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Kloster-Hüpfen: Besinnliche Reise durch den Nordschwarzwald

zuletzt aktualisiert: 20.10.2003 - 12:36

Wie Griechenland-Urlauber von Insel zu Insel hüpfen, so sind Urlauber im Schwarzwald von Kloster zu Kloster unterwegs. "Ich bin die Tür, spricht der Herr, wer durch mich eingehet, wird durch mich errettet." Wer könnte dieser Einladung über dem Westportal der Alpirsbacher Klosterkirche widerstehen?

Drinnen ist es kühl und es duftet nach Weihrauch. Orgelspiel lässt den Boden unter den Füßen vibrieren. Arkadenbogen ruhen auf kräftigen, monolithischen Säulen. "Vier Meter lang und sechs Tonnen schwer", erklärt Klosterführer Harry-Heinz Paulicks und rückt die Brille zurecht. "Die Benediktiner haben sie im Winter mit Ochsenschlitten aus dem Steinbruch hergeschafft." Die Besucher legen die Köpfe ins Genick und lassen den Blick über die flache Decke der dreischiffigen Säulenbasilika schweifen. Klein, sehr klein fühlt man sich im steilproportionierten Langhaus. Die strengen Mönche haben weitgehend auf Gliederungselemente, Wölbungen und üppige Schmuckformen verzichtet und die Schlichtheit ihrer Architektur ins Monumentale gesteigert.

Alpirsbach - Bierfreunden klingt der Name wie Musik in den Ohren. Der Ort mit dem berühmten Brauwasser gehört zu den Höhepunkten jeder Schwarzwaldreise. Seit neun Jahrhunderten beherrscht das ehemalige Benediktinerkloster das obere Kinzigtal und zählt zu den herausragenden Klosteranlagen des romanischen Mittelalters. Die Benediktiner gehörten zu den so genannten Reform-Orden, die den weltlichen Verstrickungen und Verflechtungen der damaligen Kirche ein Ende setzen wollten. Ihre Grundsätze waren Tugend, Gehorsam und lebenslange Zugehörigkeit zur Gemeinschaft ein und desselben Klosters. Der Geist des benediktinischen Mönchtums beruhte auf der Formel "Ora et labora" - "Bete und arbeite!".

Paulicks führt die Gruppe auf der Südseite aus der Klosterkirche hinaus in den spätgotischen Kreuzgang, der im Sommer die stimmungsvolle Kulisse für die Alpirsbacher Klosterkonzerte bildet. Einer der Flügel beherbergte den Schlafsaal der Mönche. Dielen knarren bei jedem Schritt. Es riecht etwas muffig. Die Einrichtung war spartanisch: ein Strohsack, zwei Decken, Kissen, Schemel, ein kleiner Tisch. "Die Mönche schliefen bekleidet, gegürtet und mit Schuhen", erklärt Paulicks, "Kerzen und Fackeln brannten die ganze Nacht hindurch. Ein Mönch musste immer wachen." Christus konnte jeden Augenblick wiederkehren. Die Benediktiner wollten bereit sein. Dass es so mancher Bruder trotz allem nicht so genau mit den Ordensregeln nahm, stellte sich 1957 heraus, als der Boden des Dormitoriums saniert wurde. Unter den Dielen fand man fratzenhafte Darstellungen der Äbte, verbotene Spielkarten und Vesperbrettchen mit Mühlespielen auf der Rückseite. Die Mönche spielten mit weißen und braunen Bohnen. Auch diese waren über die Jahrhunderte durch die Bodenritzen gefallen. Kloster-Hopping (Hüpfen) ist ähnlich dem Insel-Hopping eine gemächliche Art zu reisen. Die Idee geht auf eine Initiative der Klosterorte Alpirsbach, Calw-Hirsau und Maulbronn zurück. Auf der Klosterroute Nordschwarzwald können Besucher auf eigene Faust oder mit einem mehrtägigen Pauschalangebot von Kloster zu Kloster "hoppen" und bei lebendigen Führungen in den Alltag der Mönche und in die klösterliche Geschichte eintauchen. Die zweite Station auf dieser Route ist die Ruine des ebenfalls benediktinischen Klosters in Calw-Hirsau. Die Anlage St. Peter und Paul schlummert links der Nagold und verströmt einen verträumten, friedlichen Charme. Pflanzen quellen aus Turmfenstern; abbröckelnder Putz, Efeuranken im Gemäuer. Im elften Jahrhundert schloss sich das Kloster Hirsau der vom burgundischen Cluny ausgehenden Reformbewegungen an, die den weltlichen Zugriff auf Kirchenangelegenheiten radikal ablehnte. Hirsau stelle sich in Deutschland an die Spitze dieser Bewegung und wurde zu einem der bedeutendsten Klöster im Land. Mit der Reformation endete das klösterliche Leben Mitte des 16. Jahrhunderts.

