Serie: Stadtrundgänge: Genuss in Graz
VON CARLHEINZ TÜLLMANN - zuletzt aktualisiert: 13.10.2009 - 15:27Düsseldorf (RP). Das Land liefert die Zutaten, die Stadt tischt auf. Deren Gäste schwelgen in den Spezialitäten aus der Steiermark. Sie erleben einen Gaumenschmaus von Kürbiskernöl bis zum Tafelspitz.
Der „In-Treff“ beweist seine Beliebtheit: Proppevoll die von Kerzen romantisch beleuchteten, weiß eingedeckten Tische im Freien, allesamt besetzt die Plätze im äußeren Rund, an denen frisch gezapftes Pils und internationale Cocktails gereicht werden. Das jugendliche Personal tischt fröhlich auf: lauwarmen Ziegenkäse mit Feigenchutney aus dem „Tasting Dinner“ mit „vier Geschmäckern“, Filetsteak vom Almochsen sowie einen wunderbar zart und saftigen Tafelspitz. Beim Mohnstrudel mit Zwetschgen und Eierlikör streift der Blick hinüber in die Nachbarschaft, zu dem in ein farbenfrohes Neon-Lichtspiel eingetauchte Szene-Restaurant „aiola city“ und - gegenüber - zu „Schubert“, einer Mischung aus Kino, Café und Lounge.
Wir sind im Feinschmeckerlokal „Eckstein“ am Mehlplatz, mittendrin im kulinarischen Herzen von Graz, profan auch „Bermudadreieck“ genannt, weil mancher in dieser gastronomischen Vielfalt zwischen Tellergericht und Theke verloren geht. Vorübergehend.
„Genuss Hauptstadt“, diesen Titel hat das österreichische Lebensmittelministerium der steirischen Landeshauptstadt vor einem Jahr verliehen. Die Begründung: Keine andere Kommune präsentiere in einer unverwechselbaren Kulturlandschaft so vielfältig regionale landwirtschaftliche Produkte wie Graz. Und das Schönste: Man kann sich durch diese Auszeichnung hindurchfuttern. Das Grazer Tourismusbüro leitet mit Führungen (in Broschüren oder mit persönlicher Begleitung) durch das lukullische Angebot.
Der Schnupperkurs beginnt auf einem der in der Stadt verteilten Bauernmärkte. Nicht Händler, sondern die Bäuerinnen und Bauern aus der Umgebung selbst bieten Obst und Gemüse an. Im Spätherbst erobert Kürbis von den Feldern der Steiermark die Stände - in zahlreichen Varianten, von der Konfitüre bis zum Kürbiskern-öl. Kurz den herzhaften Vulcano-Schinken aus der Thermenregion probieren, dann heißt es eintauchen in die Welt der Schmankerl. Deren Stationen sind am Eingang der Restaurants jeweils mit der Tafel „Genuss-Region Österreich“ gekennzeichnet.
In der Schmiedgasse 9 trägt der „Landhauskeller“ dieses Gütesiegel. Doris und Günther Huber führen die seit 1596 bestehende Schenke als ein kulinarisches Kleinod mit dem von Arkaden gesäumten „schönsten Gastgarten der Grazer Altstadt“. Oben lässt Küchenchef Lorenz Kumpusch Ragout vom Rehbock servieren, im Keller hütet Sommelière Anna Schachner 20000 Flaschen Wein bester Österreich-Herkünfte.
Weiter geht‘s (nach einer Stippvisite beim Delikatessen-Spezialisten Nussbauer in der Paradeisgasse 1, dessen Pasteten, Trüffeln und 140 Käsesorten die Sinne jubeln lassen) zum Gasthaus „Stainzerbauer“ in der Bürgergasse 4. Im bildschönen Innenhof und in romantischen Stuben schmecken täglich wechselnde Gerichte aus der „ursprünglichen regionalen Küche“ für 9,50 Euro. Mittwochs gibt‘s geschmorte Kalbsbackerl, donnerstags Jungschweinsbraten im Kümmel-Safterl.
Bleibt noch ein Abstecher auf den beliebten, belebten Franziskanerplatz. Dort residiert der einzige „Italiener“ im Grazer Genuss-Verbund. Er heißt Fritz Walter, ist wohlbeleibt, sitzt am liebsten draußen vor seinem Stammhaus „Don Camillo“ und beobachtet das Treiben in seinen benachbarten Filialen. Das Publikum rückt bei Pasta, Pesto und Pizza gern zusammen.
