Erzengel-Orakel und Bibel-Rätsel: Erste Messe für Pilgerreisen
zuletzt aktualisiert: 24.04.2009 - 16:54Mainz (RPO). Hape Kerkeling hat's vorgemacht: Pilgern liegt voll im Trend. Mainz hat die Zeichen der Krisen-Zeit erkannt. Am Wochenende findet hier die erste Messe für Pilgerreisen statt. Erzengel-Orakel und Toaster, die Tischgebete ausspucken, zählen zu den skurrilen Angeboten der Messe.
Der Wegweiser am Eingang zeigt gleich, wo es hier langgeht: Santiago de Compostela liegt genau 1000 Kilometer weit weg, das altehrwürdige Jerusalem 3010 Kilometer. Aber es geht auch näher, etwa nach Altötting (378 Kilometer) oder Oberammergau (458 Kilometer) - oder Oppenheim. Aus dem nur 18 Kilometer von Mainz entfernt liegenden Ort kommt Michael Fender, Geschäftsführer der "Christ & Reisen GmbH" und Initiator der ersten Messe für Pilgerreisen, die an diesem Wochenende unter dem Titel "Pilgus - A Pilgrim's first Step" in Mainz stattfindet.
Rund 20 Stände warten in dem großen Zelt am Ende des Messegeländes im Mainzer Stadtteil Hechtsheim auf Besucher. Am Freitag blieb die Messe Fachbesuchern vorbehalten. Am Wochenende, wenn sie für die Öffentlichkeit zugänglich ist, rechnen die Veranstalter vorsichtig mit rund 2000 Interessierten, schließlich sei Pilgern in Deutschland so gefragt wie selten zuvor. "Der Trend zu Glaubensreisen ist da, die Branche ist im Aufwind", sagt "Pilgus"-Pressesprecherin Anika Pries.
Immerhin jeder siebte Deutsche könne sich Umfragen zufolge eine Pilgerreise vorstellen, sagt Pries. Da sei auch die Zeit für eine eigene Messe gekommen. Gerade in Zeiten der Krise nehme "die Suche nach der inneren Ruhe, nach sich selbst" zu. Der Trend gehe dahin, sich eine Auszeit zu gönnen und den Weg zurück zur Natur und zum Ursprung zu suchen. Dafür will die Messe "Reiserüstung" bieten mit Informationen zu Pilgerreisen, Fachliteratur und Utensilien. "Natürlich" spiele auch der religiöse Hintergrund eine Rolle, sagt Pries, "aber wir sehen das vor allem als spirituelle Bewegung".
"Für die Pilger haben wir spezielle Müsliriegel, die geben Power für unterwegs", heißt es beim Naturprodukte-Stand Aalenaa aus Nierstein. Hier gibt es auch antibakterielle Funktionsunterwäsche für den Pilger oder ein "Reiseschutz-Set": einen kleinen Chip, der elektromagnetische Strahlung aufnimmt und in einer Glaskugel eingebettet ist. Das sei sehr praktisch für unterwegs, wenn man auf einer Wasserader schlafen müsse, versichert die Geschäftsführerin. Das Erzengel-Orakel empfiehlt heute übrigens eine Chakren-Reinigung gegen psychische Blockaden.
Toaster spuckt Tischgebete aus
Zwei Stände weiter gibt es "neue Bibelrätsel" und Bücher zu Weingeschichten aus der Bibel ebenso wie einen Toaster, der Tischgebete ausspuckt oder Servietten mit der Aufschrift "Ich bin immer bei Euch, bis ans Ende der Zeit". Nebenan hobelt Tischlermeister Rudolf Zaun an einem Pilgerhocker, seine Tochter Martina zeigt, wie man Seife selbst herstellen kann. Für unterwegs seien diese Aufgaben eigentlich zu langwierig, gibt Zaun zu, lieber will er die Pilger in seine Tischler-Seminare locken, das sei schließlich auch eine Art von Meditation, sagt er.
Die Tradition des Pilgerns sei uralt, sagt Andreas Schmitz, Gründer und Geschäftsführer von "Tobit-Reisen". Das Unternehmen aus Limburg bietet seit zehn Jahren Pilgerreisen für Pfarrgemeinden, Chöre und auch Volkshochschulen an. Es gebe ein großes Bedürfnis nach Reisen als spirituelle Erfahrung, sagt Schmitz. Angefangen habe der Aufwind für die Branche in Deutschland mit Papst Benedikt XVI., dann kam Hape Kerkeling mit seinem Bestseller "Ich bin dann mal weg". "Hape Kerkeling hat viel für uns getan", sagt Schmitz.
Und so kann man heute auf den Spuren des Papstes am Inn entlang in dessen Geburtsort Marktl radeln, mit dem Motorrad zur Wallfahrt des Heiligen Blutes nach Walldürn reisen oder keltischer Spiritualität in Irland nachwandern. Die klassischen Pilgerreisen etwa nach Rom oder ins Heilige Land gebe es noch immer, sagt Schmitz, doch die klassische Bustour mit Rosenkranz-Beten sei passé. Der Pilger von heute wolle "sich etwas Gutes tun" - tagsüber wandern und abends gut essen und schlafen. Das kann er demnächst auch bei einem neuen Angebot: Michael Fender will 2010 eine Pilger-Kreuzfahrt im Mittelmeer anbieten - Pfarrer an Bord inklusive.


