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Spanien: La Palma: Der Sprung der Hirten

VON BARBARA PLATVOETZ - zuletzt aktualisiert: 03.06.2003 - 10:23

La Palma Unter den Kanaren gilt La Palma als die landschaftlich vielfältigste Insel. Deshalb ist sie für manchen die

Schönste.

Das ist der Stoff, aus dem die Bewohner von La Palma Legenden weben: In La Galga an der Nordostküste, erhebt sich eine hohe Steilwand aus dem Meer. So hart ist das Gestein, dass nicht einmal der gewaltige Ozean Höhlen in den Stein schlagen konnte. Dahinter auf der Ebene fruchtbares Land und kleine Dörfer: Los Sauces, Los Galguitos und Los Lomados. Dort, in dieser Landschaft, soll einst ein unerschrockener Hirte um eine schöne Jungfrau geworben haben. Die Begehrte forderte, als der Freier ihr lästig wurde, einen Beweis seines Mutes: Mit seinem Hirtenstab möge er sich doch am Abgrund der Felsenwand in die Luft schwingen, mit seinem Körper einen Halbkreis beschreiben und wieder sicher landen. Der Hirte, trunken vor Liebe, kam der Aufforderung nach. Zweimal gelang ihm das Kunststück, beim dritten Mal stürzte er ins Meer.

Im Salto de Pastor, dem „Hirtensprung“, mit dem die Tierhüter früher die Höhenunterschiede im Gelände überwanden, lebt diese Legende bis heute weiter. Jeden Donnerstag treffen sich Männer und Jugendliche an der kleinen Kirche beim Aussichtspunkt La Conception hoch über der Inselhauptstadt Santa Cruz de la Palma, um unter Anleitung von Professor Salvador Borro den Salto de Pastor zu üben. Ihre Stäbe, drei bis vier Meter lang, sind aus Kiefernholz oder - die größeren vor allem - aus Fiberglas. Geschickt wird die Spitze der Lanze von der hohen Kirchenmauer auf die tiefer liegende Straße aufgesetzt. Schwupps - rutscht der moderne Möchtegern-Hirte den Stab herunter, setzt ihn an dem hügeligen Garten gegenüber der Fahrbahn an, rutscht erneut - so geht es Sprung für Sprung abwärts.

Ein Schauspiel für Touristen? Keineswegs. Ein einsamer Wanderer, der uns wenig später im Biosphärengebiet Los Tilos begegnet, belehrt uns eines Besseren. In Windeseile „fliegt“ er an seinem Hirtenstab die Berghänge der Isla Bonita hinunter. Ob ihn an seinem Ziel auch eine Schöne erwartet?

Los Tilos, das von der Unesco unter Schutz gestellte Lorbeerwaldgebiet in 300 bis 1000 Meter Höhe, präsentiert sich als verwunschene Welt. Wie ein dichtes Dach breiten sich die Kronen der uralten Bäume über die Hänge, Efeu mit ungewöhnlich großen Blättern windet sich die Stämme hoch, riesige Farne bedecken den Boden. Vier Arten Lorbeer wachsen dort: Der Tilo, der dem Gebiet seinen Namen gab, heißt korrekt Linde. Die spanischen Siedler bezeichneten den Baum so, weil sein Holz dem Lindenholz ähnlich ist. Loro, auch Laurel oder Azorischer Lorbeer genannt, ist dem Gewürzlorbeer am ähnlichsten. Exportiert werde er nicht, sagt Margot Peikarian, unsere Reiseführerin. Er finde aber in der heimischen Küche Verwendung. Barbusano ist der einzige Lorbeer, der viel Licht zum Wachsen braucht. Seine Blätter sind kupferrot, die Früchte sehen aus wie Oliven. Der Vinatigo ist ein Verwandter des Avocado-Baumes, doch seine Früchte sind giftig. Die Zweige enthalten einen Saft, auf den die Ratten scharf sind. „Die werden davon high, torkeln wie besoffen durch die Gegend und machen ,Männchen' vor den Wanderern“, erzählt Margot.

80 bis 85 Prozent Luftfeuchtigkeit herrschen permanent in diesem Dschungel aus Lorbeer und Farn. Dicke Brombeerranken hängen wie Lianen von den Hügeln hinab. Wer den Kopf nicht einzieht, holt sich rasch Kratzer. „Ein Gast wollte mal Tarzan spielen“, sagt Margot lachend, „der hat dann aber auch so geschrieen.“ Körbe, kunstvoll aus Brombeerranken geflochten, sind ein beliebtes Mitbringsel von der Kanareninsel.

Wo sich die Sonne Licht durch das Blätterdach des Waldes bricht, wachsen üppig Schneeball, Kanarischer Storchenschnabel und Vergissmeinnicht. Für Botaniker und andere Naturfreunde ist Los Tilos ein Paradies. Um es zu erkunden, sind Wanderstiefel oder zumindest festes Schuhwerk empfehlenswert. Auf den rechten Pfad bringen gute Reiseführer und vorab ein Besuch des Informationszentrums am Eingang der Barranco de Agua. Mit einer Ausstellung und einem Film erfährt man vieles über die Entstehung des Lorbeerwaldes, über Pflanzen- und Tierwelt.

Wer gut zu Fuß ist (oder ein Auto gemietet hat), sollte anschließend noch einen Abstecher nach San Andrés y Sauces machen. Im gleichnamigen Restaurant, gleich neben der Kirche, treffen sich sonntags nach dem Kirchgang die Honoratioren des Ortes: mit Orden dekorierte Polizisten und Militärs samt fein gemachter Familie. Das fröhliche Stimmengewirr mischt sich mit dem Brausen des nahen Atlantiks. Nur rund 20 Minuten dauert ein Rundgang durch den Ort. Der Spaziergang führt vorbei an alten Häusern mit tropischen Gärten und Bananenplantagen. Vorbei auch an der Kirche, in der im Jahr 1806 die vermögende, herrschsüchtige und launische Maria Liberata de Guisla bei lebendigem Leibe begraben wurde. So jedenfalls sagt es eine andere Legende.


 
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