Doch schon bald lockten die wildreichen Hirschauen die Herzöge an. Sie ließen sich vom Hofbaumeister Beer ein Jagd- und Lustschloss bauen. Der herzögliche Renaissancebau war in der dritten Etage mit einem schwingenden Tanzboden ausgestattet. Wenn der Hofstaat tanzte, wippte der Boden mit. Genau hundert Jahre hielt die Pracht. Dann kam der französische General Mélac und zerstörte Kloster und Schloss im Pfälzischen Erbfolgekrieg. Wer genau hinsieht, kann da und dort noch die Brandspuren erkennen. "Viel hat sich trotz allem nicht verändert", meint eine alteingesessene Hirsauerin, lächelt und lässt sich ächzend auf einer Holzbank nieder. "Früher mussten wir den Zehnten an die Herrschaften zahlen. Heute knöpfen uns die da Steuern ab." Die Frau zeigt mit dem Spazierstock aufs alte Haus gleich neben dem Tor - dort hat sich das Finanzamt einquartiert.

Die dritte und letzte Station führt den Klosterhopper nach Maulbronn. Das damalige Zisterzienserkloster liegt im abgeschiedenen Salzachtal rund 20 Kilometer nordöstlich von Pforzheim. Strenggenommen gehört die 850 Jahre alte Abtei damit nicht mehr zum Schwarzwald. Sie passt sich jedoch ausgezeichnet in die Klosterroute ein und bildet deren überwältigenden Höhepunkt. Dort sind alle Stilrichtungen, Übergangsstile und Entwicklungsstufen von der frühromanischen bis zur spätgotischen Baukunst vertreten. Kein mittelalterliches Kloster nördlich der Alpen ist vollständiger. 1993 wurde die Gesamtanlage in die Liste des Unesco-Weltkulturerbes aufgenommen. Die Zisterzienser waren reformierte Benediktiner mit strengen Ordensregeln wie der Schweigepflicht. Die bartlosen "weißen Mönche" mit dem schwarzen Skapulier und Laienbrüder galten als Selbstversorger. In nahezu 400 Jahren (1147-1537) haben sie eine überwältigende Klosteranlage geschaffen: mit Wehrmauern, Wassergräben, Wällen, einer Zugbrücke, Weinbergen und rund 30 Seen für die Fischzucht. In mehreren Steinbrüchen wurde der Maulbronner Schilfsandstein gewonnen, der zum Bau der dreischiffigen Pfeilerbasilika und des abgeschlossenen Klosterteils diente.

Im Kreuzgang ist es kühl und still. Vereinzelte Schritte hallen durch die angrenzenden Räume. Die Sonne dringt seitlich durch die Vorhänge aus Stein, wirft blütenförmige Lichtmuster in die Arkaden und rahmt die wenigen Besucher silbern ein. Im kleinen Brunnenhaus rinnen glitzernde Fäden aus Löwenmäulern, Luftblasen treiben über das Wasser, das plätschert wie ein Gebirgsbach in einem engen Tal - beruhigend, friedlich, fast meditativ.

Dort haben sich die Zisterzienser gewaschen, rasiert, ihre Haare geschnitten, Sommer wie Winter, bis das Kloster im Zuge der Reformation aufgelöst wurde, und die Mönche Maulbronn gegen ihren Willen verlassen mussten. Später zog eine evangelische Eliteschule ein. Johannes Kepler, Friedrich Hölderlin und Hermann Hesse wurden unterrichtet. Die Schule besteht als evangelisches, altsprachiges Internatsgymnasium weiter, heute auch für Mädchen. Die Weltlichkeit hat Einzug ins strenge, klösterliche Gemäuer gehalten. Und wie zur Bestätigung stimmt eine Schülerin im Klassenzimmer über dem Brunnenhaus ein Klavierstück an. Es brodelt, klingt ungestüm, fast ekstatisch. Wagner. Es ist ein Auszug aus der "Götterdämmerung".


 
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