Gigantische Kreuzfahrtschiffe: Kleinstädte auf hoher See
zuletzt aktualisiert: 27.09.2009 - 15:25Düsseldorf (RPO). Immer gigantischer werden die neuen Kreuzfahrtschiffe. Wegen ihrer enormen Größe können sie längst nicht mehr alle Häfen ansteuern. Und an Bord haben die Passagiere die Qual der Wahl. Auch das Freizeitangebot erreicht neue Dimensionen.
Es ist schon der sechste Tag auf dem Schiff, und noch immer sind nicht alle Aktivitäten ausprobiert: Geht es heute zum Golfspielen oder in den Formel-1-Simulator? Zum Einkaufen, an die Kletterwand oder auf die Eislaufbahn? Eine solche Qual der Wahl erleben Reisende auf hoher See immer öfter. Denn die Kreuzfahrtbranche stellt einen Megaliner nach dem anderen in Dienst, und mit den Abmessungen der „Spaß-Schiffe“ wächst auch deren Freizeitangebot.
Am Jahresende 2009 erreichen die Kleinstädte auf hoher See mit der „Oasis of the Seas“ abermals eine neue Dimension. Das 360 Meter lange Schiff der US-Reederei Royal Caribbean International (RCI) für 5400 Passagiere übertrifft die bisherigen Rekordhalter deutlich. Auch die drei Schiffe der RCI-Freedom-Klasse sind mit 339 Metern länger als drei Fußballfelder - sie sind allerdings für maximal 4375 Urlauber ausgelegt.
Mit kaum kleineren Schiffen verstärken sich auch Reedereien aus Europa: So bekommt Costa Crociere mit der „Costa Pacifica“ ein drittes Schiff für 3780 Passagiere, und MSC hat mit der „Fanstasia“ und der neuen „Splendida“ dann zwei Schiffe für 3959 Gäste in ihrer Flotte.
Bei diesen Größenordnungen wird das Schiff selbst zur Destination. „Das ist unsere Philosophie“, sagt Falk-Hartwig Rost, MSC-Deutschland-Chef in München. Gerade in der Sommersaison gebe es zunehmend Gäste, die während der Reisen nicht so oft von Bord gehen. „Es sind noch keine 50 Prozent, aber die Zahl steigt“, sagt Rost. Eingesetzt werden die großen MSC-Schiffe in Südeuropa. „Der Gast muss nicht das Bedürfnis haben, von Bord zu gehen“, meint auch Tom Fecke, Deutschland-Direktor bei RCI. Ein Schiff der neuen Rekord-Größenordnung spreche damit eine neue Zielgruppe an: Menschen, die Alternativen zum Resort-, Sport- und Aktivurlaub suchen. Denen will RCI auf der „Oasis” sieben „Lifestyle-Areale” bieten, darunter einen „Central Park” mit Bäumen und am Heck ein „Aqua Theater” mit einem großen Pool, der abends zur Showbühne wird.
Die Karibik-Ziele, die RCI mit der „Oasis of the Seas” ansteuert, sind im Winter 2009/10 zunächst Charlotte Amalie auf der Insel St. Thomas, Philipsburg auf St. Maarten und Nassau auf den Bahamas - nur drei Stopps bei sieben Übernachtungen. Es bleibt also Zeit genug, das Schiff und seine Einrichtungen an Seetagen zu erkunden. Im Mai 2010 kommen Falmouth auf Jamaika und Cozumel in Mexiko sowie ein RCI-Privatstrand in Haiti als Ziele hinzu. Zum Teil müssen für das Riesenschiff Hafenzufahrten ausgehoben und Piers verbreitert werden.
Schiffe zu groß für manche Häfen
Die zunehmende Schiffsgröße bringt also auch neue Probleme: Die Zahl der Reiseziele, die angesteuert werden können, wird kleiner, sagt Helge H. Grammerstorf, Chef des Kreuzfahrt-Beratungsunternehmens SeaConsult in Hamburg. Die Reedereien betonten die große Vielfalt an Bord auch deshalb so gerne, „weil es logistisch ein Problem ist, so viele Gäste an Land und wieder aufs Schiff zu bringen“. Auf griechischen Kykladeninseln könnte es dann eng werden. „Und wenn in kroatischen Häfen so ein Schiff auf Reede liegt und die Passagiere wieder zurück wollen, dann stehen die in Viererreihen in einer Schlange, die sich quer durch den Hafen bis in die Altstadt zieht.“
Für größere Schiffe seien manche Städte deshalb nicht so gute Anlaufhäfen, darunter auch Mahon auf Menorca, Monte Carlo und Villefranche in Südfrankreich. „Mittelmeer-Rennstrecken“ mit Stopps in Palermo, Marseille, Tunis, Malta, Palma de Mallorca, Barcelona und Piräus seien jedoch „alle kein Problem“, sagt Ulrich Göz, Verkaufsleiter von Costa Deutschland in Neu-Isenburg.
Für die immer größeren Schiffe werden außerdem Start- und Zielhäfen mit einer sehr guten Anbindung an die Flug- und Bahnnetze gebraucht, erklärt Helge H. Grammerstorf. Die Folge seien Routenpläne, die sich immer ähnlicher werden. Kleinere Schiffe hätten den Vorteil, dass sie auch kleinere Häfen ansteuern können. Wer heute Kreuzfahrten mache, weil er fremde Länder kennenlernen wolle, sei auf großen Schiffen eher nicht richtig.


