Kulturhauptstadt 2010: Große Eröffnungsparty im Schnee
zuletzt aktualisiert: 07.01.2010 - 10:54Essen (RPO). Wetterfest zeigt sich Bundespräsident Horst Köhler. Zum Start des Kulturfestivals "Ruhr 2010" am Samstag ist massig Schnee angesagt. Trotzdem soll die Feier draußen stattfinden. Höhepunkt: Herbert Grönemeyer singt eine Ruhrgebiets-Hymne und Engel schweben über der Kokerei Zollverein.
Nur im äußersten Notfall, zum Beispiel bei einem Unwetter, soll die Zeremonie verschoben werden. "Wenn die Künstler ohne Dach auftreten, möchte auch der erste Bürger des Staates nicht unter einem Dach sitzen", wies Köhler das Angebot eines Wetterschutzes energisch ab. Rund 100.000 Zuschauer werden bei eisigen Temperaturen zu einem zweitägigen Kulturfestival erwartet. "Ziehen Sie sich warm an", riet der Vorsitzende der Geschäftsführung Ruhr.2010, der ehemalige WDR-Intendant Fritz Pleitgen, bereits im Vorfeld.
Tanz soll es geben, Theater, Musik und Kunst auf dem Gelände des Weltkulturerbes Zeche Zollverein in Essen. Die Feier auf der ehemals größten Zeche der Welt beginnt am Samstag mit einem Festakt für geladene Gäste. Erwartet wird viel Prominenz, darunter Bundespräsident Horst Köhler, der EU-Kommissionspräsident Jose Manuel Barroso und NRW-Ministerpräsident Jürgen Rüttgers (CDU).
Grönemeyer singt Ruhrgebiets-Hymne
Geplant sind eine Schlagzeug-Performance und eine Tanz-Aufführung der Essener Folkwang Hochschule. Die Bochumer Symphoniker spielen und Herbert Grönemeyer wird die neue Hymne auf das Ruhrgebiet "Komm zur Ruhr!" ertönen lassen. Am Abend und am Sonntag dann gibt's Party für alle, samt Uraufführung eines neuen ARD-"Tatort", Filmen, Theater und Musik von Klassik bis Rock.
Für den "Segen von oben" für die "Ruhr.2010" sorgt bereits am Freitag ein ökumenischer Gottesdienst um 18 Uhr im Essener Dom. Damit der Segen nach außen dringt, haben sich die Kirchen etwas Eindrückliches einfallen lassen. Im Anschluss an den Gottesdienst sollen die Glocken aller Gotteshäuser im Ruhrgebiet gleichzeitig erschallen.
Nach dem Wochenende geht es richtig los. Gleich 53 deutsche Städte sind 2010 eine Europäische Kulturhauptstadt. Denn in Deutschland hat nicht die Stadt Essen alleine den Zuschlag bekommen, sondern noch 52 weitere Städte der Ruhrregion. Bergkamen und Breckerfeld gehören dazu, Hattingen und Hamm, Marl und Moers, Schwerte und Sprockhövel. Sie feiern sich bei rund 2500 Veranstaltungen.
Dass viele Besucher Gelegenheit haben, alle beteiligten Städte von Bottrop bis Unna zu besuchen, darf bezweifelt werden. Immerhin wird aber jede von ihnen für eine Woche besonders im Scheinwerferlicht stehen: "Local Heroes" heißt das Motto, "52 Wochen - 52 Städte". Neben Essen mit dem Weltkulturerbe Zeche Zollverein sind auch weitere Großstädte wie Bochum, Dortmund, Duisburg und Oberhausen dabei.
Ausstellungen, Lesungen und Theater, Kunst und Kabarett und auch etliche Stadtfeste sind nach Angaben der Organisatoren geplant. Den Auftakt macht gleich nach dem offiziellen Startschuss zum Kulturhauptstadtjahr am 9. Januar Dinslaken als "Local Hero No. 1". Rockmusik aus Dinslaken und eine Theaterrevue in einer fahrenden Straßenbahn stehen dabei zum Beispiel auf dem Programm. Den Schlusspunkt setzt Hünxe am 31. Dezember 2010. Essen als 53. Stadt der Metropole Ruhr soll das ganze Jahr lang ein "Local Hero" sein.
