Die Erfinder des Kartenspiels: Altenburg – die Stadt des Skats
VON DAGMAR KRAPPE - zuletzt aktualisiert: 01.10.2011 - 09:39Düsseldorf (RP). Jeder Skatspieler bekommt glänzende Augen, wenn er diese Begriffe hört: 18, 20, Kontra, Re, Grand, Null ouvert. Für jeden Nichtspieler sind es "böhmische Dörfer". Doch das Skatspiel wurde nicht in Böhmen, sondern im thüringischen Altenburg erfunden.
"Hier saßen zwischen 1810 und 1820 geistreiche Bürger zusammen und entwickelten ein neues Kartenspiel", erläutert Gästeführerin Margot Perez. Das Spiel entstand aus dem bayerischen Schafkopf, dem italienischen Tarock, dem spanischen L'Hombre und dem in Süddeutschland beheimateten Solo.
Wer auf dem Spielkarten-Erlebnispfad durch Altenburg schlendert, der taucht ein in eine 1000-jährige Altstadt. Und er erlebt 500 Jahre Spielkartengeschichte im 1923 gegründeten Spielkartenmuseum im Residenzschloss.
Die älteste in Altenburg hergestellte Spielkarte soll aus dem Jahre 1509 stammen. Die industrielle Kartenproduktion begann in der heute 35 000 Einwohner zählenden Kleinstadt in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Damals entstand die "Herzogliche Sächsische Altenburgische Concessionierte Spielkartenfabrik der Gebrüder Bechstein". Ab 1931 firmierte sie als "Vereinige Altenburger und Stralsunder Spielkartenfabriken".
Kontakt: Schloss- und Spielkartenmuseum, Schloss 2, 04600 Altenburg, Tel. 03447 512712, www.residenzschloss-altenburg.de, www.stadt-altenburg.de
Öffnungszeiten: Di - So, 9.30 - 17 Uhr
Eintritt: 3,50 Euro pro Person (ohne Führung) Altenburger Tourismusinformation, Markt 17, Altenburg, Tel. 03447 512800, www.altenburg-tourismus.de
Angebote: Spielkarten-Erlebnispfad, ein dreistündiger Rundgang auf den Spuren des Skatspiels mit Stadtplan; einstündige öffentliche Stadtführungen kosten 3,50 Euro pro Person.
6000 Kartenspiele verschwanden
Zwar überstand Altenburg den Zweiten Weltkrieg unbeschadet, doch 1946 wurde die Fabrik von russischen Soldaten demontiert und als Reparationsleistung in die damalige UdSSR geliefert. Auch die 6000 Kartenspiele und weitere Dokumente des Museums verschwanden in Transportkisten und blieben für immer verschollen. Aus damals nicht entdeckten Resten, durch Zukäufe auf Auktionen und Schenkungen konnte das Museum in den Folgejahren langsam wieder aufgebaut werden. Heute gibt es einen Bestand von 8000 Exponaten.
Neben Skat befinden sich auch andere Kartenspiele wie Rommé, Bridge, Quartett, Schwarzer Peter oder Zauberkarten aus vielen Ländern der Welt in den Museumsvitrinen. Ein Spielkartenschränkchen mit Kartenpresse aus dem 19. Jahrhundert, Spieltische und eine ehemalige Kartenmacherwerkstadt sind ebenso zu bestaunen wie Kitsch und Kurioses: Pass- und Schnapsgläser, Aschenbecher oder ein Kaffeeservice, versehen mit Kreuz-, Pik-, Herz- und Karo-Enblemen.
Vom Residenzschloss folgt man den aufs Pflaster gesprühten Spielkartenzeichen und kommt so zum Skatbrunnen, aus dem seit 1903 das Wasser sprudelt. "Wer hier seine Spielkarten tauft, dem wird allzeit ,Gut Blatt' beschert", versichert Margot Perez. Auf dem Denkmalsockel raufen sich vier Wenzel (Buben) als die höchsten Trumpfkarten um die Rangfolge im Skat. Bisweilen lugt das Wahrzeichen Altenburgs, die "Roten Spitzen", durchs Häusermeer.
Stadtwohnung von Kanzler Leopold von der Gabelentz
Es sind die erhalten gebliebenen romanischen Türme der Marienkirche des ehemaligen Bergerklosters. Über den Weibermarkt gelangt man zum Hauptmarkt mit dem Renaissance-Rathaus aus dem 16. Jahrhundert und der erst 1905 geweihten Brüderkirche im neogotischen Backsteinstil. Wichtiger für jeden Skatspieler ist das Gebäude mit der Nr. 26. Dort befand sich Anfang des 19. Jahrhunderts die Stadtwohnung von Kanzler Leopold von der Gabelentz, in der das Skatspiel angeblich erfunden wurde.
Bereits 1946 konnte die Spielkartenfertigung in Altenburg wieder aufgenommen werden. Nach mehreren Inhaberwechseln ist die heutige Fabrik Marktführer in Deutschland. Es darf also weiterhin "gereizt" werden – nicht nur in Altenburg.



