Metropole der Gegensätze: Hongkong: Zehn Jahre Schieflage
zuletzt aktualisiert: 01.07.2007 - 15:51Hongkong (RPO). Am Sonntag, dem 1. Juli, feiert Hongkong seine zehnjährige Loslösung von der britischen Krone. 1997 übernahm die Volksrepublik China die Kontrolle über die Metropole von den Briten. Seit dieser Zeit ist Hongkong eine Sonderverwaltungszone.
Beim Jubiläum wird viel von der wachsenden Wirtschaft die Rede sein, nicht aber wird das Elend der Menschen. 1,25 Millionen der 7 Millionen Einwohner Hongkongs leben in winzigen Käfigen, wie sie in den 40er Jahren des vergangenen Jahrhunderts für die zahlreichen Flüchtlinge des chinesischen Bürgerkriegs errichtet wurden.
Kong Siu Kan und sein Mitbewohner Tai Yump Po teilen sich zusammen mit neun anderen Menschen ein solches Käfigappartement. Jeder hat in seinem an einen Kaninchenstall erinnernden Raum gerade mal Platz für ein Bett. Er habe sich nicht träumen lassen, dass er einmal hier landen werde, erzählt der 61-jährige Kong. Jahrelang habe er sich bemüht, einen Arbeitsplatz zu finden - vergeblich. "Jetzt habe ich ein Alter erreicht, in dem mich keiner mehr haben will", fügt er resigniert hinzu.
Gegensatz: Arm und Reich
Der Graben zwischen Arm und Reich wird immer größer. Amtlichen Angaben zufolge verfügte im vergangenen Jahr etwa ein Haushalt von zehn über ein Monatseinkommen von weniger als 4000 Hongkong-Dollar (380 Euro). 1996 waren es sieben Prozent. Andererseits verdienen 17 Prozent der Einwohner Hongkongs mehr als 40.000 Hongkong-Dollar im Vergleich zu 15 Prozent im Jahr 1996.
Die Wirtschaft hat sich von der Krise des Jahres 1997 und den verheerenden Folgen der SARS-Epidemie erholt. Hongkong brüstet sich damit, unter seinen Einwohnern mehrere von Asiens Superreichen und mehr Louis-Vuitton-Geschäfte als Paris oder New York zu haben. Doch gleichzeitig hat die Zahl der Menschen mit Hungerlohnjobs rasant zugenommen. Auch diejenigen, die 55 Stunden in der Woche arbeiten, um über die Runden zu kommen, werden immer mehr.
Die Annäherung an China hatte zudem zur Folge, dass zahlreiche Unternehmen aus Hongkong ins "Mutterland" abwanderten - der noch besseren wirtschaftlichen Möglichkeiten und der noch niedrigeren Arbeitslöhne wegen. In Hongkong schrumpfte dadurch das Arbeitsplatzangebot. Um überhaupt arbeiten zu können, erklärten sich viele Beschäftigte zu Lohneinbußen bereit.
Leben an der Armutsgrenze
Herr Leung, der seinen vollständigen Namen nicht nenen möchte, ist ein chinesischer Einwanderer. Er arbeitet sechs Tage die Woche jeweils zwölf Stunden lang als Wachmann und bekommt dafür monatlich 6.000 Hongkong-Dollar. Seine Frau verdient in einem Restaurant 4.000 Hongkong Dollar dazu. Doch es reicht kaum, um ihre beiden Kinder durchzubringen.
Die Familie gehört zu den 130.000 Menschen mit "inadäquatem Wohnraum", wie es in der Bürokratensprache der Stadtverwaltung heißt. Fenster hat die Behausung nicht. Die Lüftung besteht aus ein paar Löchern in der Wand. Der feuchte Betonboden ist voller Risse. Die Toilette hat keinen Sitz. Die Kinder müssen ihre Hausaufgaben auf dem Stockbett machen. "Hongkong ist super - oder?", sagt Leung in einer Mischung aus Sarkasmus und Verzweiflung.