Mit rund 5,3 Millionen Menschen ist die Region der drittgrößte Ballungsraum Europas - gleich hinter London und Paris. Bei der Reisemesse ITB im März 2009 in Berlin trat der "Pott" entsprechend selbstbewusst auf - zum Beispiel mit dem Slogan: "Was haben London und Paris gemeinsam? Weniger Museen als die Metropole Ruhr." Einige davon sollen 2010 von sich reden machen: das neue Folkwang-Museum in Essen zum Beispiel, nach einem Entwurf des britischen Architekten David Chipperfield, eröffnet im Januar 2010.
Mehr als Hochöfen und Schornsteine
Anders als das alte Klischee es will, stehen zwischen Emscher, Ruhr und Rhein-Herne-Kanal nicht nur Hochöfen und Schornsteine zwischen Bergwerken und Kohlegruben. Dass das buchstäblich verstaubte Image mit der Wirklichkeit von heute wenig zu tun hat, will die Region im Jahr 2010 unter Beweis stellen. Dabei wird nicht verdrängt, dass das Ruhrgebiet ohne Bergleute und Stahlkocher nicht das geworden wäre, was es ist. Auf die industriellen Wurzeln soll das Projekt "Schachtzeichen" aufmerksam machen: In der Woche nach Pfingsten steigen über alten Schachtanlagen mehr als 300 große gelbe Ballons in den Himmel, die zeigen, wo überall unter Tage gearbeitet wurde.
Nicht zuletzt wird im Kulturhauptstadtjahr gefeiert. Schließlich ist Feiern der Ausgleich für harte Arbeit - und mit beidem kennt man sich im Ruhrgebiet aus. Die "ExtraSchicht", die es am 19. Juni zum zehnten Mal gibt, wird diesmal zum "Sommerfest der Kulturhauptstadt": Von 18 bis 2 Uhr verwandeln sich Halden und frühere Stahlwerke in Bühnen für Musik, Tanz, Straßentheater oder Lichtinstallationen.
Das ganze Ruhrgebiet soll am 5. Juni zur Bühne werden. Dann ist zu hören, wie die Region klingt: Beim "Day of Song" lassen Tausende von Sängern in Dutzenden von Städten ihre Stimmen hören - in Konzert- und Opernhäusern genau wie in Kaufhäusern, Kirchen und Kindergärten, auf Straßen, Plätzen und in Parks.
Feiern auf der Autobahn
Ein ganz anderes Projekt ist "Still-Leben" - dabei soll ausdrücklich weniger zu hören sein als sonst. Am 18. Juli wird der Ruhrschnellweg, die Autobahn A40/B1, gesperrt. Zwischen Duisburg-Innenhafen und Dortmund-Hörde geht dann von 11 bis 17 Uhr auf knapp 60 Kilometern für Autofahrer gar nichts mehr - was ganz neue Möglichkeiten schaffen soll, die sonst immer volle Hauptschlagader des Ruhrgebiets von einer neuen Seite zu erleben.
Auf der Strecke werden sich 20.000 Tapeziertische zu einer langen Tafel aneinanderreihen, an der alle, die Lust haben, Platz nehmen können, um mitzufeiern. Das Programm setzt auf Alltagskultur von der Rockband bis zum Kirchenchor, Skat-Stammtisch und Hip-Hop. Auch wenn kein Autolärm zu hören ist: Ganz still wird es auch dann nicht.
Die Eröffnung der Kulturhauptstadt in Essen stößt übrigens auch bei den Mitgliedern der Twitter-Gemeinde auf Interesse. In der Hitliste der meist besprochenen Themen bei diesem Kurznachrichtendienst hat es "Ruhr.2010" auf Platz neun geschafft. Direkt hinter das Thema "Wetter". Angeführt wird die Liste allerdings von einem Technikthema. Am meisten wird bei Twitter über das i-Phone geschrieben, auf Platz rangiert der Schnee.
Internet: www.ruhr2010.de



