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Stadt des Klimagipfels: Kopenhagen - schrill und schräg

VON BERND SCHILLER - zuletzt aktualisiert: 17.12.2009 - 09:57

Düsseldorf (RP). Zurzeit macht Kopenhagen als Stadt des Klimagipfels Schlagzeilen. Die dänische Hauptstadt hat auch für normale Besucher viel zu bieten. In viele alte und einst graue Viertel ist buntes Leben eingezogen - schön schräg, manchmal schrill, immer wieder überraschend.

Der Frühling ist ausgebrochen in der dänischen Metropole. Und mit ihm der nordisch-helle Wahnsinn. Zum Beispiel in der Altstadt, ein paar Schritte nur vom Rathaus und vom Tivoli entfernt. Während sich dort und beim Wachwechsel vor Schloss Amalienborg oder in der Hafenmeile Nyhavn Touristen aus aller Welt und die Dänen aus der Provinz drängeln, stimmen sich die Kopenhagener in den Cafés in den Gassen hinterm Rathaus aufs Wochenende ein, im „Puk“, in „Sørens Værtshus“, im Bistro „Petit Delice“.

Auf der Strøget, das ist die älteste Fußgängerzone der Welt und noch immer eine beliebte Shoppingmeile, ist viel vom alten Flair verschwunden. Internationale Mode-Ketten haben die alteingesessenen Läden verdrängt. Das Herz des gemütlichen Kopenhagens schlägt in der Nachbarschaft, etwa im Lateinerviertel um die Universität.

Am Amagertorv, dem quirligsten Platz zwischen Bahnhof und alter Oper, wartet eine Fahrradrikscha. Für fünf Euro schaukelt sie den Gast eine Stunde lang durch verwinkelte Gassen: durch die Krystalstræde und die Købmagergade, zu „Perch‘s Thehandel“, dessen Laden sich seit 1835 wohl kaum verändert hat. Ein Blick in die angesagten Boutiquen an der Studiestræde, über den Gråbrødretorv, wo sich ein Dutzend Lokale um Kopenhagens dickste Kastanie gruppieren, bis hin zur Jazzpinte „Palæ Bar“ in der Ny Adelgade. Nett und gemütlich, aber es geht noch bunter, alternativer.

In-Viertel Vesterbro

Der breite Hans-Christian-Andersen-Boulevard trennt das Lateinerviertel von Vesterbro, einem Stadtteil, der bis vor kurzem ein Schmuddel-Image hatte. Noch immer säumen Sexläden den Weg vom Hauptbahnhof zum Halmtorvet, dem zentralen Platz des „neuen“ Vesterbro. Gegenüber aber, in den riesigen „Øksnehallen“ trifft sich nun die kreative Szene der Hauptstadt: Galeristen, Künstler, Fotografen, Modeleute und ihr Anhang. Anders als in den meisten umgewidmeten Trendquartieren in Europa läuft im Kopenhagener Schlachthofrevier das alte Leben weiter: Models und Maler sitzen vor dem Café „Mandela“ oder vor der Brasserie „Karriere“. Auf dem Bürgersteig bringen Metzger die Rinderhälften in den Lieferwagen.

So wie Vesterbro haben sich ehemals graue Vorstädte in bunte Trendviertel verwandelt, Nørrebro noch mehr als alle anderen. Im einst typischen Arbeiterquartier reizen ruhige Parks wie der Assistens-Friedhof mit dem Grab von Hans Christian Andersen auf der einen Seite, die Restaurant-Promenade am Sortedam- und Peblinge-See auf der anderen. Dazwischen, im Zentrum, der pariserisch anmutende St.-Hans-Platz mit seinen Cafés „Sebastopol“, „Pussy Galore‘s Flying Circus“ und der ruhigeren „Kaffeplantagen“.

Multikulti, Charme und Chic

Und in den Seitenstraßen Multikulti, Charme und Chic. Da kaufen bärtige Männer aus dem Hindukusch und ihre tief verschleierten Frauen das gewohnte Hammelfleisch bei etwa 1001 Halal-Schlachtern. Kopenhagener stöbern in den Antik- und Trödelläden an der Ravnsborggade, trinken sich gern mal durch das gute Dutzend Biersorten im Nørrebro-Brauhaus oder probieren dort das Stubenküken, mariniert in Rauchbier.

Kopenhagen, wie es sich nahezu pausenlos neu erfindet: im noblen Viertel Østerbro, wo aus einem verstaubten Kino Dänemarks coolstes Designer-Kaufhaus, das „Normann“, gewachsen ist; im Café der ehrwürdigen Porzellanmanufaktur „Royal Copenhagen“, wo neuerdings Smushi angeboten wird, eine zeitgeistige Mischung aus Smørrebrød und Sushi; im nördlichen Hafenbereich, zehn Fußminuten von der Langelinje entfernt, wo der Künstler Bjørn Nørgaard eine so genannte genmanipulierte Version der Kleinen Meerjungfrau auf einen Felsen gesetzt hat. Und die Hauptstädter haben nicht mal aufgejault.

Es geht weiter, vorbei am neuen Schauspielhaus und an der nicht mehr ganz so neuen Oper, die seit vier Jahren wohl das meistfotografierte Gebäude an der Wasserkante ist. Kopenhagen hat ein neues Wahrzeichen am Wasser, spendiert von Arnold Mærsk Møller, einem ebenso reichen wie kauzigen Reeder und Schiffbauer. Sonntagabend und noch immer verwöhnt die Sonne Europas heiterste Hauptstadt.

Christianshavn ist das beschaulichste Quartier der neuen Szene, nur eine Metrostation von Kongens Nytorv im Zentrum entfernt. Ein Kanal durchschneidet und verbindet es zugleich: im Westen das in Jahrhunderten gewachsene Viertel und auf der anderen Seite neue attraktive Wohnblocks, mit Blick auf die Türme der City. Auch dieses alte Arbeiterviertel am Inneren Hafen atmet nach Sanierung und anhaltendem Zuzug junger Leute einen eigenen Charme. Auf dem schwimmenden Café „Bådudlejning“ (Bootsverleih) am Westufer des Christianshavn Kanals gibt eine kleine Jazzband den Takt zu einer lässigen Happy Hour vor. Die Besucher wissen: In Christianshavn spielt jetzt die Musik, hier und drüben im alten Lateinerviertel, bei den Kunstgenießern im „neuen“ Vesterbro und in den engen Gassen an der Strædet und in Nørrebro.

Quelle: RP

 
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