Ein Angebot von Superlativen: Kanton Wallis : „Swiss miniature“:
zuletzt aktualisiert: 06.10.2003 - 13:37Erwähnte ich schon, dass 47 von 48 4000-er-Bergen der Alpen im Schweizer Kanton Wallis stehen? Verzeihen Sie den ungewöhnlichen Beginn einer kleineren Reisebeschreibung durch den „trockensten“ Kanton eines der „kleinsten“ Länder Europas, das gleichwohl über den „höchsten“ Weinberg Europas verfügt, stolz ist auf die Touristenattraktionen der jeweils „höchst-gelegenen“ Eisgrotte sowie der „größten“ Eisgrotte der Welt und sich als das „einzige“ Herz der Alpen fühlt!
Aber so ist das auch im Kanton Wallis mitten in der Schweiz: Sie können den Superlativen der Tourismus-Manager und ihrer äußerst regen und erfolgreichen Marketing-Strategie im Land der Eidgenossen kaum entgehen.
Doch der Reihe nach. Zwölf Millionen Übernachtungen registriert das Wallis im Jahr. Knapp die Hälfte im Sommer, gut die Hälfte im Winter, wenn Zermatt mit seinen Schneeparadiesen und dem „gigantischen“ (!) Schneepisten-Angebot lockt. Nur nebenher: Irgendwo im Wallis kann man übrigens an 300 Tagen im Jahr immer Ski-Fahren.
Aber im Sommer? Heiß ist es im Wallis. Sehr heiß. Und trocken. Sehr trocken. Und doch haben die Walliser ein faszinierendes touristisches Angebot zusammengebracht. Eine Mischung aus Erlebnis, Genuss, Fitness, Natur und Kultur.
Die Region „Rund um Visp“ nennt sich selbst das „Wallis im Taschenformat“. Tatsächlich bieten die 24 urigen Dörfer, die wie perfekte Vogelnester in die Bergschluchten gehängt sind, einen wunderbaren Querschnitt durch das wallisische Ferien-Angebot. Mountain-Biker, Sport- oder Familien-Wanderer finden allein auf dem sanften Augstbord-Plateau zwischen 1200 und 1600 Metern 100 Kilometer markierte Wanderwege, dazu 60 Kilometer Biker-Rundstrecke. Auf dem höchsten Weinberg wächst der landeseigene berühmte Haida-Wein bis auf 1100 Meter Höhe.
Die Visperterminer Weinbauern haben sich dort zur St. Jodern Kellerei zusammengeschlossen und nennen ihren Vorzeigewein, den sie wiederentdeckt und über Jahrzehnte neu auf- und ausgebaut haben, stolz die Perle der Alpenweine. Tatsächlich hat er einen eigenwilligen, sehr würzigen oder - wie wohlmeinende Kenner sagen würden - sehr speziellen Geschmack. Aber zu einer Vesperplatte mit Bündner Fleisch ist er kaum zu übertreffen. Am ersten Samstag im September huldigen dem Haida deshalb jeweils mehr als 1000 Feinschmecker entlang des Reblehrpfades durch den höchsten Weinberg Europas, vorbei an sechs Posten, an denen sie jeweils ein Gang eines urigen Walliser Menüs mit einem edlen Proben-Tropfen erwartet. Manchmal erzählen die Walliser den Weinschmeckern auch von lustigen eigenen Erkenntnissen. Etwa, dass man zu Wein kein Brot nimmt, weil das die Geschmacksnerven verklebt. Aber alles in allem kommen Feinschmecker hier doch auf ihre Kosten.
Ebenfalls im September holen die Bauern ihre Kühe von der Alm - natürlich wie alle solche Ereignisse in den Alpen ein „Super“-Fest. Wer schon den Auftrieb der Walliser Kühe im Juni verpasst hat, der mit einzigartigen „Ringkuh-Kämpfen“ beginnt, in dem die Tiere die Stärkste unter sich zur Anführerin ausfechten, der sollte sich jedenfalls den Abtrieb nicht entgehen lassen: In Gspon, einem Ort, den man besser per Seilbahn erreicht, weil die Anfahrt mit dem Auto ein kleines Vermögen an Gebühren kostet. Dafür sieht man dort neben kämpfenden Kühen auch den - wie könnte es anders sein - „höchstgelegenen“ Fußballplatz Europas.
Bleibt die Kultur: Man kann sich die Mühe machen und das Grab Rainer Maria Rilkes besuchen in Raron, das auf einem Kirchhof hoch oben auf einem Felsen liegt, in den die Einheimischen eine kühle Kirche hinein gesprengt haben. Vermutlich ist es die „einzige“ Innerfelskirche Europas. Oder man huldigt dem Ursprung der Eidgenossen in den hohlen Gassen von Außerberg. Hier ist man stolz darauf, sich als Ort erkennen zu geben, aus dem Wilhelm Tell stammen könnte. 13 Häuser haben sie ausgegraben, die eine Verbindung zum einzigen Revolutionär der Schweizer erkennen lassen - und gleich einen Brunnen gebaut, der das 700-Jahre-Jubiläum des Zusammenschlusses der fünf Kerngemeinden dokumentiert - natürlich mit Armbrust im Relief. Odilo Schmidt - der Bürgermeister - ist stolz darauf, dass sich seine eigene Ahnentafel bis in diese Zeit zurückverfolgen lässt.
Oder man erkundet die Bergwelt des Wallis ganz anders: Wandern an den Suonen entlang, jenen künstlich angelegten Kanälen, mit denen die Walliser rund um Visp Wasser in ihr Tal holen, um es trotz Trockenheit und Hitze grün zu halten. Nach einer Zwei-Stunden-Wanderung wird man am Ende des Baldschiedertales von Hans und Annelies empfangen, die dort jedes Wochenende und alle Ferien mit ihren Kindern in ihrem Blockhaus „ZeSteine“ - „Zu den Steinen“ - verbringen. Es gibt Wein, Bier, Brot, Salat, Käsefondue und sogar Kartoffelchips. Und Wasser.
„Man kann“, sagt Odilo Schmidt, „lieber ein Fass Wein auskippen, als einen Schluck Wasser verschenken.“ Denn auch wenn die Weinbauern von St. Jodern das anders sehen mögen: Wasser - das ist etwas Besonderes, das ist das eigentliche Lebenselixier im trockenen Wallis. Fast so wichtig wie die 47 von 48 4000-er-Berge für den Tourismus.
Von Thomas Seim


