Zehn Jahre "Autostadt": Wolfsburg - mehr als nur Motoren
VON KNUT DIERS - zuletzt aktualisiert: 01.03.2010 - 16:26Wolfsburg (RP). Die niedersächsische Stadt hat Volkswagen als Steuerzahler: Deshalb bietet Wolfsburg erstaunlich viele touristische Attraktionen für eine Kommune dieser Größe. Im Zentrum des Interesses steht die Autostadt, die pünktlich zum zehnten Geburtstag neue Besucherrekorde aufstellt.
„Lust an Familie“ - das hat die Stadt Wolfsburg nun schriftlich, da ist sie in Niedersachsen Spitze. Sie liegt bei ihren Angeboten für Jugend und Familie, bei der Kinderbetreuung, bei Kultur und Sport weiter vorn als alle anderen. Immerhin ist sie auch die Stadt des deutschen Fußballmeisters 2009.
Neben dem Sport ist es die Kultur, die punktet. Das Kunstmuseum, 1994 am Südende der Porschestraße eröffnet, gilt als das Museum für Gegenwartskunst in Deutschland schlechthin. Fast jeder große Name aus der Szene hat dort ausgestellt oder möchte es gern. Zwar sind die schrillen Werke manchen Wolfsburgern etwas grell, aber der Museumssprecher verkündet selbstbewusst und ein wenig selbstironisch: „Wir liegen auf halbem Weg zwischen Paris und St. Petersburg.“ Zurzeit zeigt das Kunstmuseum „James Turrell - The Wolfsburg Project“. Ende des Jahres wird eine Retrospektive für Alberto Giacometti folgen.
Was das Forschen und Entdecken angeht, ist Wolfsburg Weltspitze. Dort steht das „phaeno“, ein Experimentiermuseum, in dem sich die unglaublichsten Phänomene nachspielen lassen. Von rauchenden Feuersäulen bis zu von Hirnströmen gesteuerten Papierkugeln reichen die Experimente. Die Besucher sind begeistert. Ab 5. März ergänzt die Sonderschau „Robo & Co.“ die Dauerausstellung.
Gleich gegenüber liegt die „Autostadt“ von Volkswagen. Sie wurde zur Weltausstellung Expo 2000 in Hannover eröffnet und feiert in diesem Jahr zehnjähriges Bestehen. „Nach dem Europapark Rust haben wir die meisten Besucher in deutschen Freizeitparks“, stellt Sprecher Christian Cauers fest. 2009 stellte man mit 2,2 Millionen einen neuen Rekord auf, seit 2000 kamen knapp 20 Millionen Menschen.
Das kann nicht allein an den historischen Autos und den neun Pavillons liegen, in denen die Marken von VW präsentiert werden. Volkswagen befasst sich mit der Zukunft der Menschheit. Die neue Dauerausstellung „level green“ führt an 15 Stationen dem Besucher auf Bildschirmen ansprechend vor Augen, wohin die Reise des Planeten beim Klima, bei der Energie, der Bevölkerung oder beim Verkehr geht. Schülergruppen tummeln sich. Alles ist auch in Englisch erklärt.
Bekannt sind auch die „movimentos“-Wochen der „Autostadt“. Da tanzt vom 29. April bis 13. Juni die internationale Ballett-Elite über den glatten Boden des alten VW-Kraftwerks, in dem einige Veranstaltungen laufen. Hunderte weitere, jedes Quartal unter einem anderen Motto, ziehen die Gäste an. Da erzählt Richard von Weizsäcker von seinen Erlebnissen, da liest Iris Berben, da wird das philosophische Quartett des ZDF aufgezeichnet.
Wolfsburg hat viel zu bieten, dabei hat die 123.000-Einwohner-Metropole am Mittellandkanal gerade das Großmutteralter erreicht. Im Vergleich zu anderen ist sie eine der jüngsten Städte Deutschlands: 1938 auf Befehl Adolf Hitlers als Produktionsstätte für den von Ferdinand Porsche konstruierten Volkswagen gegründet, hieß sie schlicht „Stadt des KdF-Wagens bei Fallersleben“. 1945 erlaubten die Amerikaner, dass sich Wolfsburg nach eben jener 1302 erstmals erwähnten Burg nannte. Ein weiteres Stück älterer Geschichte heißt Fallersleben. Dieser heutige Bezirk Wolfsburgs ist schon mehr als 1060 Jahre alt und bietet das Fachwerkflair, das die VW-Metropole weitgehend vermissen lässt.
Fallersleben ist durch seinen berühmten Sohn August Heinrich Hoffmann von Fallersleben bekannt, der 1798 dort geboren wurde. Er schrieb 1841 den Text zur deutschen Nationalhymne, allerdings auf Helgoland. Wer sich über sein Leben in dem in einem Renaissanceschlösschen untergebrachten Museum informiert, erfährt, dass der Dichter nicht nur ein Schöngeist war. Er kämpfte gegen Fürstenwillkür, Kleinstaaterei und Pressezensur mit Hilfe seiner „unpolitischen Lieder“. Humor hatte er auch - er schrieb unzählige Kinderlieder. Schon damals ein Beleg für die Familienfreundlichkeit.
Nützliche Adressen
Autostadt, Stadtbrücke, tgl. 9-18Uhr, Erw. 15 , Kinder 6 , Tel. 0800/288678238, www.autostadt.de.
phaeno, am Hauptbahnhof, Di-Fr 9-17, Sa/So 10-18 Uhr, Erw. 12 , Kinder (5-17) 7,50 Euro, Tel. 0180/1060600, www.phaeno.de
Kunstmuseum, Hollerplatz 1, Mi-So 11-18, Di 11-20 Uhr, Erw. 8 , Kinder 4 , Tel. 05361/26690, www.kunstmuseum-wolfsburg.de.



