Die Provence in der Adventszeit: Knoblauch für das himmlische Kind
VON INGRID OSTHEEREN - zuletzt aktualisiert: 03.06.2003 - 10:22Eine Reise in die Provence zur Adventszeit kann zu einer Entdeckungstour in Sachen Weihnachtskrippen werden. Die Provence im Winter. Von Düften Rosmarin, Lavendel, Ginster keine Spur. Die Tage sind ebneso grau wie anderswo, Wind
pfeift durch kahles Geäst, die Luft schmeckt nach Kälte.Das Haus am Hang vor Vaison-la-Romaine wirkt ohne sein Kleid aus Weinlaub seltsam abweisend. Die Räume durchzieht der herb-warme Geruch des Kaminfeuers. Marin hat die Kartons aus der Abstellkammer geholt, und beim Auspacken des Miniaturstalls und all der kleinen Persönchen, Tierchen und Sächelchen wäre es fast zum Streit gekommen. Cécile war dafür, den „Ravi“ endlich auszutauschen, warf er doch seit drei Jahren beim Anblick des himmlischen Kindes nur noch einen Arm entzückt in die Höhe. Der andere war bei einem Fall von der Kommode an der Schulter abgebrochen. Marin war dagegen. So viele Jahre war der „Ravi“ aus der berühmten Produktion von Marcel Carbonel nun schon im Haus. Weil man aber ohnehin den Weihnachtsmarkt von Arles besuchen wollte, wo jedes Jahr zur Freude der Enkel eine neue Figur erworben wird, stand schließlich auch der Kauf eines neuen „Ravi“ fest. Höchstes Entzücken äußert sich nun einmal nur mit beiden Armen himmelwärts. Und als Neuzugang wurde auch gleich der Lautenspieler ins Auge gefasst.
Die Krippe als szenische Darstellung der Geburt Christi im Stall gehört in der Provence zu Weihnachten, wie die Knoblauchmayonnaise Aioli zur festlichen Gemüseplatte. Krippendarstellungen als Mittel der religiösen Belehrung und Erbauung waren zunächst nur den Kirchen und Klöstern, den Palästen und Herrscherhäusern vorbehalten. In die Häuser der Bürger und Bauern drangen sie erst gegen Ende des 18. Jahrhunderts vor, als sie liturgisch keine Gnade mehr fanden und durch höchsten Erlass aus den Kirchen entfernt werden mussten, weil sie der Obrigkeit als „lächerlich“, ja „ärgerlich“ galten.
In Österreich sorgte Kaiser Joseph II, der Sohn Maria Theresias für ein landesweites Krippenverbot. Auch den Bürgern von Marseille wurde 1791 drei Jahre nach der Revolution untersagt, Weihnachtskrippen in den Kirchen aufzustellen. Weil man auf die geliebten Krippen nicht verzichten wollte, gingen sie sozusagen in den Untergrund, in die Häuser der Bürger und Bauern, und wurden dort zum Ausdruck einer tiefen und innigen Volksfrömmigkeit. Jede Familie, die auf sich hielt, richtete zu Hause eine prunkvolle Krippe ein, die gegen Entgeld auch besichtigt werden konnte. Die weite Verbreitung war nur möglich, weil neben den aus Holz geschnitzten Krippenfiguren und den kostbar gekleideten Figuren aus umwickeltem Draht mit kunstvoll modellierten Wachsköpfen und -händen, Glasaugen und echtem Haar, nun auch wesentlich preiswertere aus gebranntem Ton in den Handel kamen.
Das Zentrum der Darstellung nimmt auch bei bescheidenen Inszenierungen die Heilige Familie ein, wie sie das Lukas-Evangelium beschreibt: „Und sie fanden beide, Maria und Josef, dazu das Kind in der Krippe liegend“. Zur Gottesmagd Maria, dem schützenden Josef und dem göttlichen Kind in der Futterraufe gesellen sich nach der Überlieferung Ochs und Esel im Stall, die Hirten und ihre Herden, die himmlischen Heerscharen und am 6. Januar die drei Weisen aus dem Morgenland. Ihre Geschenke „... und schenkten ihm Gold, Weihrauch und Myrrhe“ ist bei Matthäus zu lesen gaben bald Anlass, eine Vielzahl von bescheideneren Gabenbringern um die Wiege des Herrn zu scharen. Bald scheint es, als würde das Ereignis der Menschwerdung im fernen Orient zum Vorwand, das Leben der kleinen Leute im Hier und Heute in seiner bunten, prallen Vielfalt darzustellen. Als Gabenbringer aus dem Volk zog nämlich in Italien, Spanien, Frankreich und Portugal ein buntes Arsenal an bodenständigen Volkstypen ein.
