In dünner Luft: Schweiz: Berner Oberland im Schnee
zuletzt aktualisiert: 24.11.2005 - 08:09Grindelwald/Interlaken (rpo). Am Fuße von Jungfrau, Mönch und Eiger ragt das Grand Hotel "Bellevue Des Alpes" in den Himmel. Komplett aus Holz gebaut, zog es schon Clint Eastwood und Luis Trenker an. Ihnen diente das Hotel und die Kulisse der drei Berge als Drehort. Auch vielen Bergsteigern stand das Hotel als Basisstation zur Verfügung. Für Skifahrer ist es der Ausgangspunkt, um herrliche, unberührte Pisten hinab zu wedeln.
Auf 2.064 Metern Höhe stehen die ehemals zwei Häuser "Bellevue" und "Des Alpes". Gebaut wurden sie in den Jahren 1865 und 1896, heute firmieren sie unter dem Titel "Scheidegg-Hotels" und sind neben dem Umsteigebahnhof auf der Passhöhe die zweite, traditionelle Attraktion. Clubsessel, Kaminfeuer, eine getäfelte Bar - in den beiden Häusern geht es noch immer gediegen zu. Hotels wie dieses finden sich heute nur noch in der Schweiz und im britischen Königreich - Hotels, an denen die Zeit offenbar spurlos vorbei gegangen ist und die gerade deswegen wieder modern sind.
Hier, auf gut 2.000 Metern Höhe, stehen die Häuser auf dem Hochgebirgssattel zwischen Wengen und Grindelwald. Alle Besteigungen der Eiger-Nordwand - ob sie glücklich endeten oder tragisch - stehen mit dem Hotel in Verbindung. Den meisten Bergsteigern galt es als Basisstation.
Im Iglu-Camp auf Holzbrettern ruhen
Doch das traditionsreiche Grand Hotel ist nicht die einzige Möglichkeit, die Nacht in mehr als 2.000 Höhenmetern im Umkreis von Eiger, Mönch und Jungfrau zu verbringen. Unterkühlter geht es in der Alternativ-Logis zu, die nur etwas für hart gesottene Winterfans ist: eine Nacht im Iglu-Camp auf dem benachbarten Männlichen in 2.225 Metern Höhe.
Holzbrett, Polarschlafsack, Mütze und dicke Socken sind die Grundausstattung, um die Nacht ohne Frostbeulen zu überstehen. Die nächste Toilette ist im Berggasthof in ein paar Minuten Entfernung zu finden - bei Schneesturm allerdings unerreichbar. Und dennoch: Nach einem harten Skitag kommt der Schlaf, und ein Sonnenaufgang so hoch in den Bergen ist ein Spektakel.
Ein Traum in weiß
Hier wie dort: Aus dem Bett auf die frisch geplätteten, noch unberührten Pisten - das ist der Stoff, aus dem so mancher Skifahrer- und Snowboarder-Traum ist. Besonders, wenn die Abfahrt so berühmt ist wie die am Lauberhorn, die alljährlich tausende Abfahrts- und Slalomfans an die Strecke lockt. Aber auch normale Skifahrer können auf der Strecke über Hundschopf und Hanegg fahren.
Die Kleine Scheidegg ist nicht nur die Passhöhe zwischen Eiger und Lauberhorn, die Grindelwald mit Lauterbrunnen verbindet. Sie ist auch zentraler Umsteigepunkt für die Wengernalpbahn und die Jungfraubahn. Die Bahnen, die das imposante Dreigestirn bedienen, haben alle eine lange Tradition: Die Jungfraubahn, die die Passagiere von der Kleinen Scheidegg durch Eiger und Mönch auf die höchstgelegenen Bahnstation Europas auf dem 3.454 Meter hohen Jungfraujoch transportiert, wurde zwischen 1896 und 1912 gebaut. Für diese Zahnradbahn zeichnet der Schweizer Eisenbahnpionier Adolf Guyer-Zeller verantwortlich - dem Industriellen kam die Idee während einer Alpenwanderung.
Der Zug legt die zwölf Kilometer bis an sein Ziel zu einem großen Teil durch einen aus dem Fels geschlagenen Tunnel zurück. Nur im unteren Teil, zwischen der Kleinen Scheidegg und dem Eigergletscher, verläuft die Strecke im Freien. Zwei "Tunnelfenster" erlauben auf der Fahrt den Blick in die umliegende Bergwelt: Von der Station Eigerwand aus der Nordwand heraus sieht man ins Grindelwaldtal, auf die Kleine Scheidegg und über Interlaken bis zum Thuner See. An der Station Eismeer zeigt sich die Gletscherwelt ringsum.
Längste Zahnradbahn Europas
Die Wengernalp-Bahn ist mit 19 Kilometern die längste Zahnradbahn der Schweiz und bringt die Fahrgäste seit 1893 von Lauterbrunnen über Wengen und die Kleine Scheidegg nach Grindelwald. Die ursprüngliche Strecke führte auf steilstem Weg von Lauterbrunnen bergauf nach Wengen. Da diese Strecke schon in den Frühzeiten des Bahnverkehrs auf die Berge immer wieder von Eisschlag bedroht war, wurde aber bereits 1910 eine neue, weniger steile Trasse in Betrieb genommen.
