Insel entfaltet im Winter einen eigenwilligen Charme: Helgoland: Wo Wind und Wellen an der "Langen Anna" nagen
zuletzt aktualisiert: 18.02.2004 - 09:00Helgoland (rpo). Liebe auf den ersten Blick ist es meistens nicht - vor allem im Winter vermittelt Helgoland, Deutschlands einzige Hochseeinsel, einen eher rauen Charme. Gewerbegebietskulisse und ein einsam aus dem Nebel ragender Funkturm sind das erste, was Touristen nach der Fahrt über die Nordsee empfängt.
Nur wer sich schnell genug vom Ideal friesischer Inseln mit kleinen Reetdachhäusern und wildromantischen Dünenlandschaften verabschiedet, kann sich wirklich auf den roten Felsen in der Nordsee einlassen. Dessen rauer Charme wirkt am besten in der kalten Jahreszeit - völlig unbelastet von den Ausflüglern, die im Sommer tagtäglich wie ein Schwarm Heuschrecken über die Insel herfallen, um tütenweise Schnaps und Zigaretten nach Hause zu schleppen. Diese Szenerie ist im Winter kaum vorstellbar: Nur die Zahl der zum großen Teil geschlossenen Duty-free-Läden lässt die Ausmaße der sommerlichen "Überfälle" erahnen - an Spitzentagen kommen bis zu 7.000 Gäste pro Tag.
Einer der wenigen, der im Winter auf Helgoland besonders viel zu tun hat, ist Rolf Blädel. Der 52-jährige Inselpolizist muss nicht nur Verbrecher jagen, sondern ist als Seehundjäger auch für die Aufsicht über die Robben zuständig. Auf der abseits der Hauptinsel gelegenen Düne bringen die Kegelrobben Anfang Januar ihre Jungen zur Welt. Acht schneeweiße Robbenbabies wurden in diesem Jahr auf Helgoland geboren, für Urlauber ein einzigartiges Schauspiel.
"Wo hat man sonst in Deutschland die Möglichkeit, wilde Tiere aus nächster Nähe zu beobachten?", findet Blädel. Nur 30 Meter Abstand müssen die Urlaubsgäste halten, um die Robben zu beobachten. Und die lassen sich von den Zweibeinern nicht stören. Etwa 70 bis 80 Kegelrobben und 200 bis 300 Seehunde ruhen sich regelmäßig auf der Helgoländer Düne aus. Blädel muss im Winter die Jungen markieren und außerdem dafür sorgen, dass der Bestand gesund bleibt. Einen Großteil seiner Arbeit verursachen wohlmeinende Urlauber, die am Strand ein "armes krankes Robbenbaby" entdecken und gleich die Seehundjäger rufen. "Meistens handelt es sich dann um schwere Bullen, die einfach nur ein Nickerchen machen", grinst Blädel.
In den Wintermonaten haben die Übernachtungsgäste die Chance, das Insel-Wahrzeichen, die "Lange Anna", in absoluter Einsamkeit zu erleben. Wenn es auf Helgoland so richtig stürmt und pfeift, scheuen sogar die Bewohner den kurzen Weg zu dem fast 50 Meter hohen, in der rauen Winter-See besonders beeindruckenden Buntsandsteinfelsen an der Nordwestspitze. Dort nagen Wind und Wellen unaufhörlich an der Insel. Die Tage des "einzigen freistehenden Felsturms Deutschlands", wie es in einem Prospekt heißt, dürften gezählt sein.
In 70.000 Jahren gibt es Helgoland nicht mehr
Wie viele Jahrzehnte oder gar Jahrtausende die "Lange Anna" noch steht, weiß niemand. Klar ist laut Kurdirektor Christian Lackner nur: "In 70.000 Jahren wird Helgoland verschwunden sein." Genug Zeit also für erholungssuchende Landratten, die sich auf der winzigen Insel die reine Meeresluft um die Nase wehen lassen wollen.
Über die beste Aussicht in die winterliche Nordsee-Wetterküche, in der sich Regen, Wind und Sonne ständig abwechseln, können sich die beiden Leuchtturmwärter Carsten Käden und Jens Röw freuen, die mit ihren Familien am Fuß des Turms wohnen. Käden ist eigentlich Radio- und Fernsehtechniker, mit der Stelle auf Helgoland hat er sich einen Kindheitstraum erfüllt. "Ich wollte früher immer zur See fahren", erzählt der 46-Jährige. Jetzt kann er vom Helgoländer Leuchtturm aus die Schifffahrt in der Deutschen Bucht überwachen.
Für die meisten der 1.500 Insulaner bieten die Wintermonate Zeit zum Verschnaufen, doch spätestens ab Februar freuen sie sich wieder auf den sommerlichen Trubel. So wie die junge Hotelwirtin Angelika Luckner, die von ihren Großeltern das kleine Hotel Miramar übernommen hat. "Ich mag den Winter", erklärte sie. "Aber so langsam würde ich gern wieder ein paar neue Gesichter sehen." Ab Ostern geht die nächste Saison los - dann gibt es wieder jeden Tag Tausende neuer Gesichter.


