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Fautliere aus der Nähe beobachten: Costa Rica entdeckt den Naturtourismus

VON SILVIA VOGT - zuletzt aktualisiert: 03.06.2003 - 10:24

Fast ein Viertel von Costa Rica, ingesamt ungefährt so groß wie Niedersachsen, steht unter Naturschutz. Und der Naturtourismus in dem mittelamerikanischen Land erfreut sich steigender Beliebtheit.

Wer den Leguanen ans Leder will, bekommt es mit Don Carlos zu tun. Seit der Restaurantbesitzer in dem kleinen Örtchen Muelle im Norden Costa Ricas sich den Schutz der Echsen zur Aufgabe gemacht hat, tummeln sich die - ihres Fleisches und ihrer Haut wegen - noch immer gejagten Tiere zu Dutzenden vor seinem Haus. Zum Sonnen nehmen sie die Bäume am Flussufer vollständig in Besitz und zieren die Äste wie Weihnachtsschmuck den Tannenbaum. Für Urlauber ist der "Baum der 100 Iguanas" zur Attraktion geworden - passend zum wachsenden Naturtourismus in dem mittelamerikanischen Land.

Fast ein Viertel der Fläche Costa Ricas - das mit seinen 51.000 Quadratkilometern so groß ist wie Niedersachsen - steht nach Angaben der Behörden in irgendeiner Form unter Naturschutz. Affen, Faultiere und Jaguars, Papageien, Tukane und Kolibris, Leguane, Schildkröten und Schlangen, farbenprächtige Giftfrösche und unzählige Schmetterlinge: Die Liste der Bewohner der Nationalparks scheint kein Ende zu nehmen. Fast 1.000 Vogelarten soll es in dem tropischen Land mit den Dutzenden teils noch aktiven Vulkanen geben, davon allein mehr als 50 verschiedene Kolibris. Die Reptilienarten übersteigen die Zahl 200. Die Zahl der Insektenarten wird mit Zehntausenden angegeben.

Der blaue Morpho ist nur ein Vertreter dieser Gruppe. Mit einer Spannweite von rund 15 Zentimetern und den neonblauen Flügeloberseiten zieht der elegante Schmetterling die Blicke der Urlauber automatisch auf sich. Andere Tiere hingegen sind nur schwer zu erspähen, wie etwa die unauffällig an Baumstämmen aufgereihten Fledermäuse. Erst als Führer José mit einem Zweig auf die grau-braunen Tiere deutet, kommen die Touristen der Tarnung der Fledermäuse auf die Schliche. Rund 100 verschiedene Fledermausarten sind aus Costa Rica bekannt.

Auch das Faultier, das sich auf dem Weg zwischen Muelle und dem Nationalpark Cano Negro an der Grenze zu Nicaragua hoch oben im Baum verbirgt, hätten die Urlauber ohne José wohl nie gefunden. Wie ein dicker bräunlich-grauer Wollknäuel sieht es aus, behäbig dreht es den Kopf zur Seite und wendet den Besuchern sein weiß gezeichnetes Gesicht zu. Nur einmal pro Woche verlasse das Faultier seinen Baum, um sein Geschäft zu verrichten, berichtet José. Sonst verbirgt es sich zwischen den Zweigen, seiner Umgebung sogar durch Algen angepasst, die sich im Fell ansetzen.

Quicklebendig dagegen präsentieren sich die Affen. Sowohl die großen, dicken Brüllaffen als auch die drahtigen, quirligen Kapuzineräffchen springen in Schwindel erregender Geschwindigkeit von Ast zu Ast, von Baum zu Baum. Ganze Clans, ein Tier nach dem anderen.

José stellt die Tiere strahlend seinen Gästen vor. "Ich liebe mein Land", sagt er. "Ich bin stolz auf Costa Rica." Auch darauf, dass er den Ökotourismus unterstützen könne, sei er stolz, erklärt José. Zwar steckt der teilweise noch in den Kinderschuhen und nicht alles, was als Öko verkauft wird, beugt sich wirklich ökologischen Kriterien, doch der Ansatz wird mit Elan verfolgt. Auch das umweltfreundliche Vorwärtskommen innerhalb des Landes ist einfach: Das Busnetz ist gut ausgebaut, und ein Netz von Sammeltaxis macht Mietwagen in dem kleinen Land nahezu überflüssig.

Wie Jesus Christus über das Wasser laufen

Mehr als 1.000 Baumsorten stehen in den Wäldern Costa Ricas und fast ebenso viele Farne. Dazwischen durchdringt die Blütenpracht der Orchideen und der rot-gelben, fächerartigen Heliconias das in vielen Schattierungen schillernde Grün.

Andere rote Farbenkleckse im Blattwerk bewegen sich plötzlich: Papageien. Unten an den Baumwurzeln huscht ein grünes Tier über den Boden: Eine Jesus-Christus-Echse, erklärt José. Sie werde so genannt, weil sie auch eine kurze Strecke auf dem Wasser laufen könne. Nur wenige Meter weiter zeigen sich Reiher und Eisvögel, und auch Kaimane geben sich die Ehre.

Nach rund vier Stunden und Dutzenden Tieren geht es zurück gen Süden, vorbei am Echsenbaum von Santa Rosa. Ungerührt liegen die Iguanas auf ihren Ästen, wenn auch in anderer Anordnung als zuvor. Das Faultier dagegen hängt noch an gleicher Stelle in den Zweigen - und das vermutlich noch tagelang.


 
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