Vor Olympia: Deutsche Touristen meiden China
zuletzt aktualisiert: 23.04.2008 - 10:16Hamburg/Berlin (RPO). Der Tibet-Konflikt hält viele Touristen davon ab, nach China zu reisen. Auch die Verschärftung der Visavergabe und gestiegene Preise wegen der Olympischen Spiele schrecken ab. Deutsche Reiseveranstalter sprechen von einem massiven Einbruch.
Sportbegeisterte gucken in diesem Jahr nach China. Und wer Karten für die Olympischen Spiele hat, fährt vielleicht sogar begeistert hin. Für viele andere ist das Land aus dem gleichen Grund weniger attraktiv: Wer sich eher für Kultur interessiert, wartet lieber, bis der Trubel vorbei ist. Die Reiseveranstalter seien für 2008 deshalb davon ausgegangen, dass weniger Deutsche nach China wollen, sagt Sibylle Zeuch, Sprecherin des Deutschen Reiseverbandes (DRV) in Berlin. Doch nun dämpfen auch noch der Tibetkonflikt und die Diskussion um die Verschärfung der Visavergabe die Lust auf Reisen in Richtung Peking. Dabei sah 2007 alles noch so gut aus.
"Der China-Tourismus ist bei uns in diesem Jahr massiv eingebrochen", sagt Ury Steinweg, Geschäftsführer von Gebeco in Kiel, dem Marktführer in diesem Segment. Dabei seien zwei Faktoren zusammengekommen. Zum einen haben die Olympischen Spiele unter anderem die Hotelpreise anziehen lassen - viele potenzielle Kunden schreckt das ab. Die Buchungen seien schon deshalb unter dem Vorjahresniveau geblieben. Zum anderen hat die Tibetkrise diesen Trend noch verstärkt.
25 Prozent weniger Reisen
Das habe allerdings nichts damit zu tun, dass das Interesse an dem Land grundsätzlich geringer geworden sei, ist Steinweg überzeugt. In China habe sich schließlich nichts geändert. "Die Situation ist wie vor einem Jahr auch. Alle wissen, dass China nicht unserem Demokratieverständnis entspricht." Die Tibetkrise sei kein "Phänomen von heute", sondern ein jahrzehntealter Konflikt.
Auch Studiosus, bei dem China zu den "Top Ten" der wichtigsten Reiseländer zählt, hat für dieses Jahr von vornherein mit einem Minus von 20 bis 25 Prozent der Gästezahlen gerechnet, sagt Michaela Tedsen von Studiosus in München. Nun könne von deutlich höheren Rückgängen ausgegangen werden. Stornierungen habe es aber bisher kaum gegeben. Wer nicht nach China wolle, buche in andere asiatische Länder wie Japan, Bhutan oder Indien um.
"Auch für uns war 2007 ein sehr gutes Jahr. Wir hatten ein Wachstum von über 20 Prozent", sagt Liu Guosheng, Geschäftsführer von China Tours in Hamburg. "Für 2008 haben wir wegen der Olympischen Spiele ein schwieriges Jahr erwartet. Aber Anfang des Jahres waren die Buchungen noch sehr gut", erläutert Liu. "Wir waren etwa auf dem Niveau von 2007, bis zu dem Tibetproblem." Etwa seit Ende Februar gebe es nun ein deutliches Minus. "Wir sind jetzt bei einem Rückgang um 30 Prozent im Vergleich zum Vorjahr."
Auch Chinesen reisen weniger
Bei Caissa gab es bislang noch keinen Einbruch, sagt Mang Chen, Chef des auf China spezialisierten Veranstalters in Hamburg, der sein Programm gerade deutlich ausgeweitet hat. "Bei den Buchungen in den ersten drei Monaten liegen wir 30 Prozent über dem Vorjahr." Stornierungen habe es noch nicht gegeben. Aber wenn der Konflikt in den Medien weiterhin so präsent sei, müsse mit Buchungsrückgängen gerechnet werden.
"Dann werden wir Probleme haben", sagt Chen. Sämtliche Tibetreisen wurden - wie bei allen Veranstaltern - bereits abgesagt. Und Caissa spürt die Auswirkungen der Diskussionen um den Tibetkonflikt auch an anderer Stelle: Der Veranstalter, der vor allem Reisen von China nach Deutschland anbietet, registriert, dass dort die Reiselust kräftig nachlässt: "Viele Chinesen fühlen sich durch die Kritik an China verletzt", sagt Chen - und buchen nicht mehr.
China spielt auch für die Baustein-Veranstalter der Rewe-Gruppe eine Rolle: Für Dertour ist Asien nach den USA die zweitwichtigste Fernreiseregion und China nach Thailand dort das zweitwichtigste Reiseland. "Wir hatten 2007 ein zweistelliges Plus", sagt Fernreise-Chef Günter Rücker. Für 2008 sei von vornherein ein zweistelliges Minus im Vergleich zum Vorjahr realistisch gewesen. Die Buchungslage entspreche dem auch, sagt Rücker. Ein zusätzlicher "Tibet-Effekt" sei bei Dertour und Meier's Weltreisen nicht zu erkennen - "und auch kein Trend zu Stornierungen". Die Buchungszahlen seien derzeit "vielleicht ein bisschen niedriger als erwartet".
Bleibt der Olympia-Effekt aus?
Die langfristige Entwicklung kann jedoch ganz anders aussehen. Gebeco hat Erfahrung mit dem Auf und Ab im China-Tourismus: "Nach dem Blutbad auf dem Platz des Himmlischen Friedens 1989 brachen die Chinabuchungen bei uns ein", sagt Steinweg. Innerhalb kürzester Zeit habe es damals Rückgänge von 50 Prozent gegeben.
Steinweg geht davon aus, dass die Buchungszahlen nach den Olympischen Spielen wieder steigen. Mang Chen sieht das genauso: Tibetreisen seien zwar bis zu den Spielen höchstwahrscheinlich nicht mehr möglich. "Wir erwarten, dass sich das danach ändert." Und bei den Reisen nach China ist der Caissa-Inhaber ebenfalls optimistisch. "Die Situation wird sich normalisieren." Für 2009 erwartet er wieder ein deutliches Wachstum: "Das Potenzial ist da." Ob so viele Deutsche nach China wollen, wie ursprünglich gehofft - Caissa hatte mit einer Verdopplung der Zahlen für 2009 gerechnet - bleibt abzuwarten.
"Wir sind auch davon ausgegangen, dass im Jahr nach den Spielen viele nach China fahren wollen, die durch die Berichterstattung auf das Land aufmerksam wurden", sagt Michaela Tedsen von Studiosus. "Das ist jetzt fraglich geworden." China Tours sei ebenfalls für 2009 von einem positiven Olympia-Effekt ausgegangen, sagt Liu Guosheng. "Und wir haben eigentlich erwartet, dass die Buchungen nach den Spielen wieder hochgehen. Da bin ich mir jetzt nicht mehr so sicher." Vorsichtig optimistisch zeigt sich Dertour-Fernreisen-Experte Günter Rücker: "Durch die Olympischen Spiele wird auch viel Positives rüberkommen. Wir werden jedenfalls nicht verhaltener planen."


