Åland: Unbekannte Inselwelt im Norden
zuletzt aktualisiert: 25.05.2008 - 14:06Mariehamn (RPO). Wer entspannen möchte, ist auf den Åland-Inseln genau richtig: Auf dem Ostsee-Archipel zwischen Schweden und Finnland ist Kriminalität praktisch unbekannt, 1975 wurde das einzige Gefängnis der Inselgruppe geschlossen. Und auch sonst ist auf Åland einiges anders als anderswo.
Der Ostsee-Archipel mit seinen 6500 Inseln gehört zwar zu Finnland, aber kaum jemand spricht Finnisch. Schwedisch ist die einzige Amtssprache, sie findet sich auf Straßenschildern oder Speisekarten. Bezahlt wird aber wie in Finnland in Euro. Dieses Verwirrspiel erklärt sich aus der wechselvollen Geschichte der Inseln am Eingang des bottnischen Meerbusens.
Einst gehörten die Inseln zum schwedischen Königreich, später gingen sie mit Finnland an Russland über und blieben seit der Unabhängigkeit Finnlands Teil des neuen Staates. Heute genießen die Åland-Inseln eine einzigartige Autonomie. Sie ist mit dafür verantwortlich, dass es den Inseln wirtschaftlich so gut geht.
Beim Beitritt Finnlands zur EU wurden die Rechte der Insulaner in einem eigenen Protokoll festgeschrieben. Dies sichert ihnen eine eigene Steuergesetzgebung - und den zahlreichen Besuchern einen steuerfreien Einkauf. So werden die Åland-Inseln im Sommer täglich von bis zu 40 Fähren angesteuert. Deren Passagiere interessieren sich meist nicht für die Naturschönheiten des Archipels, sondern für die im Vergleich zum übrigen Skandinavien billigen Zigaretten und Spirituosen.
Den Einkaufstouristen entgeht jedoch einiges - etwa der reizvolle Wechsel von Wasser und Land. Der Archipel hat eine Gesamtfläche von knapp 6800 Quadratkilometern, davon sind nur 1527 Quadratkilometer Land. Den größten Teil davon nimmt die Hauptinsel Fasta ein, auf der auch die Hauptstadt Mariehamn liegt. In ihr leben rund 10.600 der 26.200 Ålander.
In kurzem Abstand wechseln sich idyllische Meeresarme mit bewaldeten Landzungen ab, kleine felsige Eilande und Blumenwiesen. Das relativ milde Klima auf den Inseln lässt im Sommer eine Vielfalt von Orchideen erblühen, die sonst kaum in Skandinavien zu finden sind. Das Klima erlaubt auch den Anbau von Gemüse. Entlang der Straßen finden Urlauber immer wieder Verkaufsstände mit Tomaten oder Gurken, für die der ehrliche Käufer einen Betrag in die Kasse legt.
Kriminalität ist praktisch unbekannt
Ehrlichkeit und Friedfertigkeit sind heute geradezu ein Markenzeichen der Ålander. Kriminalität ist nahezu unbekannt, das einzige Gefängnis des Archipels wurde 1975 geschlossen. Es beherbergt ein Museum zum Thema Strafvollzug. Seit 1921 sind die Åland-Inseln nach einer langen Geschichte wechselnder militärischer Herrschaft zudem ohne Militär.
Bedeutendstes Zeugnis der kriegerischen Vergangenheit sind die Ruinen der Festung Bomarsund. Die russischen Besatzer begannen 1832 mit ihrem Bau auf dem strategisch überaus wichtigen westlichen Vorposten des Zarenreiches im Ostseeraum. Im Krimkrieg (1853-56) wurde die noch nicht fertiggestellte Festung von einer britisch- französischen Übermacht eingenommen und zerstört. Die Ruinen lohnen einen Ausflug. Die schöne Lage und die Aussicht auf die Inselwelt verdrängen jeden Gedanken an die gewaltvolle Geschichte des Ortes.
Mit der Niederlage der Russen im Krimkrieg war das Gezerre um die Åland-Inseln noch nicht vorbei. Zwar mussten die russischen Truppen die Inseln verlassen, während des Ersten Weltkriegs kehrten sie aber noch einmal zurück. Mit Ausbruch der Novemberrevolution zogen sie dann endgültig ab. 1918 waren die Ålands kurze Zeit von deutschen Truppen besetzt, nachdem zuvor die Schweden Kriegsschiffe zum Schutz der schwedischen Bevölkerung geschickt hatten.
Eigene Briefmarken, eigene Nummernschilder, eigene Flagge
Diese Begehrlichkeiten der Nachbarn rund um die Ostsee stärkten offenbar nur den Wunsch der Ålander nach Autonomie, die ihnen 1921 vom Völkerbund zugesichert wurde. Bis heute haben die Åland-Inseln eigene Briefmarken, Nummernschilder und natürlich auch eine eigene Flagge: Das nordische Kreuz in Rot und Gelb auf blauem Grund.
Die bewegte Geschichte der Inseln wird in mehreren Museen gezeigt. Besonders stolz sind die Ålander neben ihrer Unabhängigkeit auf ihre Seefahrtstradition. Im Hafen von Mariehamn liegt als deren Zeugnis die Viermastbark "Pommern".
Der 1903 für eine Hamburger Reederei unter dem Namen "Mneme" gebaute Windjammer ist nach Angaben des heute auf ihm beheimateten Museums der letzte komplett original erhaltene Großsegler aus dieser Zeit. 1923 kaufte der Ålander Reeder Gustav Erikson das Schiff. Während die meisten anderen Reeder auf Dampf- und Motorschiffe setzten, hielt er bis in die 40er Jahre des 20. Jahrhunderts unverdrossen an seiner Flotte fest.
Einen Einblick in das ländliche Leben auf den Åland-Inseln gibt das Freilichtmuseum Jan Karlsgården. Dort zeigen Bauernhäuser, wie die Menschen auf dem Land im 19. Jahrhundert lebten. Nicht weit entfernt steht die teilweise restaurierte Ruine von Schloss Kastelholm. Im Jahr 1556 beherbergte es für einige Monate den ersten schwedischen König Gustav Vasa.


