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Trient und Bozen: Dolce vita im Alpenland

VON LARS BJÖRN GUTHEIL - zuletzt aktualisiert: 03.06.2003 - 10:22

Wo Goethe Obst kaufte: Im Herzen Südtirolsverschmelzen alpineBodenständigkeit und mediterrane Lebenslust.

"Prego!“ Eine kurze Handbewegung, die Untertasse klappert leise, und schon steht der Espresso auf dem Tisch. Kräftiger Kaffee-Duft steigt in die Nase. Ringsum reges Treiben. Sonnenlichtmuster auf dem Baldachin des Straßencafés. Es ist heiß in Bozen. Das Pflaster des Waltherplatzes glüht in der Mittagshitze.

Um diese Zeit flüchten die Passanten unter die schattigen Arkaden der Geschäfte oder räkeln sich auf den sonnengeschützten Stühlen der Caféterien. Anderswo in Südtirol mag man leicht vergessen, in Italien zu sein. Aber nicht in Bozen. Fast mediterran erschiene die Stadt im Sommer, würden die Berggipfel hinter den Dachzinnen nicht an die gleich nebenan liegenden Alpen erinnern. Junge Frauen flanieren vorbei, schwatzen fröhlich auf Italienisch. Am Eck klemmt sich ein älterer Mann den „Corriere dello Sport“ unter den Arm. Das Leben fließt, ruhig wie eine Siesta und doch würzig wie der schwarze Röstkaffee, der in der Tasse dampft.

Bürgerhäuser aus dem 18. Jahrhundert säumen den Waltherplatz. Ihnen gegenüber, den gotischen Glockenturm in den Himmel reckend, erhebt sich die Dompfarrkirche Mariä Himmelfahrt. Das Zentrum Bozens ist der ideale Startpunkt für einen Rundgang durch die Stadt.

Rasch trifft der Spaziergänger auf einen deutschsprachigen Südtiroler: Walther von der Vogelweide steht zwischen Blumenständen und Cafés, das marmorne Gesicht gen Süden gewandt. Der Namenspatron des Platzes soll bei Bozen geboren worden sein. Bewiesen ist das nicht. Doch die Südtiroler sind stolz auf „ihren“ berühmten Minnesänger. Im 19. Jahrhundert bauten sie ihm ein Denkmal.

Die Italiener stellten später in Trient ein Standbild für den Dichter Dante Alighieri auf. Der schaut nach Norden, in Walthers Richtung und hebt warnend die Hand. Eine Mahnung sollte dies sein, erzählen sich die Bozener. „Ihr Deutschen“, will Dante wohl sagen, „bleibt, wo ihr seid!“

Wer heute Bozen besucht, spürt von deutsch-italienischen Spannungen nichts mehr. Dabei war die Ansiedlung der italienisch-sprachigen Neubürger schwierig. Besonders die Faschisten lockten unter Mussolini zehntausende Italiener nach Südtirol. Heute sprechen rund drei Viertel der etwa 100000 Bozener Italienisch als Muttersprache. Den „Ur“-Südtirolern blieben die Zuwanderer lange fremd. Noch heute ärgern sich einige darüber, dass viele deutsche Ortsnamen ins Italienische übersetzt wurden. Das „Alto Adige“, wie Ettore Tolomei Südtirol taufte, ist ihre Sache nicht.

Auf dem Obstplatz, fünf Minuten vom Waltherplatz entfernt, mischen sich deutsche und italienische Kultur dagegen scheinbar reibungslos. Seit 1375 bieten die Kaufleute dort Obst und Gemüse an. Gianni Menori hat seinen Stand vor 40Jahren eröffnet. „Der Obst- und Gemüseanbau hat Tradition“, sagt er. „Der größte Teil unseres Angebots stammt aus der Umgebung.“ Das sind vor allem Äpfel und Trauben, aus denen rings um Bozen die typischen Weine, St. Magdalena und Lagrein, gewonnen werden. Das Obst des Marktes schmeckte schon manch berühmtem Kunden. 1790 kaufte Johann Wolfgang von Goethe dort ein, als er am Platz Quartier machte.

Direkt gegenüber Goethes einstiger Herberge, am 1746 errichteten Neptunbrunnen, bruzzeln heiße Würstchen in der Sommerhitze. Meraner und Weißwürstel gehören zum Angebot in Sonja Ebners Bratbude. Eine junge Frau bestellt sich zwei Wiener und lächelt. „Ich habe öfters eine Freundin aus Rom zu Besuch“, erzählt sie. „Und der erste Weg führt jedesmal hierher.“ Südtiroler Wurst für Touristen aus Rom. Es geht also doch.

Nebenan lädt Bozens beliebteste Einkaufsstraße, die Laubengasse, zum Shopping. Dort lag im Mittelalter neben dem Kornplatz und dem Bozener „Dorf“ eine der drei Urzellen der Stadt. Viele der alten Kaufmannshäuser mit typischen Arkadengängen zeigen noch das Mauerwerk aus dem 12. / 13. Jahrhundert. Die Auslagen haben sich freilich verändert. Kleidung und Modeartikel bestimmen das Angebot. Dazwischen gibt es auch Besonderes zu entdecken. Den Spezialitätenladen „Seibstock“ zum Beispiel. Wer Zeit mitbringt, kann dort Gewürze erschnuppern und zwischen hausgemachten Spirituosen und Marmeladen aus der Region wählen.

Aus der Hitze heraus führt der Weg ins Archäologiemuseum an der Museumsstraße. Dort heißt es Schlange stehen für einen Blick auf den berühmtesten Südtiroler: Ötzi, die Gletschermumie. Bei minus sechs Grad tiefgekühlt, gibt der Eismann bis heute Rätsel auf, verrät aber auch vieles über das Leben in der Jungsteinzeit.

Eine Zeitreise der anderen Art führt mit dem Shuttle-Bus vom Waltherplatz zum nahe Bozen gelegenen Schloss Runkelstein. Noch schöner ist der Fußweg (zirka 30 Minuten) über die Bozener Wasserpromenade zur Sarner Schlucht und anschließend steil bergauf zur Burg. Im 13. Jahrhundert oberhalb der Talfer errichtet, war Runkelstein lange Zeit ein Musentempel der Bozener Brüder Niklas und Franz Vinkler.

„Das Schloss beherbergt den weltweit größten gotisch-profanen Freskenzyklus“, sagt Direktor Dr. André Bechtold. „Es geht vor allem um Dichtungen wie Tristan und Isolde sowie den Garel-Zyklus.“ Im Gewand eines mittelalterlichen Schreibers sitzt Bechtold schon morgens auf den Burgmauern. Zusammen mit anderen Darstellern lässt er in den Sommermonaten das Jahr 1402 auf Schloss Runkelstein wieder auferstehen. Urtümlich ist das eher unitalienisch.

Und trotzdem es ist typisch für die Südtiroler Landeshauptstadt Bozen und ihre Umgebung: Sie ist herzlich, gemütlich und vor allem von genussvoller Lebensart.


 
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