Alte Hauptstadt Santiago de Cuba lockt als Wundertüte: Kuba: Tourismus als Hoffnungsbranche
VON DR. TORSTEN CASIMIR - zuletzt aktualisiert: 19.03.2004 - 16:33Dulce Junco hat keine Zähne mehr. Aber ein sympathisch verschmitztes Lächeln. Und eine Geschäftsidee: Sie vermietet in dem pittoresken Dörfchen Viñales weit in Kubas Westen Gästezimmer. Für zwei Personen nimmt sie 15 Dollar pro Nacht. Unabhängig von der Zahl der Übernachtungen muss die 70-Jährige jeden Monat 165 Dollar Steuern berappen. Der sozialistische Staat nimmt’s gern pauschal. Auf unsere Frage, warum sie ein solches Risiko eingehe, lächelt Frau Junco wieder ihr verschmitztes Lächeln und sagt: „Meine Gäste bekommen ein Frühstück, frisches Obst, leckere Säfte. Abends, wenn sie wollen, mache ich ihnen einen Mojito.“ Davon jedoch wissen Castros Zöllner nichts, das Geld bleibt ihr also abzugsfrei, illegal und gewinnbringend übrig. Fragt auch keiner nach, denn das machen mittlerweile alle so.
Socialismo o Muerte o B&B
Geschäftsideen sind kein Frevel mehr auf Kuba. Nach 45 Jahren Revolution steht zwar am Ende der Landebahn von Holguin immer noch in großen Lettern Socialismo o Muerte. Aber dem Volke dämmert heute, dass zwischen Sozialismus und Tod noch dritte Möglichkeiten schlummern; die will man nun wählen dürfen - und sei es nur, dass man auf eigene Faust „bed & breakfast“ anbietet, wie Dulce Junco, die frühere Direktorin der Dorfschule von Viñales.
Kuba verehrt ihn immer noch, seinen Maximo Lidér, aber es gehorcht ihm nicht mehr. Kuba hört ihm, dem Marathon-Redner, immer noch zu auf den Plazas de la Revolución, hunderttausendfach, aber mobil macht es mehr und mehr in eigener Sache. Nicht so sehr aus Gründen ideologischer Abkehr (Ideologie ist etwas durch und durch Unkaribisches), sondern weil nackte Armut den Weg in ein Staatswesen mit mehr Eigenverantwortung und Initiative weist.
Zum Beispiel für die Zimmervermieterin Junco. Ihre Rente liegt unter 200 Pesos. Davon kann sie sich nur die subventionierten Dinge leisten: Wohnungsmiete; die allernötigsten Lebensmittel, deren Rationierung der Staat durch Bezugsscheine (libreta) regelt; und eine (allerdings umfassende) Gesundheitsversorgung. Selbst ist also die Frau, der Mann. Vermietet wird privat. Zigarren werden außerhalb der offiziellen Fabriken gedreht und auf der Straße verkauft (wobei die „Cohiba“ nur selten eine Cohiba ist). Die alten Ami-Schlitten, Patchwork-Mobile mit russischen Dieselmotoren und Endschalldämpfern aus der DDR, werden schwarz in Hinterhofgaragen repariert.
Seit dem Zusammenbruch des Ostblocks ist Kuba allein zu Haus. Es gibt sie nicht mehr, die Brüderländer von einst, die alten Helfer in der Not. Heute wirtschaftet die Antilleninsel mit Bodenschätzen (Nickel), natürlich mit Tabak und - inzwischen der Devisenbringer Nr. 1 - mit wachsenden touristischen Angeboten. Zucker ist immer noch bedeutsam, aber nur politisch, weil die jährliche Ernte tausenden Zuckerrohrarbeitern, den Macheteros, Beschäftigung garantiert; das süße Geschäft haben die Weltmarktpreise längst verdorben.
Radfahrer auf der Autobahn
Tourismus, die Hoffnungsbranche, setzt auf Vielfalt. Man will die Fehler des Nachbarn „DomRep“ nicht wiederholen. Also baut Kuba vor allem im Norden und Osten neue Regionen aus. Man findet Hotels jeder Kategorie und Größe. Man kann sich auch per Mietwagen, Landkarte und guten Empfehlungen für Privatquartiere seine höchst persönliche Kuba-Route zusammenstellen. Über weite Teile der Insel führt eine dreispurig ausgebaute Autobahn - eine völlig überdimensionierte Verkehrsader, die von Pkw, Lkw, Pferde- und Eselsgespannen, Radfahrern und selbst Fußgängern genutzt wird. Ein Erlebnis zumal für Menschen, die sonst in Ballungsräumen Autobahnen nutzen.
