Orte der Sehnsucht: Traumziel Südsee
VON STEFANIE BISPING - zuletzt aktualisiert: 01.02.2011 - 08:47 Düsseldorf (RP). Diese Ecke der Welt bleibt ein Ort der Sehnsucht – selbst für diejenigen, die meinen, schon alles gesehen zu haben. Der Frachter „Aranui III“ fährt durch die Südsee und bringt Waren und Passagiere von Tahiti auf die
Marquesas-Inseln.
Der Hafen von Papeete leuchtet in hellstem Licht. Das Meer glitzert, die Berge Tahitis liegen wie Schatten hinter der Stadt. Auf dem Kai lärmen Gabelstapler. Container, Maschinenteile und Boote schweben am Kran aufs Schiff. Nach und nach treffen die Passagiere ein. Sie klettern Treppen hinauf und hinab, werfen Blicke hinter jede Tür, sie geraten ins Plaudern. Letztes Jahr habe er mit der "Queen Mary" den Atlantik überquert, berichtet Peter aus Kanada in der Lounge und rührt heftig in seinem Tee. Nun suche er das Kontrastprogramm dazu: einen rustikalen Frachter und ein Ziel weit weg von der Welt.
Das Wort "Südsee" hat sich wie ein magischer Lockruf in die Köpfe der Passagiere geschmeichelt und sie nicht mehr losgelassen: die Unternehmensberater, Börsenmakler und Manager im Ruhestand, die Flitterwöchner aus Frankreich und die leidenschaftlich Reisenden, die die preiswerteste Passage im Schlafsaal gebucht haben, um einen weißen Fleck auf ihrer Weltkarte zu tilgen.
Die Fahrt mit der "Aranui III", einem soliden Frachter, der die entlegenen Marquesas-Inseln ansteuert und mit allem Lebensnotwendigen versorgt, ist für diese Vielgereisten die Erfüllung eines langgehegten Traums. Der Motor stampft, das Schiffshorn brüllt. 1500 Kilometer sind es von Tahiti zu den Marquesas; erst in zwei Wochen wird die "Aranui" wieder im Hafen von Papeete anlegen.
In der Bar hat Akatiki Platz genommen, ein Tätowierer von der Insel Hiva Oa. Nach sechs Monaten in der Bretagne ist er auf dem Weg nach Hause. Um den Hals trägt er eine schwere Muschelkette, das Gesicht ist von filigranen Linien überzogen. Kunstvoll gezeichnete Eidechsen und Schildkröten, stilisierte Tiki-Statuen und marquesische Kreuze zieren auch Arme und Beine. Akatiki macht ein Bier auf. Wer will, kann sich an Bord von ihm tätowieren lassen. Ein Ringbuch mit Motiven hat er dabei. Die uralte marquesische Kunst des Tätowierens ist mit plumpen Rosen und Rückgratverzierungen der Europäer nicht zu vergleichen.
68 Passagiere seien an Bord, erklärt Bernard, der Guide aus dem Elsass. Ein Dutzend Amerikaner habe die Abfahrt verpasst, weil ihr Flug von Los Angeles nach Papeete wegen einer Panne annulliert wurde. "Die können nur versuchen, ein Flugzeug nach Ua Pou zu chartern, der ersten Marquesas-Insel, die wir in drei Tagen erreichen werden", sagt Bernard. Die "Aranui" wartet nicht. Das sei auch bei den Landgängen zu beherzigen. Es sei denn, man wolle drei Wochen auf einer Insel bleiben – bis der Frachter wiederkommt.
211 Passagiere kann die "Aranui III" aufnehmen, dazu rund 2000 Tonnen Fracht. Um beides kümmern sich 63 Besatzungsmitglieder. Vorrang hat aber die Fracht, wie Tino Tsing Young betont, ein tätowierter Schrank von einem Mann aus Nuku Hiva, der seit 22 Jahren dafür sorgt, dass jedes Stück von der Coladose bis zum Helikopter im richtigen Hafen ausgeladen wird.
Gerade diese Atmosphäre reizt die Passagiere. In der Bar sitzen sie zwischen Matrosen in Unterhemden, auf Deck sonnen sich auch die Kellnerinnen. Es gibt keine Hierarchie, keine Kleiderordnung, keine Trinkgelder.
Hin- und Rückweg der "Aranui" führt über die Tuamotu-Inseln, deren Atolle Fakarava und Rangiroa jeweils einen Ferientag vor paradiesischer Kulisse garantieren: am weißen Palmenstrand, beim Kauf schwarzer Perlen, die die Haupteinnahmequelle dieses Teils Französisch-Polynesiens ausmachen, beim Schnorcheln und Tauchen. "Die Marquesas sind als vulkanische Inseln ganz anders", dämpft Bernard die Euphorie. Denn: "Da gibt es keine Korallen, keine Lagunen, keine weißen Strände."
Stattdessen dieses Bild: Steilküsten. Abgeschiedenheit. Wilde Natur. 9000 Menschen leben auf den Inseln. Ihr Kunsthandwerk ist die Holz- und Knochenschnitzerei. Darüber hinaus verdienen sie ihr Geld mit der Herstellung von Kopra, dem getrockneten Fruchtfleisch der Kokosnuss, und mit Noni-Saft. Der Saft der Noni-Frucht gilt als Wunder-Heilmittel bei allerlei Gebrechen.
Die "Aranui" liegt am Pier von Hakahau auf Ua Pou. Der Landgang ist eine wacklige Angelegenheit: Mit einem beherzten Schritt von der Außentreppe an der Bordwand geht's ins Walboot, das sich in den Wogen einen Meter auf- und abbewegt und die Passagiere an Land bringt.
