Nationalsymbole: Frankreichs Cafés sterben aus
zuletzt aktualisiert: 22.04.2010 - 07:28Düsseldorf (RPO). Ein Espresso oder oder auch zwei, danach einen Pastis und den Klatsch des Tages gratis dazu. Cafés gehören zu Frankreich wie Wein und Baguette. Doch Rauchverbot und Euro machen den Betreibern gerade in der Provinz das Leben schwer. In den vergangenen Jahren schlossen immer mehr der traditonellen Treffpunkte.
Noch vor einiger Zeit gehörte die Café-Bar zu einem französischen Dorf wie die Post und das Rathaus. Am Tresen tauschten Junge und Alte Dorfklatsch aus, morgens bei einer Tasse Espresso, am späten Nachmittag beim traditionellen Apéritif. Doch in den letzten Jahren schloss vor allem auf dem Land eine Café-Bar nach der anderen. Die Zahl der Kneipen ist nach Angaben des französischen Gaststättenverbandes von rund 200.000 in den 60er Jahren auf heute nur noch 30.000 geschrumpft - und auch die verbliebenen Cafés müssen vielfach ums Überleben kämpfen.
Tresen wird Kleinkunstbühne
Doch Not macht bekanntlich erfinderisch und so lassen sich immer mehr Café-Betreiber etwas einfallen, um neue Gäste zu gewinnen. So manche Bar wird abends zur Kleinkunstbühne für örtliche Musik- oder Theatergruppen, in anderen stellen Künstler ihre Werke aus, oder Jugendliche surfen dank Hotspots im Internet.
In dem bretonischen Dörfchen Sainte Anne du Houlin etwa lädt der Besitzer des "Couleur Café" regelmäßig Märchenerzähler ein, die vor allem Eltern mit Kindern anlocken. Um dem "Couleur Café" zu neuem Leben zu verhelfen, müsse er die Türen für alle öffnen, auch für Kinder, berichtet Besitzer Joel Hamard. "Nur so kann ich hoffen, zu überleben". Der Erfolg gibt ihm Recht.
Auch im malerischen bretonischen Hafenort La Roche Bernard ist die einzige Café-Bar heute wieder ein gut besuchter Treffpunkt. Gäste kommen zu improvisierten Theateraufführungen, die Barbesitzer Eric Gerardin mit Laienspielern aus der Region veranstaltet. Wie sein Kollege Hamard ist auch Gerardin Mitglied der Vereinigung "Cafés de Pays en Bretagne" - einem Netzwerk, zu dem sich rund 30 Café-Bars zusammengeschlossen haben. Sie veranstalten Theaterabende, Konzerte und Ausstellungen und bieten Essen aus regionalen Produkten an.
Im südfranzösischen Kanton Montredon-Labessonié nördlich von Toulouse verdankt das letzte Café-Restaurant sein neues Leben dagegen nur einem großzügigen Spender. Ein aus dem Dorf stammender Beamter vermachte der Gemeinde 300.000 Euro mit der Auflage, die im Jahre 2008 geschlossen Pension "Chez Bousquet" wieder zu öffnen und darin neben Bar und Gasthaus eine Bibliothek einzurichten. In vielen anderen Dörfern öffnen Bars und Restaurants inzwischen aber nur noch ein Mal im Jahr - dies ist Voraussetzung dafür, dass die Besitzer die Lizenz für den Ausschank nicht verlieren.
Gründe für Café-Sterben sind vielfältig
Mit dem Niedergang der französischen Café-Kultur vor allem in ländlichen Regionen befasste sich kürzlich der Pariser Senat, das Oberhaus des Parlaments. Die Gründe für das Café-Sterben sind dort befragten Experten zufolge vielfältig. Viele Leute blieben heute lieber vor ihrem Fernseher oder Computer zu Hause, argumentieren Branchenkenner. Andere würden von dem in Frankreich geltenden Rauchverbot in Kneipen abgeschreckt, oder auch von der Senkung der Promille-Grenze für Autofahrer. Den Betreibern wiederum machten hohe Sozialabgaben zu schaffen.
Es gibt aber auch Kritiker, die auf die stark gestiegenen Preise etwa für einen Espresso oder ein Bier aufmerksam machen. Maryan Kujawa, der seine kleine Kneipe im bretonischen Saint Symphorien nur dank Unterstützung des Gemeinderats weiterbetreiben kann, stimmt dem zu. Verantwortlich für den Preisanstieg seien aber vor allem die großen Brauereien: "Jedes Jahr erhöhen sie die Preise für Bier - und wir müssen das an die Kunden weitergeben."



