Serie Städteporträts: Berlin: Hier schlägt das Herz der WM
zuletzt aktualisiert: 12.06.2006 - 16:57Berlin (rpo). Alle wollen nach Berlin! Denn hier findet am 9. Juli das große WM-Finale statt. Die Deutsche Mannschaft ist jetzt schon da, residiert in einem Luxushotel im Grunewald. Und so schlägt das Herz der Weltmeisterschaft in Deutschlands größter, schnellster und lautester Stadt.
Die Luft ist stickig bei "Hanne am Zoo". In der Kneipe an Berlin berühmtesten Bahnhof sind die Wände vor lauter Fahnen, Trikots, Mannschaftsfotos und Vitrinen voller Pokale kaum noch zu sehen. Der Tresen ist gespickt mit Wimpeln von Vereinen aus aller Herren Länder. Deutsche Provinzklubs sind darunter, aber auch Bundesligavereine und internationale Schwergewichte wie Inter Mailand. "Es ist halt alles ein bisschen auf Fußball getrimmt", sagt untertreibt Wirt Hans Weiner.
Bis vor vier Jahren hieß die Kneipe noch "Holst am Zoo". Seit "Hanne" Weiner übernommen hat, der in den Siebzigern und Achtzigern bei Hertha BSC und Bayern München spielte, steht der neue Name über der Tür. In Berlin ist die Hertha-Fankneipe am gleichnamigen Bahnhof eine Institution. Und sie ist einer der wenigen Orte in der Stadt, an dem Fans merken können, ob Bundesligaspieltag ist oder nicht.
Geteilte Fußball-Stadt
Denn auch wenn samstags mehrere Zehntausend Fans unterwegs sind: In einer Stadt mit mehr als 3,4 Millionen Einwohnern prägen Horden in Trikots und Schals das Stadtbild wenig. "Wenn Hertha Meister würde, wäre wohl der Ku'damm voll", sagt Andreas Blaszyk, Fan-Beauftragter bei Hertha BSC. Auch die zum Olympiastadion führenden S- und U-Bahnlinien und der Bahnhof Spandau sind an Heimspieltagen in die Vereinsfarben blau und weiß getaucht.
Dabei ist Berlin in Sachen Fußball noch immer geteilt, zerfällt in einen Ost- und einen Westteil. "Es weicht langsam auf, aber es gibt immer noch ganz stark zwei Lager", sagt Gerhard Buchholz, WM-Koordinator der Berlin Tourismus Marketing (BTM).
Diverse Fußball-Stätten
Und so gibt es für Fußballtouristen gleich mehrere Stadien zu sehen: Neben dem Olympiastadion, Heimstatt von Hertha BSC, steht in Charlottenburg das Mommsenstadion von Oberligist Tennis Borussia. Hier trainiert die deutsche Elf während der WM, wenn sie wegen Vorrundenspielen im Olympiastadion ausweichen muss. Im Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark in Prenzlauer Berg feierte DDR-Rekordmeister BFC Dynamo seine Erfolge.
Das Stadion des anderen Traditionsklubs im Osten, des 1. FC Union, ist die Alte Försterei in Köpenick. Und voller Ehrfurcht sprechen Berliner Fußballfans auch heute noch von der "Talentschmiede", wenn sie die "kleine Hertha" aus Zehlendorf meinen. Pierre Littbarski, Christian Ziege, Karsten Bäron, Niko und Robert Kovac lernten im Ernst-Reuter-Stadion als Jugendfußballer ihr Handwerk.
Fifa-Hauptquartier im Olympiastadion
Eines haben die meisten Stadien gemeinsam: Fans können sie während der WM nur von außen ansehen. Das Olympiastadion werden Touristen ohne Ticket sogar höchstens aus weiter Ferne betrachten können. Die FIFA wird das Gelände weiträumig absperren, denn im Stadion wird nicht nur gespielt. Hier werden auch das FIFA-Hauptquartier sowie ein Pressezentrum untergebracht.