Zwei weitere Standseilbahnen erschließen das Skigebiet am Fuß der berühmten drei Berge: Die mehr als 90 Jahre alte Harder-Bahn klettert von Interlaken die 1,4 Kilometer lange Trasse auf den 1.322 Meter hohen Harder Kulm. Die 5,7 Kilometer lange Bergbahn von Lauterbrunnen nach Mürren beginnt als Standseilbahn mit einer Steigung von 61 Prozent. In Grütschalp wechseln die Passagiere in eine Schmalspur-Panoramabahn, die sie bis nach Mürren befördert.
Blaue und schwarze Pisten
Die Skigebiete unterhalb der berühmten Schweizer Berge lassen kaum Wünsche offen. Familienskigebiete gibt es dort genauso wie lange, steile, schwarze Pisten, die höchstes Geschick erfordern. Aber nicht nur Ski- oder Snowboard-Fans finden Abwechslung. Auch für Winter- und Schneeschuhwanderer und die wachsende Gemeinde der Schlittler gibt es traumhafte Strecken.
Besonders direkt oberhalb von Grindelwald tummeln sich die Schlittelfans. Mehr als 250.000 waren es im vergangenen Winter. Alt und jung, Männer und Frauen - das Rodeln auf den Naturbahnen hat wahrhaft eine große Fangemeinde. Und die erwartet die längste Schlittelpiste Europas. Sie führt von der Faulalp am 2.681 Meter hohen Faulhorn hinunter nach Grindelwald. 15 Kilometer lang, 1.631 Meter Höhenunterschied - "Big Pintenfritz" heißt der Weg, der die Rodlerherzen höher schlagen lässt.
Bis zu acht Kilometer mit dem Schlitten
Vor der Abfahrt allerdings steht ein Schweiß treibender Aufstieg: gut zweieinhalb Stunden dauert der Gang auf die Alp, der nur bei schönem Wetter möglich ist. Ausgangspunkte sind die Bussalp auf 1.800 Metern, die ein Bus anfährt, oder die Gondel-Bergstation des First auf 2.168 Metern. Von dort aus geht es nur noch zu Fuß weiter - den Rodel im Schlepptau.
Neben dem "Big Pintenfritz" gibt es weniger rekordverdächtige, aber ebenso schöne Abfahrten: "City Run" heißt die acht Kilometer lange, sanfte Strecke, die auch für Schlitten mit Kleinkindern geeignet ist. Für Tempofanatiker ist der 4,5 Kilometer lange "Speed Run" von der Bussalp nach Weidli bestens geeignet.
Pistengerät ist der Davoser oder der Grindelwalder Schlitten, wahlweise das Velogemel, ein Scooter-ähnliches Holzgestell auf Skiern. Die Verleiher sind auf die Rodelfans eingestellt - mehr als 1.000 Schlitten werden ausgeborgt. Ausgewiesen sind rund 70 Kilometer Abfahrten auf zwei Kufen. Schilder in Lila weisen den Weg. Einige Strecken sind beleuchtet und somit präpariert für nächtliche Rodelpartien.
Alternative: Knotenpunkt Interlaken
Wer sich nicht für ein Skigebiet und damit eines der Dörfer als Urlaubsort entscheiden kann oder will, ist am Knotenpunkt Interlaken gut aufgehoben. Die Stadt zwischen den zwei Seen, dem Thuner See und Brienzer See, taucht seit Beginn des 19. Jahrhundert immer wieder in Erzählungen und Schriftstücken bekannter Reisender auf: Johann Wolfgang von Goethe war da, ebenso Lord Byron und Felix Mendelssohn Bartholdy. Mit dem Bau der Berner Oberland-Bahn nach Lauterbrunnen und Grindelwald 1890 und der Jungfraubahn erfuhr der Ort einen rasanten Aufschwung. Von Interlaken aus führen die Wege an alle wichtige Talstationen.
Von den glorreichen Zeiten zeugt das Grand Hotel "Victoria-Jungfrau". Das mehrfach ausgezeichnete Fünf-Sterne-Haus geht auf eine Pension "Victoria" und ein "Hotel Jungfrau" zurück, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts vis-à-vis des Jungfraumassivs gebaut wurden. 1899 wurden beide Gebäude durch einen kuppelgekrönten Mittelbau verbunden - heute befindet sich darin die Tower Suite, die schon so manchen Staatsgast beherbergt hat.
Interlaken bietet auch für Nicht-Wintersportler ein reichhaltiges Programm: Curling steht ebenso auf dem Veranstaltungskalender wie Winterwandern. Und dann ist da noch der "Mystery Park": Erich von Däniken, Autor und Forscher in Sachen unerklärliche Phänomene, hat diesen ungewöhnlichen Freizeitpark auf dem Gelände eines ehemaligen Militärflughafens errichtet. In sieben Themenpavillons widmen sich Wechselausstellungen verschiedenen Themen von der Rückkehr von Außerirdischen bis hin zu Kornkreisen.



