In einer Stunde um die eigene Achse: Jede Etage im Turm von Dubai soll sich drehen
zuletzt aktualisiert: 08.06.2009 - 16:36Dubai (RP). Bauwerke strahlen Beständigkeit aus und scheinen unveränderlich der Zeit zu trotzen mit ihrer Ansicht, die ein Stadtbild prägt. Zumindest war das so. Bis jetzt. Denn in Dubai soll nun der „Dynamic Tower“ entstehen – ein Drehturm, dessen Form im stetigen Wandel ist: Jedes seiner 80 Stockwerke dreht sich um eine Mittelachse.
Mit drei Meter pro Minute. In etwa einer Stunde hat sich so eine Etage einmal vollständig gedreht. Doch je nach Wunsch der Bewohner kann die Rotation angehalten oder verlangsamt werden. Dadurch soll eine ganz eigene Dynamik das Bauwerk prägen, das sich 420 Meter in den Himmel von Dubai erheben soll. Ein Turm, mit dem der italienische Architekt David Fisher die Zeit als vierte Dimension neben Länge, Höhe und Breite in die Baukunst einführen will.
Die Idee dazu hatte Fisher nach eigenen Angaben in der New Yorker Wohnung eines Freundes. Er habe dort gleichzeitig die beiden Flüsse Hudson und East gesehen. Damals hatte er sich gefragt, wie man mehr Menschen einen solchen Ausblick möglich machen könnte. Daraus entstand das 540 Millionen Euro teure Bauprojekt, das mehr als nur in der Formensprache Akzente setzen soll.
Turm erzeugt eigenen Strom
So wird der Turm unabhängig von jedem Kraftwerk sein. Vielmehr erzeugt er seinen Strom selbst. Dafür setzt Fisher auf deutsche Technologie und sieht zwischen jeder Etage horizontale Windkraft-Anlagen vor. In den 80-stöckigen Gebäude ist damit Platz für 79 Turbinen, die jeweils etwa 0,3 Megawatt Leistung erzielen sollen.
Bei 4000 Stunden Wind im Dubai wären das 1,2 Millionen Kilowattstunden pro Anlage. Alleine das sollte nach Fishers Rechnung reichen, um nicht nur die Bewohner mit Energie zu versorgen, sondern sogar Strom ins Netz zurück zu speisen. Zusätzlich werden auf dem Dach jeder Etage Photovoltaik-Elemente eingebaut. Der Architekt geht davon aus, dass etwa 20 Prozent eines Daches mit dem Licht der Sonne Strom produzieren wird. Bei 80 Stockwerken würde sich das am Ende zu einer Dachfläche von zehn bis 16 Etagen summieren. Der „Dynamische Turm“ wäre ein grünes Kraftwerk mitten in der Innenstadt.
Doch auch beim Bau verfolgt der Architekt neue Ziele. „Seit dem Bau der Pyramiden durch die Ägypter hat sich nicht viel verändert. Der Mensch legt einen Stein einen Ziegel auf den anderen“, so Fisher. Die modernste Gebäude der Welt, die voller Hightech stecken und möglichst effizient sein sollen, würden mit Techniken aus der Antike errichtet.
Fisher verfolgt darum einen neuen Weg: Nur die Hauptachse des Turms wird innerhalb von dreieinhalb Monaten vor Ort errichtet. Die einzelnen Stockwerke dagegen werden fertig ausgestattet in einer italienischen Fabrik gefertigt – aufgeteilt in viele Einzel-Module. Nur so kann die Zentralnabe die am Ende knapp 59 mal 53 Meter großen Etagen auch tragen. In Dubai müssen sie mit Kränen nur noch an ihren Platz gehievt und mechanisch aneinander gehakt. Die Bauzeit pro Stockwerke beträgt so sechs Tage statt sechs Wochen in traditioneller Bauweise.
Diese neue Form des industriellen Errichtens soll nicht nur die Lärm-, Abfall und Staubbelastung in der Innenstadt entscheidend senken: Statt mehr als 2000 Bauarbeiter werden nur noch 80 vor Ort benötigt. Weitere 600 sind in Italien mit der Fertigung der Module beschäftigt. Die Unfallgefahr sei dadurch sehr viel geringer und die Kosten würden um zehn Prozent, die Bauzeit sogar um 30 Prozent gesenkt werden: Dezember 2010 soll der Turm darum bereits fertig sein.
Durch die standardisierten Bau-Elemente soll zudem die Wartung einfacher sein, weil alle Versorgungsleitungen sich immer am gleichen Platz befinden – unabhängig davon, wie eine Etage entsprechend den Kundenwünschen gestaltet wurde.
Die ersten 20 Stockwerke sind dabei als Büroflächen ausgelegt, die darauf folgenden 15 als Sechs-Sterne-Hotel. Daran schließen sich 35 Stockwerke mit Luxusappartements mit ab 124 Quadratmeter Wohnfläche an. Die obersten zehn Etagen bezeichnet Fisher als bis zu 1200 Quadratmeter große Villen – mit Parkplatz vor der Tür: Die Bewohner fahren mit ihrem Auto in einen Aufzug, der sie samt fahrbaren Untersatz in ihre Villa in mehrere hundert Meter Höhe bringt.
Zweiter Turm in Moskau geplant
Ein Luxus, der allerdings einen Preis hat. Eine der Villen kostet mehr als 28 Millionen Euro, ein Apartment „nur“ knapp drei Millionen Euro. Trotzdem sollen für die 200 Wohnungen bereits 1000 Anfragen vorliegen. Wer in Dubai leer ausgeht, kann sich bald in Moskau umsehen: Dort soll der zweite Drehturm mit 70 Stockwerken entstehen.


