Deutschland ist schön: Hamburg: Der Rotlicht-Hafen
VON BERND SCHILLER - zuletzt aktualisiert: 19.05.2007 - 07:08Hamburg (RP). Viele Wunder hinter rotem Backstein: Die Hamburger Speicherstadt bietet urige Lokale, große Show, kleine Museen und eine Weltreise für die Nase.
Später Vormittag im ältesten Teil von Hamburg, direkt gegenüber der Speicherstadt. Über den Hafen fegen Nebelfetzen, das Backsteinrot im alten Lagerhausviertel glänzt genau so, wie es die Regisseure der vielen Krimis lieben, die hier gedreht werden.
Im Restaurant „Schoppenhauer” hocken Volker Roggenkamp und Helga Koch zusammen. Es ist ein schönes Fachwerkhaus, auch aus Backstein, und in der Wirtsstube hängen ausgediente Kaffeesäcke an der Wand, wie bei anderen Leuten die Blümchentapeten. Zu so viel hanseatischer Atmosphäre passt das „Kapitänsfrühstück”: Rühreier mit Nordseekrabben Räucherlachs und Bratkartoffeln.
Architektonisches Meisterwerk
Die ersten Gäste kommen zum Mittagstisch, vorwiegend Kaufleute aus der Nachbarschaft. Helga Koch ist die Chefin im „Schoppenhauer”. Bei ihr endet so mancher Rundgang von Volker. Der ist von Beruf Original: Geschichtenerzähler, Rezitator, ein Meister der gehobenen Kleinkunst und er ist der Nachtwächter, der an jedem Wochenende, ausgerüstet mit Laterne und Hellebarde staunende Menschen durch ein Hafenviertel führt, das einmalig auf der Welt ist: Nirgendwo gibt es einen größeren Lagerhaus-Komplex, nirgendwo ein so spannendes, architektonisch reizvolles Ensemble wie die Speicherstadt am Rande der City, gegenüber von der Altstadt, im Herzen der Kaufmannsmetropole.
Hundert Meter und ein paar Schritte nach Südwesten: Pickhuben 9. Das ist die Adresse von Hälssen & Lyon, einer Teefirma, die 1888 als erster Mieter in die gerade fertiggestellte Speicherstadt gezogen ist. Hier verkostet Frank Pauls, ein Teetester, die neue Ernte aus Ceylon und Assam mit Kommentaren wie „.mälzig, viel Körper, vollmundig”. Nebenan, bei Djavad Nobari am Brook 7, lädt ein Lastwagen aus dem Iran nach 7000 Kilometer Fahrt ein paar hundert Ballen feinster Teppiche ab.
Früher: zollfreies Lager
Bis 2004, über hundert Jahre lang, war die Speicherstadt ein großes zollfreies Lager, finanztechnisch also „Ausland”. Die Ware konnte auf den Böden, so heißen hier die Etagen, getrocknet, veredelt, gezählt, vermessen werden, ohne dass Zoll dafür bezahlt werden musste. Erst wenn die Kolonialwaren aus Übersee ins Binnenland verschifft, verschickt oder gehandelt wurden, fiel Zoll an.
Die Güter im Freihafen, auch Zigaretten, Schnaps, Delikatessen, waren also preiswerter als im übrigen Hamburg. Das brachte so manchen braven Hafenarbeiter und erst recht kriminelle Schmugglerbanden auf kreative Ideen. Ihre Tricks und Verstecke, mit denen sie mal eine Stange HB, mal ein paar Flaschen Whisky aus dem Freihafen schafften, sind heute die beliebtesten Objekte im Zollmuseum. Vor diesem wilhelminischen Prachtbau liegt, als Teil des Museums und nach 30 bewegten „Dienstjahren” auf Küstenwache, das Zollboot „Oldenburg” vor Anker.
Das Speicherstadtmuseum
Zweimal um die Ecke befindet sich das Speicherstadtmuseum: Hier zeigt Henning Rademacher mit seinem Team, wie es damals war, als die Container noch Kisten oder Säcke hießen, als die Ware noch mit Schuten durch die Fleete gestakt wurden, als noch mit Peekhaken, Griepen und Sackklatschen gearbeitet wurde. Nur auf 160.000 Quadratmetern von früher einmal 300.000 spielt sich Lagerleben im alten Stil ab, fast ausschließlich mit Orientteppichen. Neues Leben ist in die Böden und hinter die alten Mauern gezogen: Werbeagenturen, Kanzleien, Architekten, Designer, Mode- und Showleute. Für sie liegt diese „Location” voll im Trend. Zu ihnen auch passt das noble Japanrestaurant „Shiki” an der Kehrwiederspitze am Ostende des Speicherviertels.
Nach Kaffee, nach Tabak, nach Kakao oder gar nach Därmen typischen Düften der alten Speicherstadt riecht es nicht mehr an St. Annen oder am Alten Wandrahm, wie die Straßen hier heißen. Aber Pfeffersäcke sind noch genügend da, solche und solche: die so bezeichneten Kaufleute, wohl beleibte Herren aus den Kontoren, wie hier bis heute die Büros genannt werden, und die echten, die von den Molukken oder aus Sansibar kommen. Ihr Inhalt ist, auf einer „Weltreise für die Nase”, im Gewürzmuseum „Spicy” zu schnuppern, zu probieren, zu erkunden.
In den Orient abtauchen
Einen Boden tiefer, auch am Sandtorkai 32, kann man in den Orient eintauchen und die Zeit vergessen. Dort, im „Afghanischen Museum”, hocken die Gäste von Nek Mohamad, auf dicken Teppichen, trinken Chai, knappern Kichererbsen, hören Geschichten aus 1001 Nacht und lernen vor allem, dass Afghanistan mehr als nur ein Kriegsgebiet ist.
Bei Kindern und Vätern die beliebteste Schau ist die größte Miniatur-Eisenbahn der Welt „Miniatur Wunderland”. Im Gruselkabinett namens „Dungeon” rollt auch Störtebekers Kopf. Dann ist da noch ein Museum, in dem es nichts zu sehen, aber Unglaubliches zu erleben gibt: der „Dialog im Dunkeln”. Blinde führen durch die Räume und fordern alle Sinne.
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