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Sicherheit auf hoher See: Kreuzfahrten sollen sicherer werden

zuletzt aktualisiert: 05.06.2012 - 06:45

Düsseldorf (RPO). So unbeschwert wie früher gehen viele Kreuzfahrtpassagiere seit dem Untergang der "Costa Concordia" nicht mehr an Bord. Dafür sind sie bei den Sicherheitsübungen nun umso aufmerksamer. Und auch die Reedereien widmen sich dem Thema Sicherheit noch intensiver.

Früher waren Sicherheitsübungen an Bord bestenfalls ein Anlass, sich gegenseitig mit oranger Schwimmweste um den Hals zu fotografieren. Ganz Respektlose probierten auch die Trillerpfeife aus. So richtig zugehört haben dem Offizier, der den Weg zu den Rettungsbooten erklärte, nur wenige Passagiere. Das ist heute anders. "Die Passagiere sind nun aufmerksam bei der Sache", sagt Pressesprecherin Negar Etminan von Hapag Lloyd Kreuzfahrten in Hamburg. "Selbst Vielreisende, die die Sicherheitsübungen schon mehrfach absolviert haben." Wer heute auf ein Kreuzfahrtschiff steigt, geht seit der Haverie der "Costa Concordia" am 13. Januar offensichtlich nicht mehr völlig unbeschwert an Bord.

Nach dem Unglück vor der italienischen Insel Giglio mit 30 Toten und 2 Vermissten brach rund um das Thema Sicherheit auf Kreuzfahrtschiffen Hektik aus. Es war erst einmal vorbei mit dem unbeschwerten Entern der schwimmenden Hotels, die immer größer geworden waren. Direkt nach dem Crash brachen die Buchungszahlen ein, beim Mutterkonzern von Costa Kreuzfahrten, dem britisch-amerikanischen Konzern Carnival Cruise Lines, im zweistelligen Prozentbereich. Auch wenn sich die Lage - oft dank Rabatte - inzwischen wieder entspannt hat, versprach die Branche eine Verbesserung der Standards.

Dabei wird die Sicherheit auf See auch jetzt schon groß geschrieben: Es gibt ein ausführliches Regelwerk, den International Safty Management Code (ISM). Der Code legt Maßnahmen zur Organisation eines sicheren Schiffsbetriebes fest und schreibt vor, dass jede Person, sei es Manager, Charterer oder Unternehmen, die ein Schiff betreibt, dafür ein "Safety Management System" (SMS) zu verfassen hat. Darin legt die Reederei alle sicherheitsrelevanten Belange und Prozeduren fest, neue Erfahrungen und Erkenntnisse fließen laufend ein. Außerdem werden die Schiffe bei fast jedem Hafenanlauf von den staatlichen Hafenbehörden kontrolliert. Auch der Flaggenstaat und Versicherungen haben die Schiffe im Blick.

Schiffsfahrten sind sicherer als Flugreisen

Und auch die Statistik ist eigentlich beruhigend: Von 2005 bis 2010 sind nach Angaben der Deutschen Reiseverbandes (DRV) in Berlin nur 16 Menschen auf einem Kreuzfahrtschiff ums Leben gekommen. Und das bei fast 100 Millionen beförderten Kreuzfahrtpassagieren. Weit weniger also als bei Flugzeugunglücken oder gar Autounfällen.

Deswegen war wohl der Schock um so größer. Kaum einer konnte sich ein Unglück wie das der "Concordia" an Bord mehr vorstellen. Das letzte große Kreuzfahrtschiff, das so spektakulär sank, war immerhin die "Titanic" - vor 100 Jahren. Aber: Es gibt kein unsinkbares Schiff, wie auch kein absturzsicheres Flugzeug, das ist nun allen Passagieren wieder klar. Die bislang boomende Kreuzfahrtbranche versucht, das Vertrauen der Gäste schnellstmöglich zurückzugewinnen.
Mehr Schwimmwesten und frühe Sicherheitsübungen gehörten zu den ersten Maßnahmen. Galt es doch, allein in Europa über sechs Millionen Kreuzfahrtpassagiere pro Jahr bei der Stange zu halten.