Im Trend liegen in den Strandregionen All-inclusive-Angebote der Luxus-Kategorie. Mit ausländischem Kapital gebaut, als Joint-Venture geführt, trifft man zum Beispiel im Osten an der Atlantikseite auf architektonisch sehr sanft und landschaftssensibel angelegte Club-Anlagen. Hier findet der Gast eine abwechslungsreiche, erstklassige Gastronomie. Paradiesisch gebaute Unterkünfte: Man wohnt in kleinen Villen mit Garten und Hängematte und an beste Kolonialzeiten erinnernde Terrassen. Dort stehen mächtige Holzstühle, die einen auffordern, Platz zu nehmen mit Freunden oder einem guten Buch, auf der breiten Armlehne seinen Rum abzustellen, pur und ungekühlt, weil er so am besten schmeckt.
Paradies - tabu für Einheimische
Diese Art hoch zu preisender, indes auch hochpreisiger Erholung hat in der Tat etwas vom Paradies auf Erden. Ziemlich unparadiesisch nur, dass Eden für Einheimische immer noch tabu ist. Jeder Strand dem Volke? Das war einmal eine der schönen revolutionären Parolen. Deren Haltbarkeit - eine Geldfrage bloß. Nirgendwo bietet sich die Zwei-Klassen-Gesellschaft so krass dar wie im Tourismus-Geschäft. Was der zahlende Gast auf den Tisch bekommt, vom Fisch über delikates Frischobst bis zu den internationalen Köstlichkeiten, kann ein Kubaner nirgendwo beziehen, selbst dann nicht, wenn er es sich leisten könnte. Die Staatsläden führen derlei nicht im Sortiment. Luxus - ein Ausländerprivileg.
Dem Leben in den beiden großen Städten Santiago de Cuba und Havanna nachzuspüren, wäre allein eine zweiwöchige Reise wert. Jetzt und in den nächsten paar Jahren stellt sich heraus, ob den Verantwortlichen für das Weltkulturerbe Alt-Havanna eine nachhaltige Stadtplanung gelingt. Man hat die Gefahr eines toten Zentrums erkannt und versucht, die Abwanderung der Menschen in Außenbezirke zu stoppen. Die Idee dabei: eine kombinierte Nutzung der zum Teil prachtvollen Objekte mit Museen, Restaurants, Clubs und Shops unten und subventionierten privaten Wohnungen in oberen Stockwerken. Erste Projekte dieser Art sieht man bereits. Familien, deren Altstadt-Wohnung in dieser Weise restauriert wird, leben vorübergehend in akzeptablen Provisorien mitten in der Altstadt weiter. Auch Schulen, ein gutes System der Gesundheitsversorgung und sogar Altenheime baut man hier und da in Habana Vieja, diesem einstigen Tor zur Neuen Welt.
Intensiver noch, direkter, vitaler - karibischer eben - erlebt der Reisende in der alten Hauptstadt Santiago de Cuba die Wundertütenwelt einer Insel, die alles mit allem mischt. Die katholische Kirche organisiert dort rauschende Feste für die Jugend, selbstverständlich mit Salsa-Musik. Und dass der Katholizismus auf Kuba nicht ohne einen kräftigen Schuss afrokubanischer Nebengötter vorkommt - nun ja, eine Frage höherer und sehr alter Mächte ist das. Man lächelt drüber, statt sich zu ereifern.
Bezaubernder Gleichmut
Die unglaubliche Musik der Stadt, in der jeder, aber auch jeder, der hier wohnt, die entscheidenden Rhythmen im Blut hat - wie der Deutsche seinen Ausweis in der Tasche -, trägt etwas Wichtiges bei zur Leichtigkeit des Seins, zum bezaubernden Gleichmut der Menschen. In der legendären „Casa de los Estudiantes“ kann man einfach so vorbeischauen und den Studenten beim Üben zuhören. Da fallen einem die Ohren ab vor Staunen: eine Hingabe, ein Wille zur Perfektion, eine Konzentration! Als stünde in Holguin Salsa o Muerte.
In jeder besseren Bar spielen die Bands ihre Lieder im Trova-Stil, stets mit zwei Gitarren und Percussion, bei üppigeren Gruppen machen Bläser mit. Alle Generationen tanzen, elegant, gekonnt, spontan. Der Kubaner hat irgendwie seinen Körperschwerpunkt woanders als der Mitteleuropäer. Aber selbst diese traditionsreiche, begabte Musiknation ist nicht vor den eigenen Kulturcocktailmixern sicher. Und so hat sich schon ein alter Bekannter eingeschlichen in die Bars, Frank Sinatra, ständig spielen sie „I did it my way“. Das Motto, das auch zu Dulce Junco passt. Zu allen hier. Cubamerica - viva la revolución!


