Kurz mal weg (6): Action in den Ardennen
VON CHRISTIAN SCHREIBER - zuletzt aktualisiert: 29.06.2010 - 15:51Düsseldorf (RP). Für Urlaub in die Ferne schweifen? Auch Nahziele bieten Abwechslung vom Alltag und Erholung. Unsere Serie gibt Tipps, wohin sich ein Kurztrip lohnt. Heute: die Ardennen. Die Seilschwinge „Fantasticable“ im Norden der Region ist der Höhepunkt des einzigartigen Natur-Funparks.
Dieser Blick. Einzigartig. Die Wälder reichen bis zum Horizont, und die Baumspitzen strecken sich in den hellblauen Himmel. Auf der anderen Seite ist ein riesiges Schachbrett zu erkennen, Mais- und Weizenfelder wechseln sich ab, durchzogen von kleinen Sträßchen, die sich durch die kleinen französischen Ardennen-Dörfer schlängeln. Und unten im Tal recken die Bäume ihre Arme gen Fluss, als wollten sie sagen, bis hierher und nicht weiter. Die Maas scheint der Aufforderung zu folgen und macht einen weiten Bogen.
1200 Meter am Seil
Dieser Absprung. „Das ist doch wunderbar, wie Fliegen“, ruft einer der Guides. Der Magen presst das Mittagessen zusammen, lange kann es nicht mehr dauern, dann explodiert er. Mit mehr als 100 km/h sausen wir an einem 1,2 Kilometer langen Seil Richtung Tal. Bäuchlings, den Blick nach unten. Die Fahrt ist rasant, 25 Sekunden Herzrasen, pochende Schläfen, glühende Wangen. Dann hat sich der Körper daran gewöhnt. Dann ist es wunderbar. Die Seilschwinge „Fantasticable“ im Norden der Ardennen ist wahrlich der Höhepunkt des einzigartigen Natur-Funparks. Klettern, Wandern, Kanu fahren, Orientierungslauf, Mountainbiken, Hochseilgärten - die Region bietet Outdoorvergnügen bis in den letzten Winkel.
Die Ardennen sind das andere Frankreich. Dort wird kein Wein angebaut, in die bauchigen Gläser fließt meist Bier. Etwa ein Dutzend kleine Brauereien haben in jüngster Zeit die Produktion wieder aufgenommen, manchmal ist es nur eine kleine Brasserie, die ein paar Stahltanks im Gastraum platziert hat und zwei, dreimal im Jahr die Bügelflaschen füllt.
Große Städte sucht der Tourist vergeblich. Die Hauptstadt der Region zählt gerade mal 55.000 Einwohner. Und das auch nur, weil sich die Orte Charleville und Mézières vereinigt haben. Oft kommen die Kleinstädte aber groß raus, so wie Sedan (20.000 Einwohner), dessen Fußballer immer wieder die Topteams aus Marseille oder Paris ärgern. Kein einziger Sternekoch stellt in den französischen Ardennen seine Töpfe auf den Herd, keine Herberge schmückt sich mit mehr als drei Sternen. Der Landstrich ist volkstümlich.
Neuer Nervenkitzel in Signy-l’Abbaye beim Tänzeln über schmale Baumstämme, den Blick immer in den Abgrund gerichtet. Zehn Meter Luft, dann erst kommt der Waldboden. Touristen können einen ganzen Tag auf dünnen Seilen, wackligen Stämmen und luftigen Netzen zwischen den Baumwipfeln verbringen.
Wälder, wohin man blickt
Die Ardennen sind noch ein Geheimtipp für Fahrradfahrer. 400 Kilometer Mountainbike-Wege haben die Franzosen durch eine ihrer grünsten Regionen gespurt. Auf jedem dritten Quadratmeter der französischen Ardennen wurzeln Eiche, Buche und Co.. Im Norden beträgt die Waldquote gar 70 Prozent. Das Mittelgebirge erreicht immerhin Höhen von knapp 500 Metern, und die schwarzen Routen für Mountainbiker sind technisch so anspruchsvoll wie manche Fahrt auf einem Alpen-Trail.
In Sachen Komfort haben die Franzosen sogar die Nase vorn: In sieben Stationen stehen für die sportlichen Radfahrer Dusche und Werkstatt bereit. Es gibt jeweils eine Küche und einen Aufenthaltsraum mit Fernseher und DVD-Player. Noch viel schöner sind die „natürlichen“ Pausenstationen entlang der Strecke wie das „Malgré-Tout“, ein Steinhäuschen mitten im Wald. Auf den Tisch kommt, was in der Küche gerade im Topf brodelt. Wildschweinköpfe blicken von der Wand auf die Teller, und der letzte Gutenacht-Gruß der Gäste gilt den Weihnachtsmännern und Engeln, die auch im Frühjahr den langen Holzbohlengang bewachen, der zu den fünf Zimmern führt. Wer spät abends kommt und nicht reserviert hat, ergattert vielleicht noch das Zimmer der Wirtstochter, die in der Schweiz Musik studiert.
Übernachten im Baumhaus
Luxus darf der Gast im Wald nicht erwarten. Die Herbergen sind entweder einfach, oder sie haben einen hohen Abenteuerfaktor, wie das Nachtquartier im Hochseilgarten in Signy-l’Abbaye, 16 Meter über dem Waldboden. Schon der Weg über Seile und Strickleitern zu den Baumhäusern ist wirklich nur für Schwindelfreie geeignet. Aber es lohnt sich, man lernt nach kurzer Zeit, seine Sinne zu schärfen: Es riecht intensiv nach Harz und Moos. Eichhörnchen huschen über die schmalen Äste, die Blätter wippen im Takt des Windes.
„Wir haben manchmal Paare hier oben, die ihren Hochzeitstag feiern. Die mögen diese absolute Ruhe und Einsamkeit“, erklärt Guide Benjamin Laurent. Die Menschen sind weit weg, Luftlinie mindestens 16 Meter. Erst am Morgen nach dem Frühstück, das sich die Baumhausbewohner verdienen müssen, indem sie den Korb mit Marmelade und Butter heraufholen, sind wieder Stimmen zu hören. Nächste Folge: Hoher Meißen
Infos:
Anreise mit dem Auto ab Düsseldorf circa 300 Kilometer über Aachen und Verviers nach Charleville-Mézières.
Sehenswürdigkeiten In Charleville zahlreiche Gebäude aus dem 17. Jahrhundert, historischer Herzogplatz mit Brasserien und Straßencafés. Sedan: größte Festungsanlage Europas.
Essen Restaurants mit Wildspezialitäten und Ardenner Schinken
Übernachten Gasthaus „Malgré-Tout“: www.aubergeferme-malgretout.com ; ab 45 Euro p. P/Nacht im DZ/Frühstück; in Sedan „Hotel Au Château Fort“ über www.hrs.de, DZ/F ca. 100 Euro.
Sportliches Seilschwinge „Fantasticable“ unter www.aventure-parc.fr; weitere Klettergärten: www.lecheneperche.com; für Mountainbike- oder Kanutouren www.caravel08.com
Auskünfte Im Internet lässt sich unter www.ardennes.com ein detaillierter deutschsprachiger Katalog öffnen.
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