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Serie - Korrespondenten zeigen ihre Stadt (Teil 4): Brüssel entdecken

zuletzt aktualisiert: 30.11.2007 - 16:48

Brüssel (RP). Selten verlieben sich Besucher auf den ersten Blick in die belgische Hauptstadt – so spröde wirkt sie an manchen Ecken. Unsere Korrespondentin Anja Ingenrieth stellt die besonders liebenswerten Seiten vor.

Lieben lernen die Brüsseler ihr gläsernes Babylon wohl nie: Das EU-Viertel bleibt für sie ein seelen- und gesichtsloser Fremdkörper – tags Bürokraten-Getto, nachts Geisterstadt. Brüssel ist keine Schönheit auf den ersten Blick. Schon gar nicht, wenn man sich der Hauptstadt Belgiens über das EU-Viertel nähert.

Wer aber genauer hinschaut, entdeckt hinter der spröden Fassade ein faszinierendes Innenleben mit vielen Facetten: sehenswert ohne Selbstdarstellungs-Drang, weltoffen ohne Kosmopoliten-Gehabe, sinnlich ohne Genuss-Sucht, sympathisch ohne Großstadt-Arroganz. Kurzum: eine liebenswerte Metropole, die herrlich skurril sein kann. Denn welch andere Weltstadt würde ein „Manneken Pis“ zum Wahrzeichen machen und ihm am „Tag gegen Prostata-Leiden“ aus Solidarität das Wasser abstellen?

Unbedingt ansehen Ausgerechnet der ehemalige Galgenberg am Justizpalast ist die Top-Terrasse Brüssels – mit dem schönsten Panorama-Blick (Place Poelaert): Bei gutem Wetter sieht man die Kugeln des Atomiums in der Sonne blitzen. Zu Füßen liegt einem die „Seele“ der Unterstadt, das alte Arbeiter- und Armenviertel „Marollen“. Ein Aufzug fährt hinab in dieses fidele, aber verlotterte Brüssel um die Lebensadern Rue Haute und Rue Blaes mit ihren Antiquitätenhändlern. Lust aufs Stöbern macht der tägliche Flohmarkt (7 bis 14 Uhr) an der Place du Jeu de Balle. Wer eine Rarität findet, belohnt sich am besten mit belgischem Milchkaffee („Lait russe“) in einem Bistro der Rue de Renard. Die für Brüsseler Maßstäbe mondäne Einkaufsstraße „Avenue Louise“ in der Oberstadt ist das krasse Gegenstück. Weniger chic, aber gemütlicher lässt es sich in Saint-Gilles zwischen verschnörkelten Fassaden, verwunschenen Plätzen mit Straßencafés und Märkten sowie hübschen Läden (an der Kirche Saint Gilles sowie um die Rue du Bailli und die Place du Châtelain) bummeln. Ein Muss: das Glasdach im ehemaligen Domizil von Art-Nouveau-Architekt Victor Horta (Museum, Rue Américaine 25) und die Jugendstil-Prachtvillen an den Teichen von Ixelles, sowie die königlichen Gewächshäuser in Laeken.

Stadttouren Originelle Themen-Touren wie zu Tim und Struppi, Jacques Brel oder Chocolatiers werden per Fahrrad (www.provelo.org), zu Fuß (www.itineraires.be) oder im Bus (www.arau.org, www.busbavard.be) angeboten. Wer lieber allein loszieht, kann beim Fremdenverkehrsbüro im Rathaus (Grand Place) Broschüren mit Themen- oder Stadtteil-Rundgängen auf Deutsch kaufen (drei bzw. vier Euro). Dort gibt es auch Audio-Touren (sieben Euro). Wer sich die MP3-Datei im Internet herunterlädt, zahlt nur fünf Euro. Ein persönlicher Führer für die Wunsch-Route kostet 100 Euro für drei Stunden – Infos unter +32 (0)2 548 04 48.