Und was isst der Grazer im Vorübergehen? Er bummelt zum Hauptplatz vor dem Rathaus, zum Marktstand Nummer 3. Dort lässt er sich von Familie Gutmann eine Krainer-Wurst mit Kren und Semmel für 2,30 Euro reichen. - So volkstümlich kann „Genusshauptstadt“ sein.
INFOS
Die Stadt
Die steirische Metropole Graz hat stattliche internationale Anerkennung erfahren: 1999 Aufnahme in das Unesco-Weltkulturerbe mit dem besterhaltenen Stadtkern Mitteleuropas, 2003 Ernennung zu Europas Kulturhauptstadt. Mit rund 260 000 Einwohnern ( 40 000 Studenten) ist Graz die zweitgrößte Stadt Österreichs. Die Mur trennt die Altstadt mit Dom, Gassen und der Prunkstraße „Herrengasse“ von den neueren Stadtteilen mit dem spektakulären Kunsthaus.
Das Programm
Kulinarische Stadtführungen werden ab Anfang Mai bis Ende Oktober (in diesem Jahr 31. 10.) jeden Samstag angeboten. Im Sommer zusätzlich auch sonntags. Treffpunkt ist jeweils um 11 Uhr vor der Grazer Oper. Dauer 3,5 bis vier Stunden, Preis: 39 Euro pro Person einschließlich Menü, Besuch des Bauernmarktes und Verkostung regionaler Spezialitäten. Anmeldungen bei Graz Tourismus erforderlich. Kulinarisches Glanzlicht 2010: Gourmet-Festival vom 29. Mai bis 5. Juni. Programm: www.gourmetreisefestival.at
Hotels
Graz verfügt über Hotels aller Kategorien. Platzhirsch ist die Weitzer-Gruppe mit dem Jugendstil-Luxushotel „Grand Hotel Wiesler“, DZ/F ab 129 Euro, (www.wiesler.at), dem Hotel „Das Weitzer“, DZ/F ab 123 Euro (www.weitzer.at) und dem am Hauptbahnhof gelegenen Designhotel „Daniel“, DZ/F ab 77 Euro (über www.weitzer.at ). Schmuckstück in der Altstadt ist „Hotel Erzherzog Johann“, DZ/F ab 170 Euro (www.erzherzog-johann.com)
Anreise
Auto: Von Düsseldorf aus durchgehend Autobahn bis zum ca. 950 Kilometer entfernten Graz über Nürnberg, Passau, Linz. Maut für zehn Tage in Österreich 7,70 Euro, zusätzlich 2 x Tunnelmaut von insgesamt 12 Euro. Flugzeug: Austrian/Lufthansa fliegt von Düsseldorf aus (ab 99 Euro), TUIfly startet von Köln-Bonn. Schnäppchenpreise ab 34 Euro.
Auskünfte Graz Tourismus Information, Herrengasse 16, 8010 Graz, Tel. 0043 316 80 750, info@graztourismus.at, www.graztourismus.at
„Da geh’ ich hin“
Sigrid Alber, Gästeführerin in Graz, kennt sich in der kulinarischen Szene der Stadt aus. Hier ihre privaten Tipps:
Frühstück Bei Guido Gros im „i-KU“, der szenischen Bar im Kunsthaus, geht‘s locker zu. Reichhaltiges Genussfrühstück (toller Vulcano-Schinken) von 9 bis 15 Uhr, ab 4,90 Euro. Lendkai 1
Jazzbrunch Gepflegte Atmosphäre, internationale Spitzenbands im Jugendstil-Flair des „Grand Hotel Wiesler“. Preis: 34 Euro, Reservierung Tel. (0043) 0316 70 660
Lunch Köstliche steirische Tapas in der Brasserie „Der Steirer“ (am Hotel Weitzer, je zwei Euro). Top: Backhendl (8,90 Euro), Belgiergasse 1
Kaffee Melange und Großer Brauner, Apfelstrudel und Himbeertorte: Unter Kristalllüstern lebt im Hotel „Erzherzog Johann“ Wiener Kaffeehaus-Tradition in gemütlichem Rahmen fort. Sackstraße 3-5, Tel. (0043) 0316 81 1616
Abends Nicht in der historischen Altstadt, sondern etwas versteckt auf der Kunsthaus- Seite der Mur liegt das „Gasthaus zur Alten Press“. Regionale Spezialitäten zu moderaten Preisen. Griesgasse 8, Tel. (0043) 0316 719770