Nicht nur daran ist abzulesen, dass Berlin zur WM vor allem repräsentieren soll. Spätestens zum Endspiel wird die Fußballwelt in jedem Fall auf Berlin schauen. Am 9. Juli wird im Olympiastadion angepfiffen. Auch ein Viertelfinalspiel findet dort statt. Außerdem bezieht die deutsche Nationalelf von Ende Mai an ihr Quartier im "Schloss-Hotel" in Grunewald.
Krisengeschüttelte Hertha
Viele Ausstellungen und Freiluftveranstaltungen rund um das Thema Fußball sollen Touristen wie Berliner begeistern. Dazu gehört der vom Künstler André Heller entwickelte "WM-Globus" - ein Ausstellungsraum, der durch die zwölf WM-Städte tourte und von Anfang Juni an auf dem Pariser Platz stehen soll. Renommierte Museen und Konzerthallen haben ihr Programm zum Teil auf die Zeit während der WM abgestimmt. Auch 20 Projekte des offiziellen FIFA-Kulturprogramms finden in Berlin statt.
Damit wird die Hauptstadt zum WM-Aushängeschild Deutschlands. Das passt auf den ersten Blick nicht zusammen. "Fußball-Hauptstadt ist Berlin absolut nicht", räumt Gerhard Buchholz ein. "Die Krisen von Hertha BSC kennen wir ja alle."
Dazu kommt, dass der Fußball in der Stadt starke Konkurrenz hat: Die Eishockey-Mannschaft der Eisbären und die Basketballer von Alba Berlin sind erfolgreich und beliebt. Umso wichtiger ist es für Fußball-Berlin, dass das DFB-Pokalfinale seit 1985 immer im Olympiastadion ausgetragen wird. "Berlin, Berlin - Wir fahren nach Berlin", singen Fans seitdem, wenn ihr Team im Pokal eine Runde weiter gekommen ist. "Das war eine richtig große Sache", erinnert sich Andreas Blaszyk. "Hertha spielte damals zeitweise in der Amateur-Oberliga. Da war es toll, dass der große Fußball in die Stadt kam."
Riesenleinwände an zehn Orten
Mit dem WM-Finale kommt nach 70 Jahren erneut ein Sportereignis von Weltrang auf das Olympiastadion zu. Gebaut wurde es für die Olympischen Spiele 1936. Auf den Wandkacheln im S-Bahnhof sind heute noch Hinweise in Frakturschrift zu lesen. Am Stadion selbst sind 70 Prozent der alten Bausubstanz erhalten. Bis 2004 wurde es vier Jahre lang bei laufendem Spielbetrieb saniert und fasst heute rund 74 000 Zuschauer.
Für Fans ohne Karten will die Stadt Leinwände an mehr als zehn Orten installieren, darunter das Konzertareal Waldbühne mit einem Fassungsvermögen von 15 000 Menschen. Zur zentralen Fanmeile wird die Straße des 17. Juni zwischen Brandenburger Tor und Siegessäule. Ein 60 Quadratmeter großer Bildschirm soll für Begeisterung sorgen.
Für Touristen aus Deutschland hat Berlin ein wohl einzigartiges Angebot an Fanbars. Ob Hamburger, Kölner, Bielefelder oder Rostocker: Jeder erfolgreichere Profiklub hat in der Hauptstadt eine Heimat für eingewanderte Fans. Hier wird diskutiert und getrunken, während die Fans an den Tischen vor den Fernsehern mitfiebern.
Eine Million WM-Gäste
Auf den Effekt von Fernsehbildern wird sich auch die Stadt Berlin einmal mehr verlassen können. Schon die weltweite Ausstrahlung der Love Parade stand bei der Selbstvermarktung als weltoffene Stadt zur Seite. Die BTM rechnet mit mehr als einer Million Besuchern während der kurzen WM-Zeit. "Seit den Olympischen Spielen 1936 ist die WM das größte touristische Event für Berlin", sagt Gerhard Buchholz schon heute zufrieden. Es wird voll werden in der Stadt.
Weitere Informationen: Berlin Tourismus Marketing, Am Karlsbad 11, 10785 Berlin (Telefon: 030/25 00 25)