Essen Nepp-Adressen gibt’s en masse – vor allem im „Bauch von Brüssel“, der Rue des Bouchers. Empfehlenswert sind die Fischrestaurants um die Kirche Sainte Catherine (Vismet, La Marie-Joseph, La Belle Maraîchere, Bij den Boer). Typisch belgisch geht’s in der Brasserie „Pré Salé“ (Rue de Flandre 20) zu: Die Wände sind gekachelt, ein Schmuckfenster mit Szenen à la Brueghel ziert die offene Küche. Zu den Spezialitäten gehören Krabbenkroketten, Muscheln oder die „Carbonnade“, ein zartes Rinds-Gulasch. Urgemütlich ist der „L‘Arrosoir“ (Rue Haute 60), ein ehemaliges Gewächs-Haus mit Glasdach und Blech-Gießkannen. Brüssel ohne Fritten geht nicht: Köstliche gibt es am „Maison Antoine“ (Place Jourdan).

Trinken Bier-Fans haben mit rund 400 Sorten eine Riesenauswahl: Das säuerliche Gueuze (ohne Hefezugabe) trinkt man am besten im „Plötzlichen Tod“ („A la Mort subite“, Rue Montagne aux Herbes Potageres 7). Jugendstil-Fans sollten sich in der Brasserie „Cirio“ oder im „Falstaff“ ein „Half-en-half – halb Sekt, halb Weißwein – gönnen. Das edle Belle-Epoque-Café „Métropole“ eignet sich für einen gepflegten Aperitif (De Brouckere 31). Auch im Winter kann man im „Vaudeville“ unter dem Glasdach der St.-Hubertus-Einkaufspassage „draußen“ Kaffee trinken: Dort wird auch das älteste Bier der Stadt ausgeschenkt, das Rezept stammt von 1226. Hotels Ab ins Amigo – das war früher die Brüsseler Umschreibung für „Er muss ins Gefängnis“.

Unterkunft Heute ist der ehemalige Knast am Grand Place eine der Luxus-Adressen der Stadt. Hier wohnt auch Bundeskanzlerin Angela Merkel während der EU-Gipfel. Neben den Ketten gibt es viele Unterkünfte mit persönlichem Touch: Wie etwa das winzige „Welcome“-Hotel, dessen Themen-Zimmer mit Original-Stücken aus Kuba, dem Kongo oder Ägypten eingerichtet sind. Im „Noga“ verbreitet Schiffs-Deko Seefahrer-Atmosphäre. Neu und trendy ist das von „Mia Zia“-Designern gestylte „Pacific“ (Rue Antoine Dansaert).

Szene Was hier im Schaufenster hängt, ist voll im Trend: Die Crème de la Crème belgischer Designer und Künstler hat sich um die Modemeile Rue Antoine Dansaert niedergelassen. Neben Vintage und Avantgarde zieht es vermehrt Läden für Möbeldesign und extravagante Geschenke in das In-Viertel. Die Bars, Kneipen und Restaurants um die Markthalle St. Géry gehören zu den beliebtesten Ausgeh-Ecken. Kultstatus genießt die Art-déco-Bar „Archiduc“ – mit schrill gemusterten Polstern. Wunderbar ist der Balkon, von dem man einen Premium-Blick auf das Piano hat. Am Wochenende gibt’s ab 17 Uhr Live-Jazz.

Kultur Comics und Kongo – beides ist ein absolutes Muss. Das Zentral-Afrika Museum in Tervuren (ab Metro Montgomery mit der Tram 44) verrät auch viel über Belgien und seine Geschichte. Im Comic-Museum (Zandstraat 20) empfängt Tims nachgebaute rot-weiße Mondrakete die Besucher in der luftigen Art-Nouveau-Eingangshalle mit viel Glas und Schmiedeeisen. Absolutes Highlight: Schmökern in der weltweit größten Comic-Bibliothek mit über 30 000 Ausgaben.

Nächste Folge: Madrid


 
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