Für diese Sonderform der volkstümlichen, besonders liebenswerten Krippen ist die Provence bekannt. „Santons“, kleine Heilige, nennt man die stoffbekleideten Puppen und die kleinen Tonfiguren, die sich aus allen Volksschichten, Berufsständen und Altersstufen rekrutieren. Sie werden Teil des umfassenden Weihnachtswunders, das ebenfalls Lokalkolorit erhält: Es spielt nicht etwa im Vorderen Orient spielt, von dem man nur eine vage Vorstellung hat, sondern in einem provenzialischen Stall, einer verfallenen Scheune, einer Schafhütte auf dem Feld, oder einem Bauernhaus, dem „mas“.
Zur Heiligen Familie, den Hirten, den Engeln und den Königen aus dem Morgenland gesellt sich in dieser lokalpatriotischen Inszenierung der Heilsgeschichte die provenzialische Dorfgemeinschaft. Da sind die Trommler, die Pfeifer und die Trompeter, die dem Jesuskind ihre Musik zum Geschenk machen. Alles lokale Handwerk ist ebenfalls präsent: der Bäcker, der Schuster, der Müller, der Fischer und das Fischweib mit dem Korb, der Reisigsammler, die Kürbisbäuerin, die Käsefrau, der Scherenschleifer, die Lavendelschnitterin, die Eierfrau. Es kommen der Bürgermeister mit seiner Gattin, der Blinde mit seinem Sohn, der Zigeuner mit dem Tanzbären und der Maronihändler mit seinem Röstofen. Nicht fehlen darf die Frau mit dem schwarzen Huhn: In der Provence war es Sitte, dass der Wöchnerin von den Frauen des Dorfes eine nahrhafte Suppe aus einem schwarzen Huhn gekocht wurde, die als besonders stärkend galt.
Eine wichtige Rolle spielt auch der Knoblauchträger. Knoblauch stand ja nicht nur für die Küche, sondern auch als Medizin bei der ländlichen Bevölkerung hoch im Kurs. Spaßig wirkt das rundliche Bürgerpaar Grasset und Grassette unter dem roten Regenschirm. Besonders beliebt bei den Kindern ist neben dem „Ravi“, zu dem es auch ein weibliches Pendant gibt, der trottelige Bauernknecht Pistachié und der „Boumian“, die Verkörperung des Bösen, der an der Krippe allerdings zum Guten bekehrt wird.
Das bunte Personenarsenal ist längst zu einem beliebten Sammelgebiet geworden. Santons finden sich in Museen ausgestellt und im Dezember auf Weihnachtsmärkten oder werden rund ums Jahr von spezialisierten Geschäften feilgeboten. In der Provence gibt es viele kleinere und größere Werkstätten, die nach eigenen Entwürfen Santons gestalten. Vom sorgfältig modellierten Tonmodell wird eine Gipsform genommen, mit der anschließend rund 200 bis 1000 Figuren aus der weichen Materie gepresst werden können. Nach dem Trocknen werden sie gebrannt und dann von Hand in leuchtenden Farben bemalt. Noch heute treten die Santons in der traditionellen Kleidung ihrer Entstehungszeit auf.
Berühmte Werkstätten gibt es in der Großstadt Marseille, dem Ort, wo alles begann. Besonders begehrt bei den Sammlern und entsprechend teuer sind die streng typisierten, aus der Form gegossenen Tonfiguren des Marseiller Santonniers Marcel Carbonel.
Wer sich auf dem Land umschaut, wird aber auch dort recht originelle Santonniers entdecken, wie Philippe Fournier in Séguret, oder die junge Keramikkünstlerin Beatrice Marguerat, die in der Nähe des kleinen Dorfes Le Beaucet witzige naive Santons aus Ton formt und bemalt. In Handarbeit hergestellt ist jedes ihrer kleinen provenzalischen Figürchen ein Unikat, begehrt bei Sammlern, die mit jedem Erwerb die „schönste Geschichte der Welt“ bunter gestalten, liebenswerter, heiterer und provenzalischer.


