Kurz mal weg (3): Brüssel - Hauptstadt des Jugendstils
VON ELLEN SCHLÜTTER - zuletzt aktualisiert: 10.06.2010 - 07:28Düsseldorf (RP). Für Urlaub in die Ferne schweifen? Auch Nahziele bieten Abwechslung vom Alltag und versprechen Erholung. Unsere Serie gibt Tipps, wohin es sich für einen Kurztrip zu fahren lohnt. Heute: Brüssel
Zwischen dem hohen gläsernen Bürogebäude und dem schlichten Backstein-Wohnhaus aus den 60er Jahren geht es fast ein bisschen unter, das Haus Solvay an der Avenue Louise in Brüssel. Dabei ist es eines der schmuckvollsten Gebäude im Jugendstil, die in der belgischen Hauptstadt zu bewundern sind - und davon gibt es reichlich. Mehr als 500 Bauten aus der Stilepoche rund um die Wende zum 20. Jahrhundert sind erhalten. Sie machen Brüssel neben Wien und Barcelona zu einer der europäischen Hauptstädte des Jugendstils.
Lichte Innenräume, florales Design sowie geschwungene Formen zeichneten den Brüsseler Jugendstil zwischen 1890 und 1910 aus. Glas und Eisen wurden genutzt, um etwas völlig Neues, Modernes zu kreieren, um ausgefallenes Design und Verzierungen und mehr Licht zu schaffen. Schmiedeeisen, Dekor, Mosaike, Glas und Holz bestimmten die neue Ästhetik.
Den Grundstein für den Brüsseler Boom des in Belgien als „Art Nouveau“ bezeichneten Baustils legte Architekt Victor Horta mit dem Haus Tassel 1893. Ein Jahr später entstand das nah gelegene Solvay-Haus, das Horta bis ins kleinste Detail plante. Seine Häuser entwarf er als Gesamtkunstwerke. Kaum einen rechten Winkel entdeckt man an der Fassade, florale Verzierungen verdecken die Übergänge der Balken. Typisch ist auch die bis zum Balkonansatz leicht nach vorn gewölbte Außenmauer des Hauses.
Vor allem am ehemaligen Stadtrand ließen sich damals wohlhabende Bürger ihre Häuser im neuen, modernen Jugendstil bauen. So sind etwa Viertel wie Ixelles oder Saint-Gilles im Süden oder Schaerbeek im Norden der Stadt für ihre Jugendstilbauten bekannt. Wer jedoch eine kunstvolle Fassade neben der anderen erwartet, liegt falsch. Typisch für Brüssel sind die stilähnlichen Bauten verstreut, wollte doch keiner ein Haus, das so aussieht, wie das des Nachbarn.
Entlang der Rue Américaine in Saint-Gilles finden sich gleich mehrere interessante Fassaden, darunter das wohl gefragteste Ziel für Jugendstil-Interessierte: Wohnhaus und Atelier des genialen Architekten Horta. Dadurch, dass sich die Fassaden beider Teile unterscheiden, wirkt das zusammenhängende Haus von außen, als seien es zwei Bauten - so, wie es für das Straßenbild gewünscht war. Wer eintritt, gelangt in das glasüberdachte, helle Treppenhaus mit weißem Marmor und damit in das zentrale Element des Gebäudes.
Für Horta hatten Treppenhäuser nicht allein den Zweck, von oben nach unten zu gelangen, sondern dienten dazu, sich zu zeigen, Leuten zu begegnen. Die geschwungenen Linien des Geländers finden sich in der Gestaltung der Wände, der Säulen und Lampen sowie des Daches wieder. Jedes Detail passt sich in das Gesamtkonzept ein, alles in den Räumen auf den vielen Etagen und Zwischenebenen ist in Form und Farbe stilvoll aufeinander abgestimmt. Nicht nur Design war die Sache Hortas - auch Funktionalität: So findet sich im Schlafzimmer etwa ein Pissoir: Es erspart den Weg ins Bad, ist aber elegant im Schrank verborgen.
Neben Horta ist Paul Hankar einer der bedeutendsten Jugendstil-Architekten Brüssels. Er legte Wert auf enorme Fenster und moderne Elemente, kombinierte an den Hausfassaden verschiedene Sorten Stein. Auch Sgraffiti, Einritzungen in mehrschichtigen, farbigen Putz, sind oft an seinen Bauten zu bewundern. In einem seiner Entwürfe, dem ehemaligen Hemdengeschäft „Chemiserie Niguet“, präsentiert heute Florist Daniel Ost seine Blumen-Kreationen. Das verspielt gestaltete Schaufenster ist im Zentrum in der Rue Royale 13 zu sehen.
Denn auch im Herzen der Stadt begegnet man Jugendstil, etwa dem heutigen Musikinstrumentemusem, das im ehemaligen Kaufhaus „Old England“ mit filigran gestalteter Glas-Stahl-Fassade untergebracht ist. Nach all den Besichtigungen lässt sich sogar Pause ganz im Jugendstil machen: Eines unter den Hotels, Restaurants und Cafés, die sich ganz oder in Elementen in „Art Nouveau“ zeigen, ist das Restaurant „Le Perroquet“ an der Rue Watteeu 31 (Tel. 0032/2512 9922).
Info
Anreise Bequem lässt sich mit dem Thalys nach Brüssel reisen, der sechsmal täglich von Köln über Aachen in die belgische Hauptstadt fährt. Die Fahrt dauert ab Köln keine zwei Stunden, Tickets gibt’s ab 19 Euro im Internet unter www.thalys.com.
Karte „Brüssel, den Jugendstil erleben“ ist ein Plan mit fünf Jugendstil-Rundgängen durch die belgische Metropole. Darauf sind mehr als 100 Gebäude des Jugendstils dargestellt und kurz erläutert. Dazu gibt es Infos zur Stilrichtung, zu den Architekten und über Führungen. Die Karte gibt es für drei Euro im Rathaus (Grand Place), aber auch zum Download im Internet unter www.bruxellesartnouveau.be.
Horta-Museum Das Haus des Architekten ist dienstags bis sonntags von 14 bis 17.30 Uhr geöffnet. Angemeldete Gruppen können sich vormittags durch das Haus führen lassen. Rue Américaine 25, Saint-Gilles, Tel. 0032/2543 0490, www.hortamuseum.be
Auskunft Weitere Informationen gibt es bei Belgien Tourismus, telefonisch unter 0221/277590 oder im Internet: www.belgien-tourismus.de, www.brusselsinternational.be
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