100 Jahre Jugendherberge: Biokost statt Hagebuttentee
zuletzt aktualisiert: 26.08.2009 - 15:02Frankfurt/Main (RPO). Vor 100 Jahren wurde die erste Jugendherberge von insgesamt 550 gebaut. Dort gab es Früchtetee aus Metallkannen und strenge Herbergsväter. Das Image hat sich gewandelt. Heute bieten die Häuser Fitnesskurse und Biokost und sind für viele Familien eine günstige Alternative zum Hotel.
Deutschen Jugendherbergen haftet ein altbackenes Image an. Dabei haben sie nur wenig mit den spartanischen Unterkünften für junge Wanderer zu tun, die vor genau hundert Jahren entstanden und in denen auch in den folgenden Jahrzehnten wenig Komfort herrschte.
Längst haben sich die Häuser des Deutschen Jugendherbergswerks (DJH) auf ihre immer anspruchsvolleren Gäste eingestellt - auch wenn sie bewusst auf Luxus verzichten. Angesichts klammer Familienkassen und Nostalgiewelle blicken die Betreiber der deutschen Jugendherbergen optimistisch in die Zukunft.
Die zündende Idee hatte Lehrer Richard Schirrmann in der Gewitternacht des 26. August 1909. Bei einer Wanderung durchs nordrhein-westfälische Bröltal wurde er mit seinen Schülern vom Regen überrascht. Nur mit Glück fand die Klasse in einer leer stehenden Schule Unterschlupf. Wieso eigentlich, so fragte sich der Sauerländer, gibt es keine erschwingliche Herberge für junge Wanderer? Damals konnte Schirrmann noch nicht ahnen, dass sich seine Idee in den kommenden Jahrzehnten zum Exportschlager entwickeln würde. Etwa 550 Häuser zählt die Jugendherbergsbewegung von den Halligen bis zum Bayerischen Wald, weltweit sind es rund 4000.
Familien als neue Zielgruppe
Hauptzielgruppe sind noch immer die Schüler auf Klassenfahrt und Jugendgruppen, die 40 Prozent der Gäste ausmachen. Angesichts sinkender Schülerzahlen und verkürzter Gymnasialzeiten hat das DJH allerdings längst neue Zielgruppen ins Visier genommen. „Es übernachten immer mehr Familien bei uns“, sagt Bernd Dohn, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Jugendherbergswerks in Detmold. Aber auch Rucksackreisende und Seminargruppen wollen die deutschen Herbergseltern mit günstigen Übernachtungspreisen locken.
Die Zeiten, in denen sich Jugendherbergen nur durch die Farbe ihrer Kunststoffböden unterschieden, sind indes vorbei. Heutzutage gibt es Öko-Jugendherbergen mit Bioverpflegung, Sport-Jugendherbergen mit Fitnessprogramm und Kulturjugendherbergen mit Altstadtführung. In der Provinz können Familien in Familienzimmern urlauben, und in Großstädten ist die englischsprachige Rezeption die ganze Nacht besetzt.
Auch sonst hat sich manches verändert. Noch in den Fünfzigern wurden Gäste auf mögliche Benzindüfte hin "beschnuppert" - damit sich bloß kein Autofahrer unter die Wanderer und Radfahrer mischte. Heutzutage sind Autofahrer willkommen, und statt Spüldiensten winken den Gästen oftmals ein Bad im Zimmer, vegetarisches Essen und Wireless LAN.
Gruppenerlebnis statt Luxus
Doch bei aller Veränderung: Wer gerne an Pyjamaparties in großen Schlafsälen zurückdenkt, kann beruhigt sein. Eine Luxusunterkunft will die Jugendherberge nicht werden. So dominieren weiter Vier- bis Sechsbettzimmer, wie Dohn sagt. "Das Gemeinschaftserlebnis ist uns wichtig." Gegen Billighotels, die den Jugendherbergen vor allem in Großstädten Rucksackreisende abspenstig machen, will das DJH mit seinen Angeboten punkten. „Wir bieten mehr als ein Bett und ein Brötchen“, sagt Geschäftsführer Dohn.
Hundert Jahre nach Richard Schirrmanns Geistesblitz sind die Jugendherbergen zuversichtlich. Nicht nur, weil sich die Zahl der jährlich rund zehn Millionen Übernachtungen seit Jahren halten lässt. Gerade angesichts der Wirtschaftskrise hofft Dohn, mit einem „guten Preis-Leistungs-Angebot“ punkten zu können.
Der Hamburger Tourismusforscher Horst W. Opaschowski gibt ihm Recht. Viele Familien seien noch unsicher, ob sie sich überhaupt einen Urlaub leisten könnten. „Wandern von Herberge zu Herberge - das könnte ein neuer Trend sein.“ Potenzial für die Jugendherbergen sieht Opaschowski aber auch bei jungen Leuten. Statt sich auf teure Pauschalreisen zu vergnügen, gingen sie lieber wandern oder pilgern. „Da passen Jugendherbergen gut hinein.“
Eigene Community im Netz
Speziell den 15- bis 26-Jährigen bieten die Jugendherbergen einen neuen Service im Netz: die neue Community www.youpodia.de. „Unsere Jugendplattform im Internet ist schon einzigartig, weil hier die Aktivitäten junger Menschen von der Online-Community in die Offline-Welt getragen werden“, erklärt Angela Braasch-Eggert, Vorsitzende des Deutschen Jugendherbergswerkes, das Prinzip.
Junge Themen bestimmen das Portal. Dort sind Reiseangebote speziell für junge Leute zu finden ebenso wie viele Tipps aus der Community. Zu jeder Jugendherberge können die passenden Tipps abgerufen werden. „Ganz im Sinne der ursprünglichen Ziele dient youpodia dazu, die Werte mit moderner Technologie zu verbinden“, stellt Braasch-Eggert fest. „Hier wird Community zu einer echten Gemeinschaft.“
Das Beispiel Düsseldorf
Die Düsseldorfer Jugendherberge wird unter dem Namen City-Hostel geführt. Dort gibt es 368 Betten in 96 Zimmern - angefangen von Zwei-Bett-Zimmern über Rollstuhl gerechte Räume bis hin zum Familienappartement.
Preise Übernachtung und Frühstück gibt es ab 24,80 Euro, Halbpension ab 30 Euro; Vollpension ab 35,20 Euro.
Besonderheiten Die Jugendherberge am Rhein hat auch Tagungsräume und ist das ganze Jahr über geöffnet - auch über Weihnachten.
Mitgliedschaft im Deutschen Jugendherbergswerk Sie ist Voraussetzung für die (weltweite) Übernachtung in Jugendherbergen. Kosten: 12,50 Euro (bis 26 Jahre), 21 Euro (ab 27 Jahre).
Übernachtungspreise (inkl. Frühstück, Bettwäsche)
Kinder ab 3 Jahren: Ermäßigung kann in den Landesverbänden bzw. den Jugendherbergen erfragt werden.
Gäste ab 27 Jahren: zahlen in den meisten Jugendherbergen rund 3 Euro mehr pro Übernachtung.
Infos:


