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Kunden fordern Schadensersatz: Boeing-Albtraum Dreamliner

VON THOMAS REISENER - zuletzt aktualisiert: 07.05.2008 - 12:23

Everett (RP). Mit der 787 wollten die Amerikaner den Flugzeugbau neu erfinden. Das ist am Reißbrett auch gelungen. In der Wirklichkeit droht Boeing aber ein Dreamliner-Desaster. Die ersten Kunden wollen jetzt schon Schadensersatz.

In die größte Halle der Welt passen 57 Fußballfelder. Oder 57 „pitches“, wie sie hier sagen. Hier, im US-amerikanischen Everett, 40 Kilometer nördlich von Seattle. Mit pathetischer Stimme erklären die Blaumänner von Boeing 200.000 Besuchern pro Jahr, wie sie in dieser Werkstatt Flugzeuge bauen.

Die DC 10 zum Beispiel, die zwei Jahrzehnte lang die Lüfte beherrscht hat. Oder die 747, seit 40 Jahren „Jumbo“ genannt, die hier heute noch gebaut wird. Die Blaumänner zeigen armdicke Schraubenschlüssel, mit denen sie die Muttern an Fahrwerken festziehen. Laptops, mit denen sie Cockpits programmieren. Nur Halle 8 zeigen sie nicht. Wer sich auch nur in die Nähe bewegt, wird mit der Freundlichkeit eines Türstehers zur Kehrtwende überredet. In Halle 8 wird die 787 gebaut. Der „Dreamliner“.

Warum darf den niemand sehen? Warum will Boeing über den Dreamliner immer nur reden, ihn aber nicht zeigen? Wollte Boeing mit diesem Prestige-Modell nicht den Flugzeugbau neu erfinden?

Zum ersten Mal soll ein Passagierflugzeug zur Hälfte aus Plastik bestehen: Aus ultraleichter Kohlefaser, die den Kerosinverbrauch des Tiefdeckers (Flügel unterhalb des Rumpfes) um 20 Prozent senkt, größere Wartungsintervalle ermöglicht und die Produktionszeit verkürzt. Kurzum: Mit dem Dreamliner will Boeing den Erzrivalen Airbus das Fürchten lehren. Viereinhalb Jahre nach Programmstart sieht es jetzt aber so aus, als würde der Dreamliner erst einmal Boeing selbst das Fürchten lehren.

Auslieferung zum dritten Mal verschoben

Anfang April mussten die Amerikaner einräumen, Erstflug und Auslieferung des Dreamliners zum dritten Mal verschieben zu müssen. Inzwischen liegen sie 15 Monate hinter ihrem Zeitplan. Nur noch rund 25 statt der angekündigten 109 Flugzeuge sollen im nächsten Jahr fertig werden. Kunden wie All Nippon Airways (ANA), Quantas, Air Berlin und TUI sind enttäuscht und spekulieren bereits auf Entschädigungen. Eine Boeing-Sprecherin bestätigt entsprechende Verhandlungen. „Wir wissen noch nicht, wie viel uns die Ausgleichszahlungen kosten werden“, sagte sie.

Kein Wunder. Nach Informationen unserer Zeitung wird Boeing nämlich auch die jüngsten Lieferversprechen für den Dreamliner nicht einhalten können. Insider gehen davon aus, dass Mitte Mai die nächste Verzögerung bekannt gegeben wird. Spätestens damit wird der Dreamliner für Boeing zu einem ähnlichen Fiasko, wie es der A380 für Airbus geworden ist.

Genau wie bei dem europäischen Mega-Jet bereitet auch den Boeing-Ingenieuren die Verkabelung mehr Kopfzerbrechen als geplant. Außerdem berichten erfahrene Piloten von Stabilitätsproblemen am Rumpf, die ausgerechnet mit dem hohen Kunststoffanteil der Konstruktion zusammenhängen – also demjenigen technischen Clou, auf den die Boeing-Entwickler besonders stolz waren. Projektleiter Mike Bair wurde inzwischen gefeuert.

Nicht nur technisch, auch betriebswirtschaftlich geht Boeing beim Dreamliner neue Wege. Um Entwicklungskosten einzusparen, lassen die Amerikaner sich 70 Prozent aller Teile zuliefern: Die Tragflächen kommen aus Japan, der Rumpf aus Italien, die Triebwerke aus Großbritannien und die Fahrwerke aus Frankreich. Die Zulieferer wiederum gaben viele Entwicklungsaufgaben an Dritte weiter, die damit überfordert sind. Boeing musste für mehrere hundert Millionen Dollar einen Krisentrupp aus eigenen Ingenieuren und Technikern aufbauen, der jetzt über den Globus hastet, um die Risse in der Zuliefer-Kette zu kitten.

Andere Zulieferer kommen wiederum viel zu gut zurecht. Mitsubishi Heavy zum Beispiel. Die Japaner haben beim Bau der Dreamliner-Flügel so viel Know-How erworben, dass sie jetzt ein eigenes Flugzeug entwickeln wollen.


 
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