Reisen ans Ende der Welt: Atlas der abgelegenen Inseln
VON PHILIPP HOLSTEIN - zuletzt aktualisiert: 02.12.2009 - 08:28Düsseldorf (RP). Sie liegen im blauen Nirgendwo, tausende Kilometer vom Festland entfernt. Sie heißen "Robinson-Crusoe-Inseln" oder "Einsamkeit", Ortsnamen wie "Brüste" sprechen von den Sehnsüchten ihrer wenigen Bewohner. Der "Atlas der abgelegenen Inseln" stellt 50 Eilande vor, die kaum jemand gesehen hat.
Pagan heißt ein Ort, der in diesem Buch vorkommt. Er liegt dort, wo die pazifische Platte unter die philippinische drängt und der Marianengraben sich öffnet. Von der tiefsten Stelle des Meeres wächst eine Bergkette elf Kilometer bis knapp über die Wasseroberfläche, das höchste Gebirge der Welt, und sein Vulkangipfel, das ist Pagan.
Bis 1981 lebten dort 60 Menschen in Pfahlhütten, aber die Bewohner wurden evakuiert, denn der Berg spuckte Lava. Inzwischen schauen nur noch die Dächer der Hütten aus der Asche, da wohnt niemand mehr. Die Natur hat sich für die Einsamkeit entschieden.
Solcherart sind die Geschichten, die Judith Schalansky in ihrem „Atlas der abgelegenen Inseln“ erzählt. Die 29-jährige Graphik-Designerin zeichnet darin die seltsamsten Plätze der Erde, alle gibt es wirklich, eingefasst von seitenhoch Blau. „Inseln, an denen ich nie war und niemals sein werde“ lautet der Untertitel des Bandes, und jede der Ansichten versieht die Autorin mit einem Text, der informiert, aber Raum lässt für Phantastereien.
Denn das kann man mit diesem Buch gut: Robinson sein, der als Erster einen Strand betritt, Jim Knopf, der auf Gleisen durch Nirgendwo fährt, und Gulliver, der Wesen begegnet, die es nur auf Inseln gibt, von denen man nicht gedacht hätte, dass sie existieren. „Armchair travelling“ nennen sie das in England, im Sessel um die Welt reisen, während man den Finger über die im Maßstab 1:250000 gezogenen Linien führt.
Was mag es auf Pukapuka oder Semisopochnoi für Schönheiten geben? Welche Abenteuer erwarten einen an der Küste von Revillagigedo oder Banaba? Wie ist das, wenn man auf Tikopia wandert, einer Insel, die so klein ist, dass der Ozean selbst von ihrer Mitte aus noch zu hören ist? Fünfzig Inseln, fünfzig Romane.
Schalansky wuchs in der DDR auf, Atlanten waren der Ersatz für den Stempel im Pass. Vor allem faszinierten sie topographische Karten, die die Erdoberfläche mit ihren Erhebungen und Vertiefungen, Furchen und Falten beschreiben, „eine Kunst zwischen ungehörig vereinfachender Abstraktion und ästhetischer Weltanschauung“.
In diesem Buch kann man sich verlieren, und während man zwischen den Seiten aus der Zeit fällt, ahnt man: Die Sehnsucht wird immer größer sein als die Befriedigung durch das Erreichen des Ersehnten. Schalansky fordert, die „Kartografie sollte zu den poetischen Gattungen und der Atlas selbst zur schönen Literatur gezählt werden“. Nur zum Seufzen taucht man auf: Wie recht sie hat!
Info: Judith Schalansky: „Atlas der abgelegenen Inseln“. Mare, 145 S., 34 Euro



