Urlaub im "Nichts": Zauber der namibischen Wüsten
zuletzt aktualisiert: 28.02.2006 - 08:13Windhoek (RPO). Ein "Nichts" soll angeblich ein magisches Fleckchen Erde sein? Enttäuschung macht sich breit. Im südwestafrikanischen Namibia zeigt uns Israel, unser Reiseleiter, die namibische Hauptstadt Windhoek. Es ist eine Metropole mit doppeltem Gesicht: Seit 1990 ist das Land unabhängig und verkörpert nun eine Mischung aus europäischer Provinz und afrikanischer Folklore.
Unser Ziel ist das faszinierende Reich der Wüsten. Namibia mit der Namib im Westen und der roten Kalahari im Osten besteht zum größten Teil aus Wüste. "Hier vereinen sich Superlative", erfahren wir. Während die Kalahari die größte zusammenhängende Sandfläche der Welt ist, gilt die Namib, ein langer schmaler Streifen entlang der Atlantikküste, als die älteste Wüste der Welt. Mit 300 bis 350 Metern Höhe türmen sich bei Sossusvlei die höchsten Dünen der Erde auf. Dann verkündet Israel: "Namib, wovon sich der Landesname ableitet, bedeutet so viel wie 'nichts'."
Zunächst geht er mit uns durch Windhoek, vorbei an schmucken Backstein- und Fachwerkhäusern - Zeitzeugen der "Kaiserlichen Zeit". Die Epochen haben sich in das gepflegte Stadtbild eingegraben. "Dampfende heiße Quellen waren einst Grund, sich hier anzusiedeln", sagt der Stadtführer und steuert als erstes einen Friedhof an. Die Geschichte des Landes von der Kolonisierung über mehrere Aufstände und das südafrikanische Protektorat bis zur Unabhängigkeit lässt sich an den Gräbern von Freiheitskämpfern der Nama gut erläutern. Unter den knapp zwei Millionen Einwohnern gibt es außer dieser Volksgruppe zwölf weitere, die sich in 16 Sprachen und Dialekten verständigen.
Durch Unabhängigkeit zu Selbstbewusstsein
Israel spricht Englisch, die offizielle Landessprache. Abseits des Zentrums und der Weißen-Wohnviertel zeigt er uns Märkte und die für afrikanisch-stämmige Volksgruppen eingerichteten Vororte "Katutura", übersetzt etwa "wir werden uns hier nie niederlassen". Jetzt wachsen Vororte und Zentrum zusammen. Grenzen verwischen. 60 Prozent der Urlauber kommen aus dem deutschsprachigen Teil der Welt, hören wir. 40 Prozent seien "Wiederholungstäter".
Ist das der Grund, warum uns Israel keinen Blick auf historische Sehenswürdigkeiten wie die "Alte Feste", einstiges Hauptquartier der deutschen Schutztruppe und ältestes Bauwerk der Stadt, gönnt? Er zeigt auch nicht das Reiterdenkmal in der Robert Mugabe Avenue und das wegen des Gekleckses der Beamten "Tintenpalast" genannte Regierungsgebäude aus der Kolonialzeit. Vielleicht ein Zeichen des seit der Unabhängigkeit erstarkenden Selbstbewusstseins der schwarzen Bevölkerungsmehrheit?
Straßenbild und Naturpark
Nur knapp fünf Prozent sind Weiße. Die farbenfrohen Trachten der stolzen Herero-Frauen, die sich nicht fotografieren lassen wollen, dominieren das Straßenbild. Längst wurde die ehemalige Kaiserstraße umbenannt. Die Hauptader Windhoeks mit Bürohäusern, Geschäften und Galerien heißt jetzt Independence Avenue. Beim Einkaufsbummel begeistert vor allem das einheimische Kunsthandwerk - Pelz- und Lederprodukte, Holzschnitzereien, Schmuck und Halbedelsteine. Zum Souvenirkauf landen wir im "Craftcenter". "824 268 qkm unter 1 Dach" steht über dem Eingang.
Dann geht es endlich über Land. Wir atmen die Weite und hören die Stille. Im Gondwana-Kalahari-Park, 30 km östlich von Mariental, treffen wir auf Manni Goldbeck. "Ohne Natur keine Touristen, ohne Touristen kein Naturschutz", sagt der Park-Initiator und erläutert sein ehrgeiziges Projekt. Mit dem Kauf von Farmland wird die Wüste renaturiert. Dazu gehört auch die Wiedereinbürgerung von Tieren, die im Süden von Jägern ausgerottet wurden. Auf einer Safari nähern wir uns den Oryx, Kudus und Bergzebras fast auf Streichelnähe. Wir lernen sogar den Zesel kennen, eine Kreuzung aus Zebra und Esel. Wie Manni erklärt, kann er sich allerdings nicht weitervermehren.
Grandiose Aussicht von Düne 45
Mit der Gondwana-Desert-Collection entstanden vier private Naturparks mit ganz speziellen Attraktionen. Behutsam in die Natur eingefügte Unterkünfte für Urlauber helfen, das Projekt zu finanzieren und schaffen gleichzeitig Arbeits- und Ausbildungsplätze. Schafe und Zäune verschwinden. Die Wüstenflora erholt sich von der Überweidung. Manni, dessen Urgroßvater aus Mecklenburg stammt, deutet auf die Welwitschia. Das fossile Gewächs kommt nur noch in Namibia vor und ist die Nationalpflanze.
Auf der Fahrt zum Sossusvlei erklettern wir Düne 45. "Nein, das ist nicht die Nummer", werden wir aufgeklärt. "Sie heißt so, weil sie 45 Kilometer von Sesriem entfernt liegt." Bei 300 Sonnentagen im Jahr und strahlend blauem Himmel lohnt die Anstrengung fast immer, um den grandiosen Panoramablick zu genießen. Die Wüste mit ihren vielen Gesichtern, das "Nichts", fasziniert. Wechselndes Licht zaubert magische Farbnuancen von dunklem Braun über leuchtendes Rot bis zu hellem Gelb. Neue "Wiederholungstäter" sind geboren.


