Literarisch reisen: Hotels für Leseratten
VON CHRISTIAN SCHREIBER - zuletzt aktualisiert: 07.09.2010 - 07:25Düsseldorf (RP). Wer reist, möchte unterwegs gerne lesen. Wer nicht genügend Literatur mitnehmen kann, verlässt sich auf das Angebot in der Unterkunft. Neue Hotels bieten Lektüre.
Zeit für ein gutes Buch haben viele Menschen nur im Urlaub. Im Flugzeug oder im Zug bleiben immer ein paar Stunden, um zu lesen. Der Lieblingsschmöker wandert mit in die Strandtasche. Auch nach dem Sightseeing durch eine Stadt hat der ein oder andere noch Muße für ein gutes Werk. Für echte Leseratten rückt das Buch in den Ferien sogar in den Mittelpunkt: Es gibt Buchhotels, in denen Schlafen und Essen zur Nebensache wird, und Hotels, die Autoren einladen. Da kann der Gast gleich auf Tuchfühlung gehen mit dem Schreiber.
Immer öfter entwickeln sich ganze Städte und Dörfer zu Literaturzentren für Urlaubsgäste: Was mit dem Bücherdorf Hay-on-Wye in Wales begann, findet seine Fortsetzung zum Beispiel in Norwegen oder Wien, das sich zum literarischen Zentrum aufschwingt.
Bücher statt Sterne
Eine gut sortierte Bibliothek, Lesesessel- und -lampen, Hörbücher, MP3-Player, Zeitungen und Zeitschriften. Nein, das ist nicht die Ausstattung der Stadtbücherei um die Ecke, sondern das Anforderungsprofil für die sogenannten Bibliotels. Mehr als 150 Hotels gehören mittlerweile zu der in Österreich gegründeten Marke, die dem Urlauber literarisches Vergnügen verspricht. Die Häuser sind in unterschiedliche Kategorien eingeteilt: Statt Sterne gibt es zwischen zwei und fünf Bücher. In der höchsten Kategorie landen nur Hoteliers, die mindestens 1500 Werke bereithalten.
Die meisten Mitglieder sitzen in Österreich, der Rest in Italien, Deutschland, Frankreich und Griechenland. Bald sollen weitere in der Schweiz folgen. Fünf Bücher hat zum Beispiel das Insel-Hotel in Lindau bekommen, das auch einen Literaturschmaus anbietet und seine Gäste im Goethe- oder im Daniel-Defoe-Zimmer einquartiert. Auf vier Bücher bringt es das Mas La Colline in der Region Rhône-Alpes (Frankreich). Es glänzt mit Lesenischen und einer stattlichen Comic-Auswahl.
Mit von der Partie ist auch das Hotel Haus Duden, in dem der Begründer der deutschen Rechtschreibung geboren wurde. Die Bibliotels sind allerdings nicht die einzigen, die um lesebegeisterte Gäste werben: Im Gutshotel Groß Breesen in Mecklenburg-Vorpommern stapeln sich angeblich 300.000 Exemplare bis unter die Decke. Auch auf diese Weise kann man sich Stammgäste schaffen. In Iserlohn hat eine findige Geschäftsfrau ihre Buchhandlung gleich ins Literaturhotel Franzosenhohl umgewandelt. Die Kunden hätten immer wieder den Wunsch geäußert, einmal eine Nacht in der Buchhandlung zum Durchschmökern verbringen zu dürfen. Im Hotel mit seinen knapp 3000 Büchern haben sie jetzt ausgiebig Gelegenheit.
Autoren als Hotelgäste
Die Ideen der Hoteliers werden immer ausgefallener: So lockt das Berliner Bleibtreu nicht mit den Werken, sondern gleich mit den Autoren selbst: Der Künstlertreff nimmt Schriftsteller aus aller Welt für jeweils mehrere Wochen als Gastautoren auf, die einen Blog mit ihren Erfahrungen füllen und ein Gedicht, ein Essay oder eine Erzählung im Hotel hinterlassen unter dem Stichwort „Literarische Bettgeschichten“.
Ganz neu auf dem Markt sind die Reading Hotels & Ressorts. Die Mitgliedsbetriebe wollen Autorenlesungen und Buchpräsentationen abhalten und Lese-Reisen anbieten. Die Mutter des literarischen Urlaubs stammt übrigens aus Wales. Hay-on-Wye heißt das Dorf mit 1500 Einwohnern an der Grenze zu England, in dem drei Dutzend Antiquariate Bibliophile aus aller Welt anlocken. Der Buchhändler Richard Booth eröffnete 1961 seinen Laden und rief die Idee vom Bücherdorf aus. 16 Jahre später setzte er eine, für damalige Verhältnisse bemerkenswerte Marketing-Aktion oben drauf, indem er das Örtchen zum Königreich ausrief und ihm endgültig zum Durchbruch verhalf.
300 Einwohner, 25.000 Bücher
Das norwegische Dorf Fjaerland hat mit 300 sogar noch weniger Einwohner als das Vorbild, brüstet sich allerdings mit 25.0000 Second-Handbüchern, die in zwölf kleinen Läden angeboten werden. Von Dezember bis April bleiben die Läden allerdings geschlossen.
Wem Buchhotels zu künstlich scheinen, der sollte nach Österreich blicken. Dort finden sich zwei literarische Höhepunkte, die es auf eigene Faust zu entdecken gilt. Die wenigsten wissen es: Die Stadt Wien ist ein Muss für Bibliophile mit ihren 38 Bibliotheken. Dazu gibt es Literaturhäuser, Leseräume, ein Bücherschiff, philosophische Leserunden in Cafés und Kneipen und Literaturführungen.
Infos: www.bibliotels.com, www.gutshotel.de, www.bleibtreu.com, www.hye-on-wye.co.uk.