Mehr Sicherheitsmaßnahmen auf Kreuzfahrtschiffen

Ende April teilte der europäische Branchenverband European Cruise Council (ECC) in Brüssel mit, die europäischen Kreuzfahrtunternehmen hätten mehr Sicherheit für ihre Passagiere zugesagt. So sollen Schiffe künftig mehr Rettungswesten als Passagiere haben, die Besatzung soll für Notfallsituationen besser ausgebildet, der Zugang zur Brücke beschränkt und andere Materialien im Schiffsbau verwendet werden. Die letzte Forderung sieht Kapitän Richard von Berlepsch skeptisch. Er ist im Schiffsmanagement von Hapag Lloyd zuständig für die Schiffsicherheit.

Alle Schiffsbauer träumten davon, ein Material einsetzen zu können, das sich bei einer Grundberührung oder Kollision unendlich verformt, aber niemals ein Loch bekommt, sagt von Berlepsch. "Bisher hat man aber wenig Geeignetes gefunden." Aber es gebe Doppelhüllen und wasserdichte Trennschotten. Und auch heute schon die Regel, dass mehr Rettungswesten als Passagiere an Bord sein müssen. Und ob noch mehr Rettungswesten auch bessere Sicherheit bedeuten, sei fragwürdig.
Auch Brückenvorschriften für den Kapitän hält von Berlepsch für unnötig. "Ein Kapitän, der ein Gesetz benötigt, um die Brücke von Passagieren zu befreien, gehört nicht in diese Position."

Die frühe Sicherheitsübung aber finden alle Reedereien sinnvoll.
Auf den neun Schiffen von Aida Crusises in Rostock muss nun die Sicherheitsübung noch vor dem Auslaufen gemacht werden. Diese Regelung gilt auch für die beiden Schiffe von Tui Cruises, "Mein Schiff" und "Mein Schiff 2". Gesetzlich vorgeschrieben ist das innerhalb der ersten 24 Stunden auf See. "Wir haben zudem alle sicherheitsrelevanten Prozesse gecheckt", sagt Pressesprecher Hansjörg Kunze von Aida. "Es war zwar alles in Ordnung - trotzdem arbeiten wir daran, Lehren aus dieser bitteren Pille zu ziehen." So soll bei Aida perspektivisch vor allem das Team auf der Brücke unterstützt werden - mit Hilfe eines hochmodernen Kontrollsystems.

Schiffsbesatzung soll besser trainiert werden

Der zentrale Punkt beim Thema Sicherheit aber ist die Mannschaft - und wie sie die geltenden Regeln lebt. Kapitän Francesco Schettino von der "Costa Concordia" hat ja auch gewusst, dass man mit einem Schiff mit acht Metern Tiefgang und 4200 Passagieren nicht an der Küste vorbeischrammen darf. "Es fehlt nicht an den entsprechenden Vorschriften", bestätigt von Berlepsch. "Die mögliche Schwäche liegt eher darin, wie intensiv eine Sicherheitsphilosophie gelebt wird." Übersetzt heißt das: Die schönsten Vorschriften nützen nichts, wenn sich nicht daran gehalten wird. Und auch die Passagiere müssten bereit sein, mitzumachen. "Bei keiner Übung ernsthaft mitmachen und im Ernstfall meckern, man wäre nicht gut informiert - das geht nicht."

Dass der Faktor Mensch das größte Problem an Bord ist, haben die deutschen Seemannsschulen schon lange erkannt. Immerhin sind rund 80 Prozent der Unfälle von Passagierschiffen auf menschliches Versagen zurückzuführen. Und so wird dort seit über zehn Jahren "Bridgeteambuilding" unterrichtet. Ziel der Ausbildung: Das Brückenteam muss so funktionieren, dass ein Einziger ein Schiff nicht in die Katastrophe führen kann.

Die Bedeutung von Mannschaftsqualifizierung hat auch Costa Crociere nun erkannt: Bei der Taufe der "Fascinosa" präsentierte Vorstandschef Pier Luigi Foschi ein ganzes Bündel von Maßnahmen rund um dieses Thema. Zentraler Punkt: Bei der italienischen Reederei wählt nicht mehr der Kapitän allein die Route, sondern die Offiziere dürfen künftig mitreden. Und es wurde sicherheitshalber ein Echtzeit-Routen-Überwachungssystem installiert, das bei Abweichungen von der geplanten Strecke in der Costa-Zentrale Alarm schlägt.
Wahrscheinlich reist man auf einem Costa-Schiff derzeit so sicher wie noch nie.

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