter“ Lenin, in Kirgisiens Hauptstadt Bischkek. Aber der Sockel mitsamt Lenin sind vor dem Rathaus abgebaut und hinter dem Rathaus wieder aufgebaut worden: Man kann ja nie wissen... 1991 wurde zwar Unabhängigkeit gefeiert von der ehemaligen Sowjetunion. Aber Lenin und Stalin gehören mittlerweile zur gelebten Legende des Nomaden- und Bauernlandes, das Moderne und Schamanismus so selbstverständlich miteinander vereint, wie immer noch den politischen Filz aus Korruption und Vetternwirtschaft. Dazu kommt der tatsächliche Filz, den die Nomadenfrauen traditionell, kunstvoll und farbenfroh für den Eigenbedarf und den Verkauf fertigen.
Kirgisien, auch Kirgistan oder Kirgisistan genannt, ist ein Land für Entdecker, voller „Wunder“, zugleich voller Aufbruchstimmung und Probleme, die das Rückbesinnen auf ein selbstbewusstes Nationalverständnis mit sich bringt.
Im Inneren des Landes wird der Europäer von den Kirgisen ebenso bestaunt, wie die Reisenden die Einheimischen betrachten. Freundliche Nomaden, die schon von weitem herbei gelaufen kommen, wenn sich die Reisenden nähern. Auch ganz junge Kinder schon auf den Rücken der Pferde – natürlich ohne Sattel. Die Pferdezucht der Kirgisen ist weltberühmt, die edlen Rösser werden mit dem Flugzeug bis Europa exportiert.
Nomaden-Frauen treten aus den Jurten heraus, robuste Rundzelte aus Filzdecken, die auch im bitterkalten Winter noch Schutz gewähren. Die Frauen bieten die berühmt-berüchtigte, gegorene Stutenmilch, den Kumis, an. Mit seinem säuerlich-herben Geschmack soll Kumis nicht nur ausgesprochen gesund sein, sondern sogar verjüngend wirken: eine der vielen Mythen eines Landes, das sich bis heute rühmt, aus einer Legende „geboren“ worden zu sein.
Land der Legenden
40 Jungfrauen sollen im Himmels-See, dem Issyk-Kul, gebadet haben und davon schwanger geworden sein. Die 20 Mädchen und 20 Jungen, die die 40 „Jungfrauen“ daraufhin zur Welt brachten, sollen die Nation der Kirgisen begründet haben. Allen Ernstes erzählt denn auch bis heute die ansonsten so moderne und Welt aufgeschlossene Studentin Olga den Reisenden von einem Drachen, der kürzlich im Issyk-Kul gefunden worden sei: Bis dahin hätten sich die Einheimischen, mal abgesehen von den 40 „Jungfrauen“, nämlich nicht getraut, im See zu baden – wegen des Drachens.
Das heutige Erlebnis in Kirgisien ist die wunderschöne Landschaft mit den hohen Gebirgszügen, die von blühenden Wiesen, über die Sanddünen, die schroffen, mehrfarbig-schimmernden Vulkangesteine bis zur Schneedecke alles auf einen verwunderten Blick darbieten. Dazu gesellen sich die klaren Gebirgsbäche und -Seen.
Aber es sind auch die Nomaden und Bauern, die noch echte Gastfreundschaft kennen und ganz unvoreingenommen auf die Fremden zugehen. So hocken sich etwa die Hirtenjungen staunend neben eine Touristin, die mit Stift und Papier ein Rind ihrer Herde „einfängt“.
Von magischer Faszination ist für die Knaben aber vielmehr der Radiergummi, der ein Rinderohr einfach so wegzaubern kann. „Wo ist das Ohr geblieben?“, diskutieren sie verwirrt, drehen und betrachten den Radiergummi von allen Seiten, suchen das Ohr darin und tragen ihn schließlich als Geschenk überreicht „wie die heiligen drei Könige“ in ihre Jurten davon. Wahrscheinlich ist mit diesem Erlebnis schon wieder eine neue Volkslegende geboren – die vom magischen Gummi, das Rinderohren verzaubert.
Unberührte Weiten
Doch dann verzaubert wieder die fast noch unberührte ländliche Welt. Was die Jurten der Nomaden sind, das bedeuten den Bauernfamilien ihre liebevoll herausgeputzten, klein-geduckten Häuschen, mit den türkisblau oder den grasgrün angestrichenen und mit Schnitzereien versehenen Dachgiebeln – und dem obligatorischen Gartenzäunchen: Dahinter all’ die schönen alten Blumensorten, riesige Feuerblumen, Wicken, Phlox, Rosen, die noch duften, Obstbäume und viel Gemüse für die Selbstversorger.
Etliche kirgisische Familien öffnen inzwischen ihre mit vielen Spitzendeckchen und knallbunten Utensilien ausgestatteten Wohnzimmer auch Gästen aus dem Ausland. Es wird aufgetischt, alles was die russische und die Nomadenküche bieten, alles, was der eigene Garten hergibt. Kindheitserinnerungen werden plötzlich hellwach. Und es ist wieder alles wie damals bei Großmutter auf dem Lande: Einfach und schön!