Schwüle Hitze senkt sich schwer auf den Körper. Auf Ua Pou preschen Geländewagen durchs Dorf. Plötzlich tauchen die gestrandeten Amerikaner auf. Sie gehen schwitzend mit den "Stammpassagieren" zu einem Aussichtspunkt, bewundern die Insel und das Schiff. Es folgt der Besuch eines Kirchleins, in dem Elemente des heidnischen Erbes mit christlicher Symbolik vereint sind. Nächste Station ist ein Kunstmarkt, auf dem Holz- und Knochenschnitzer alle drei Wochen, wenn die "Aranui" anlegt, gut verdienen. Und schließlich ein köstliches Essen aus rohem Fisch und gebratenem Ziegenfleisch in Kokosmilch, sowie ein Tanz hübscher Mädchen mit Blumenkränzen im hüftlangen schwarzen Haar, geführt von kräftigen Männern.
Menscchenopfer auf den Marquesas
Im Juli 1595 ankerte der erste Europäer vor den Marquesas. Auf den von der Außenwelt isolierten Inseln wurden barbarische Bräuche gepflegt, beispielsweise das Verspeisen von Artgenossen. Jede neue Tätowierung, jedes Fest, jede gewonnene Schlacht: Alles forderte ein Menschenopfer. Die Franzosen, die die Inseln 1842 einnahmen, machten damit Schluss. Sie unterbanden den Kannibalismus, das Tätowieren, Singen, Tanzen, das Tragen von Blumenkränzen und alle Feste.
Samtig grüne Berge und schroffe Felsnadeln, gepflegte Dörfer, über deren Rathäusern die Trikolore flattert, und die üppige Vegetation halten alle Marquesas zusammen. Trotzdem birgt jede Insel ihre eigenen Wunder. Auf Nuku Hiva, der größten, desertierten 1843 ein gewisser Herman Melville und sein Freund Toby von einem Walfänger-Schiff. Im Tal der Taipi nahm man die Fremden freundlich auf, wollte sie nicht wieder gehen lassen. Schließlich konnten sie entkommen.
Auf Hiva Oa geht Tätowierer Akatiki von Bord. Er hinterlässt Tierzeichnungen auf den Schultern von Frauen und geheimnisvolle Muster auf deutschen Männerwaden. Die Touristen schleppen sich durch die Hitze zum Friedhof von Atuona, wo Jacques Brel und der Maler Paul Gauguin begraben sind. Der Chansonnier Brel starb 1978 in Paris, wollte aber auf der Insel bestattet werden, auf der er glückliche Jahre verbracht und wo er sich mit Krankentransporten mit seinem Flugzeug "Jojo" höchstes Ansehen erworben hatte. Dem großen Maler jedoch wird nachgesagt, Liebhaber junger Mädchen gewesen zu sein.
Die schönste und entlegenste Insel der Marquesas ist Fatu Hiva mit zwei Dörfern und zwei Häfen. Der Ort Omoa zählt 400 Einwohner, Hanavave rund 200. Ein 17 Kilometer langer Wanderweg verbindet die beiden Orte, die verwunschen in den Tälern liegen, eingebettet zwischen schroffen Bergen, auf denen Wolken ruhen. Zweieinhalb Stunden führt der Weg steil bergan: durch Schlamm, über Geröll, vorbei an Aussichtspunkten, an denen die Wanderer erschöpft zum Meer schauen. Es folgt erneut die Steigung, die auch nach der nächsten Biegung nicht zu enden scheint. Doch eröffnet der Pfad auch Einblicke ins Inselinnere mit Felsen wie Gesichter über geheimnisvollen Tälern.
Der Abstieg nach Hanavave, wohin die "Aranui" unterdessen weitergefahren ist, führt über grüne Berghänge, durch kühle Nebelschleier und schließlich durch einen Wald von Kokospalmen. Von weitem schon sind die Ukulelen zu hören, die vom Besuch der "Aranui" künden.
Infos:
Allgemein Die 121 Inseln Französisch-Polynesiens sind auf vier Millionen Quadratkilometer Pazifik verstreut. Auf ihnen leben 246.000 Menschen, drei Viertel davon auf Tahiti. Die Hauptstadt ist Papeete. Als Zahlungsmittel gilt der Französisch Pazifische Franc (CFP), der an den Euro gekoppelt ist.
Anreise Air New Zealand (www.airnewzealand.de) fliegt zum Beispiel ab London (Zubringerflüge mit Lufthansa ab Düsseldorf) über Los Angeles nach Tahiti. Preise ab 1017 Euro.
Einreise Beim Zwischenstopp in Los Angeles müssen auch Passagiere im Transit die Einreise-Prozedur absolvieren und sich mindestens 72 Stunden vor Reiseantritt online über das ESTA-System registrieren. Der maschinell lesbare Reisepass muss noch mindestens sechs Monate gültig sein.
Reisezeit Ganzjährig tropische Temperaturen. Juni bis Oktober ist die trockenere Jahreszeit, von November bis Mai ist es schwüler.
Kreuzfahrt Die 15-tägige Kreuzfahrt kostet mit Vollpension und Landausflügen in einer Standard-Doppelkabine 3397 Euro pro Person. Buchbar ist auch ein achttägiger Teilabschnitt durch die Marquesas. Termine im Internet unter www.aranui.com.
Auskünfte Tahiti Tourisme, c/o Global Communication Experts GmbH, Hanauer Landstraße 117, 60314 Frankfurt. Telefon 069 / 1753 7100, Fax 069 / 1753 7111
www.tahititourisme.de


