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Geschichtsträchtig: Syrien: Wo Götter Städte erbauten

zuletzt aktualisiert: 30.11.2005 - 08:11

Damaskus (rpo). 140 Kilometer südostlich von Damaskus, der Hauptstadt Syriens, liegt die Stadt Bosra. Die Einheimischen leben in ganz normalen Häusern - nur das einige aus archäologisch wertvollen Steinen bestehen. So kann es vorkommen, dass beispielsweise in der Küchenwand antike Inschriften zu lesen sind. Was für die Bewohner von Bosra zur Normalität zählt, dafür zahlen Touristen viel Geld.

Wenn Zainab vor die Tür ihres Hauses tritt, steht sie auf den antiken Pflastersteinen des Cardo Maximus. Die mächtigen korinthischen Säulen des Nymphentempels beachtet sie kaum. Ebenso wenig den römischen Triumphbogen. Diesen historischen Boden im Rang eines UNESCO-Welterbes betreten zu können, lassen sich andere viel Geld kosten. "Es ist nicht schlimm, hier zu leben", sagt die 60-jährige Syrerin achselzuckend. Sie trägt traditionelle Kleidung und ein Handy in der Hand. Viele Einheimische haben ihre Häuser auf den Ruinen des antiken Bosra gebaut, 140 Kilometer südöstlich von Damaskus, kurz vor der Grenze zu Jordanien. Mitunter dienten archäologisch wertvolle Steine mit Inschriften als Baumaterial.

Zainab ist unverheiratet und lebt bei ihren Verwandten, deren moralische Pflicht es ist, sie mit zu versorgen. Dafür hilft sie in der Landwirtschaft oder betreut die Kinder. Während Zainab Fotos hervorkramt und bereitwillig ihre Lebensgeschichte erzählt, lädt sie zum Tee. Orientalische Gastfreundschaft. Aber Ahmed mahnt zur Eile. Schließlich will der Reiseführer noch viel von der einstigen Handelsmetropole der Nabatäer und Hauptstadt der römischen Provinz Arabia zeigen. Die Hauptattraktion sei das Amphitheater, das einzig vollständig erhaltene der Welt.

Auf dem Weg zum nächsten antiken Theater im sagenumwobenen Palmyra geht es an "Trullis" vorbei. Früher wohnten in diesen bienenkorbförmigen Häusern Menschen. Heute dienen sie als Vorratskammern. Die Ernte der Sonnenblumenkerne ist in vollem Gange. Bald ist die Baumwolle an der Reihe. Windhosen und Sandsturm in der Ferne und eine willkommene Rast im "Bagdadcafe". Die Beduinen laden zum Fotoshooting. Angeblich sind es von hier noch 750 km bis in die irakische Hauptstadt. Syrien, eingeklemmt zwischen den Krisenherden Irak und Palästina, leidet natürlich unter der angespannten politischen Situation der arabischen Nachbarn. Aber die Sicherheit der Touristen ist garantiert.

Eine von Göttern erbaute Stadt

Wie eine Fatamorgana taucht schließlich Palmyra aus der Wüste auf. Zwischen Mittelmeer und arabischer Halbinsel gelegen, war die Stadt ein wichtiges Handelszentrum an der Seidenstraße. "Sie wurde nicht von Menschen, sondern von Göttern erbaut", sagt Ahmed bewundernd. Das einstige Reich der legendären Königin Zanubia, die dem mächtigen Rom die Stirn bot, ist tatsächlich eines der beeindruckendsten Ruinenfelder der Antike auf syrischem Boden. Beim Rundgang durch die Anlage mit ihren Tempeln und Turmgräbern und der wunderbar erhaltenen Kolonnadestraße wird Ahmed plötzlich ernst: "Die Amerikaner reden über Demokratisierung der arabischen Welt. Dabei hatten wir lange vor ihnen Demokratie." Er zeigt, wo im 1. Jahrhundert der Senat zusammentrat. Unter Königin Zanubia gehörten ihm elf Abgeordnete aus verschiedenen Gesellschaftsschichten an. 

Antike Sehenswürdigkeiten sollen Touristen locken

Erstaunlich, was die Archäologen alles herausfinden. Erst kürzlich entdeckten sie unter Grabungsleiter Prof. Andreas Schmidt-Colinet aus Wien im hellenistischen Teil des antiken Palmyra ein Gebäude, das mit ungewöhnlichen Figuren von Meerestieren dekoriert ist. "Es handelt sich wahrscheinlich um eine Karawanserei", erzählt Manfred Stephani von der TU München, als er unvermittelt am Baal-Tempel auftaucht, im Vorbeigehen.

Das antike Theater von Palmyra erweist sich inzwischen als wunderbare Kulisse für das jährliche "Seidenstraßenfestival", das bereits zum vierten Mal stattfindet. Auf den Karawanenrouten der "Seidenstraße", die über ein Jahrtausend lang Morgen- und Abendland verband, wurden neben der kostbaren Seide auch Ideen, Religionen, Philosophien und Lebensweisen transportiert. Das Festival soll diese Begegnung der Kulturen wiederbeleben. Die Botschaft ist klar: Syrien öffnet sich dem Tourismus und ausländischen Investoren.

Viel Kultur, wenig Infrastruktur

Das Levanteland war immer ein Schmelztiegel der Kulturen. Gern wird Syrien auch als "Wiege der Zivilisation" bezeichnet. Alle waren sie hier - Hethiter, Assyrer, Babylonier, Nabatäer, Perser, Griechen, Römer, Araber - und haben ihre Spuren hinterlassen. Das Mosaik der friedlich miteinander lebenden Volksgruppen und Religionsgemeinschaften scheint einzigartig. Nicht von ungefähr wirbt das Tourismusministerium mit dem Slogan "Jeder Mensch hat eine zweite Heimat, und das ist Syrien".

Mit über 300 archäologischen Stätten, darunter Aleppo im Norden als Musterbeispiel für Festungsarchitektur oder der Krak des Chevaliers aus der Kreuzfahrerzeit, ist das geschichtsträchtige Land zweifellos eines der attraktivsten Ziele für Kulturtouristen. Allein die Infrastruktur hat Nachholbedarf, ist sie doch mit derzeit nur 40.000 Gästebetten auf dem Stand eines Entwicklungslandes. Tourismusminister Saadallah Agha Al-Kalaa verkündet als Ziel, die Kapazität in kurzer Zeit zu verdoppeln. Bleibt zu hoffen, dass mit der Öffnung nicht die Identität verloren geht.

Quelle: ddp

 
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